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125 Jahre Stadelheim:Eine eigene Welt hinter hohen Mauern

In einer solchen Zelle sind Menschen in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim untergebracht.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Der Arbeitslohn beträgt 1,26 Euro die Stunde, es gibt eine Anstaltskleidung und zwei Besuche im Monat: Wer in Stadelheim sitzt, hat ein sehr geregeltes Leben hinter Gittern.

Wer als Untersuchungshäftling von der Polizei in die Justizvollzugsanstalt Stadelheim gebracht wird, hat zu allererst das Aufnahmeverfahren zu absolvieren. Justizvollzugsbeamte schauen sich zunächst den Haftbefehl und das gerichtliche Aufnahmeersuchen an, auch die Personalien werden geprüft. Danach kommt der Häftling in die Zugangskammer, wo er sich ausziehen muss. Alle privaten Sachen werden ihm abgenommen, nur Schriftstücke, den Ehering und eine Uhr, sofern sie nicht wertvoll ist, darf er behalten.

Der Häftling bekommt Anstaltskleidung, blaue Hose, blaue Jacke, T-Shirts, Pulli, Hemden, Wäsche. Anschließend geht es in die Zugangsabteilung. Dort wartet ein Psychologe oder ein Sozialarbeiter auf den Häftling, man spricht über die persönlichen Verhältnisse, etwa ob Angehörige zu verständigen sind, ob er Kinder hat und wer sie betreut, was aus der Wohnung wird und dergleichen. Es folgt die medizinische Untersuchung durch einen der elf Anstaltsärzte. Ist alles in Ordnung, muss der Gefangene noch ein, zwei Tage in der Zugangsabteilung verbringen. Danach bezieht er seine Zelle, in der er in der Regel allein ist. Wer als suizidgefährdet gilt, erhält mindestens einen Zellengenossen.

125 Jahre

Hinter den Mauern von Stadelheim

"Unser Hauptaugenmerk ist die Resozialisierung", sagt Jürgen Nigl, Mitarbeiter der Dienstleitung und seit 25 Jahren Justizvollzugsbeamter. "Wir versuchen schon einen humanen Vollzug", fügt er hinzu. Ob das immer gelingt, lässt sich beim Lokaltermin nicht überprüfen, denn Gespräche mit Häftlingen sind untersagt. Stadelheim ist eines der größten Gefängnisse Deutschland, derzeit sind hier 1420 Personen inhaftiert. Rund 120 von ihnen sind weiblich, sie verbüßen ihre Strafe in der Frauenabteilung an der Schwarzenbergstraße. Auch eine Jugendarrestanstalt gibt es dort.

Die durchschnittliche Verweildauer der Stadelheimer Häftlinge beträgt Nigl zufolge 90 Tage. Nur 90 Tage? Ein Grund dafür ist, dass 70 Prozent der Gefangenen in Untersuchungshaft sind. Sie warten noch auf ihren Prozess. Die übrigen sitzen eine Haftstrafe ab, die in der Regel nicht mehr als neun Monate beträgt. "Nur einige wenige sind länger da", sagt Nigl. Menschen, die mehr als sieben Jahre im Gefängnis verbringen müssen, kommen zumeist in die Justizvollzugsanstalt Straubing, auch die Gefängnisse in Landsberg oder Bernau am Chiemsee sind für mehrjährige Haftstrafen vorgesehen. So will es der bayerische Vollstreckungsplan.

Wer eine Strafhaft verbüßt, ist zur Arbeit verpflichtet; Untersuchungshäftlinge sind es nicht, können aber freiwillig mitarbeiten. Für einfache Tätigkeiten wie Kartons falten oder Paletten bauen erhalten sie 1,26 Euro pro Stunde, für Arbeiten, die ein Fachwissen voraussetzen, gibt es 2,10 Euro. Für das Geld können sie einen Fernseher mieten oder auf einer vorgegebenen Liste etwa Kaffee, Schokolade oder Tabak bestellen. Stadelheim verfügt über etliche Fachbetriebe, deren Leistungen auch normalen Bürgern zur Verfügung stehen: eine Kfz-Werkstatt zum Beispiel, eine Schlosserei, eine Schreinerei, eine Gärtnerei. Es gibt Deutschkurse für ausländische Häftlinge, deren Anteil bei 70 Prozent liegt. Rund 100 Nationen sind in Stadelheim vertreten. Schulpflichtige Gefangene können hier den Quali oder mittlere Reife machen. Tobias Mörtel, einer der drei Lehrkräfte, unterrichtet gern im Gefängnis: "Die Klassen sind klein, und die Schüler ausschließlich sehr willig." Seine Kollegin stimmt zu: "Man ist hier frei - als Lehrer."

Drogendelikte sind die häufigsten Straftaten, welche die männlichen Häftlinge verübt haben. Fast ein Viertel der Gefangenen hat gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen. 20 Prozent haben sich des Diebstahls schuldig gemacht, 15 Prozent sitzen wegen Körperverletzung, Totschlag oder Mord. Bei den Frauen ist Diebstahl das häufigste Delikt (28 Prozent).

Wenn Gefangene Besuch erhalten, maximal zwei Mal pro Monat, ist ein Vollzugsbeamter im Besucherraum zugegen, Privatsphäre gibt es nicht. Nur mit Anwälten ist ein Gespräch ohne Überwachung möglich. Auf den 33 Stationen der Anstalt, sagt Nigl, "arbeiten 350 Kollegen rund um die Uhr". Gewiss kein leichter Job, in gewisser Weise sind sie auch eingesperrt. Wer über einen der fünf Gefängnishöfe spaziert, sieht die Fassaden der Trakte, die Mauer, den Himmel. Dass jenseits der Mauer die Stadt liegt, sieht man nicht. Stadelheim ist eine eigene Welt.

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