bedeckt München

Kita-Standort:Kein Haus für Kinder

Bald heimatlos: Der Vermieter hat der Eltern-Kind-Initiative an der Osterwaldstraße wegen Eigenbedarfs gekündigt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Schwabinger Elterninitiative Osterwald muss ausziehen, doch neue Räume für die Betreuung zu finden, ist auf dem Münchner Mietmarkt fast aussichtslos. Das Problem kennen auch andere Einrichtungen

Von Jakob Wetzel

Über fehlenden guten Willen können sie nicht klagen. Die Mitarbeiter bei der Stadt zum Beispiel seien stets alle sehr hilfsbereit, wenn auch nie vollumfänglich zuständig, sagt Thaddea Selby-Lowndes von der Eltern-Kind-Initiative (EKI) Osterwald. Auch die Stadtteilpolitiker im Schwabinger Bezirksausschuss würden sich bemühen, sagt sie. Sogar die Basketball-Sparte des FC Bayern hilft mit: "Die Großen helfen den Kleinen", sagt Alex King, selber etwas mehr als zwei Meter groß und Rekordspieler der Basketball-Bundesliga, in einem Aufruf in den sozialen Medien in die Kamera. Doch, die Hilfsbereitschaft ist da. Nur geholfen ist der Elterninitiative damit noch nicht.

Das "Kinderhaus Osterwald" sucht dringend eine neue Bleibe. Seit mehr als 25 Jahren betreibt Selby-Lowndes' Elterninitiative in einem Häuschen in der Osterwaldstraße 82, am Rande des Englischen Gartens, einen Kindergarten. Vormittags sind hier 13 Kinder zwischen drei und sechs Jahren untergebracht, sie werden von einer Erzieherin und einer Kinderpflegerin betreut. Am Nachmittag kommen zwölf weitere Kinder in eine Spielgruppe. Doch seit Mai ist klar: So geht es nicht weiter. Der Vermieter hat den Vertrag wegen Eigenbedarfs gekündigt, die Kinder müssen raus. Die Eltern suchen seitdem händeringend nach neuen Räumen. Und sie sind mit diesem Problem nicht alleine.

Erst im vergangenen Jahr traf es etwa die Elterninitiative "Lehelden": Deren Kita mit damals 17 Kindern musste 2019 ihre bisherigen Räume in der evangelischen Lukaskirche im Lehel verlassen. Der Grund: ein Umbau. Für die Elterninitiative ging es am Ende gut aus. Sie fand tatsächlich neue Räume im Glockenbachviertel, also nicht allzu weit entfernt. Doch bis dahin hätten sie mehr als 70 Mietobjekte angefragt, erzählten Eltern - und nachdem den Vermietern klar war, dass eine Kita einziehen wollte, hätten nur fünf überhaupt ein Gespräch führen wollen.

Kindergärten haben es schwer auf dem Münchner Immobilienmarkt, und für Eltern-Kind-Initiativen gilt das noch einmal besonders. Denn anders als größere Träger seien Elterninitiativen ja darauf angewiesen, Räume in Wohnortnähe zu finden, sie könnten nicht auf Neubaugebiete am Stadtrand ausweichen, sagt Beate Frank vom Münchner Kleinkindertagesstättenverein (KKT), der Elterninitiativen berät. Immer wieder hörten sie davon, dass eine EKI in Not gerate, sagt Frank. Valide Zahlen hätten sie nicht; keine Elterninitiative ist gezwungen, sich beim KKT zu melden. Doch das Problem sei sichtbar, sagt Frank. Die Raumnot könne auch ein Faktor dafür sein, warum die Gründungswelle bei Elterninitiativen zuletzt abgeflacht sei. Viele Jahre lang haben sich zunehmend Eltern organisiert, um Lücken im Kita-Angebot in München zu schließen. In den Neunziger- und Zweitausenderjahren hat sich die Zahl der Krippen, Kindergärten und Horte von Elterninitiativen, die Mitglieder im KKT sind, in etwa verdreifacht. Seitdem aber stagniert sie, derzeit sind es etwa 275. Von einem EKI-Sterben könne man nicht sprechen, sagt Frank. "Aber es geht auch nicht mehr weiter."

Das Problem sei zum Beispiel die Angst vor Lärm, sagt Frank. Kinderlärm sei gesellschaftlich nach wie vor weniger akzeptiert als Verkehrs- oder Fluglärm. Auch deswegen hätten es Kitas schwer. Dabei seien sie eigentlich gute Mieter, denn dank der Förderung durch die Stadt fließe die Miete zuverlässig, und spätestens ab 18 Uhr sei auch alles friedlich. Selbst helfen kann der KKT nicht: Er vermietet und vermittelt keine Räume. Die Stadt könne vielleicht nachsteuern und die Bürokratie bei der Förderung hoher Mieten abbauen, sagt Frank. Ansonsten könne sie nur appellieren: "Vermieter, überdenkt eure Bedenken!"

Ihrem bisherigen Vermieter will die Elterninitiative an der Osterwaldstraße wegen der Kündigung keinen Vorwurf machen. Das seien Privatleute, und sie hätten das Haus mehr als 25 Jahre lang für eine günstige Miete zur Verfügung gestellt und damit gewissermaßen gefördert, sagt Selby-Lowndes. Doch die Suche nach einem neuen Haus - gesucht werden 65 Quadratmeter mit Küche und Bad - läuft zäh. Jede Woche treffen man sich nun zum Teil mehrfach in virtuellen Meetings, sagt Selby-Lowndes. Die Suche nach neuen Räumen sei für viele von ihnen schon eine Art Drittjob geworden, neben dem eigentlichen Beruf und den verschiedenen Tätigkeiten für die Elterninitiative. Dabei habe doch jedes Kind einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz.

Sie würden aber nicht nachlassen, erzählt Philippa Stahl vom Vorstand der Elterninitiative. Die Kita sei wie eine Familie. "Für uns alle ist gar nicht vorstellbar, dass wir nicht mehr existieren sollten." Seit dem Frühjahr haben die Eltern daher Makler, Immobilienbüros und Gewerbegebiete angeschrieben, haben Zeitungsannoncen geschaltet und auch die Schlösserverwaltung gefragt, ob es nicht Platz im benachbarten Englischen Garten gäbe. Ohne Erfolg. "Wir haben in jeden Briefkasten in der Nachbarschaft Flyer eingeworfen", erzählt Stahl. Die Eltern haben eine Webseite eingerichtet für ihr Kinderhaus, sie heißt kinder-ohne-haus.de. Sie haben Kontakte spielen lassen, etwa zum FC Bayern. Und sie würden auch in ein Haus außerhalb Schwabings ziehen, sagt Selby-Lowndes. "Um dieses Team zu erhalten, würden viele auch einen weiten Weg in Kauf nehmen." Doch trotz aller Mühen habe es bislang keinen einzigen sinnvollen Besichtigungstermin gegeben.

Hilfe naht nun womöglich von der Stadt. Wenige Hundert Meter nördlich des Kinderhauses steht ein Sportzentrum, das die Stadt 2018 für 35 Jahre vom Versicherungskonzern Allianz gepachtet hat. Dort stehe tagsüber ein Mehrzweckraum leer, heißt es in einem fraktionsübergreifenden Eilantrag des Schwabinger Bezirksausschusses, den dessen Vorsitzender Patric Wolf (CSU) formuliert hat. Nebenan liegt eine ungenutzte Freifläche, die man für Kinder herrichten könne.

Es sei noch vieles ungewiss, sagt dazu Thaddea Selby-Lowndes; bevor es konkret werde, müsse noch geklärt werden, ob eine Kita dort überhaupt möglich wäre. "Ich bin verhalten euphorisch", sagt sie; denn in einem Telefonat mit dem Baureferat habe es zuletzt zumindest nicht klar geheißen, dass eine Kita dort nicht möglich sei. Doch die Zeit drängt. Der Mietvertrag am alten Ort gelte zwar noch bis einschließlich August. Doch wenn sich keine neuen Räume finden, müssten sich die Eltern schon im Frühjahr um einen anderen Kita-Platz bemühen, und die Elterninitiative müsste ihrem Personal kündigen. "Wir brauchen bis Ende dieses Jahres Sicherheit", sagt Selby-Lowndes. Sonst droht das Aus.

© SZ vom 29.10.2020/lot/van
Zur SZ-Startseite

Kindergärten in München
:Nicht alle Eltern sind gleich

Im Streit über die städtischen Zuschüsse zu den Kita-Gebühren zeichnet sich eine Entscheidung ab - die das Problem wohl nicht lösen wird.

Von Jakob Wetzel

Lesen Sie mehr zum Thema