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Rockerkriminalität:Eine vorsorgliche Fußfessel

Auto fährt in München in Menschengruppe

Ungererstraße, 10. Juni 2020: Ein Großaufgebot an Polizisten sichert die Stelle, an der es zu der Attacke der Hells Angels kam.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Im Juni attackierten Anhänger der Hells Angels in der Ungererstraße einen 45-Jährigen. Dessen Aufenthaltsorte will die Polizei nun elektronisch erfassen - seine Anwältin ist empört und spricht von Täter-Opfer-Umkehr.

Von Julian Hans

Um weiteren Gewalttaten im schwelenden Konflikt zwischen verfeindeten Gruppen aus dem Rockermilieu vorzubeugen, will die Münchner Polizei dem Opfer des Angriffs in der Ungererstraße vom Juni eine elektronische Fußfessel anlegen. Eine entsprechende Vorladung wurde Ende vergangener Woche durch das für die organisierte Kriminalität zuständige Fachdezernat 3 verschickt. Ein Polizeisprecher bestätigte am Montag, dass es sich derzeit um den einzigen Fall in der Landeshauptstadt handelt, in dem eine Fußfessel vorbeugend zur Gefahrenabwehr angeordnet wurde.

Am 10. Juni hatten Anhänger der Hells Angels Charter Munich Area am helllichten Tag vor einem Supermarkt in der Ungererstraße Erdinc D. aufgelauert. Als dieser mit zwei Begleitern den Edeka verließ, schlugen die Angreifer erst einen 56 Jahre alten Begleiter nieder, die anderen konnten in eine Apotheke flüchten. Als sie zurückkamen, um ihrem Bekannten zu helfen, raste ein Transporter über den Gehsteig in die Gruppe. Einer der Angreifer stach auf den am Boden liegenden Erdinc D. ein. Alle drei konnten noch am selben Abend das Krankenhaus wieder verlassen.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hatte in einer ersten Reaktion nach der Tat erklärt, es sei "unerträglich, dass solche Bandenkriege auf offener Straße in München ausgetragen werden". Die Ermittler im Kommissariat für Rockerkriminalität wollen indes nicht von einem Bandenkrieg sprechen. Vielmehr geht es wohl um einen alten Streit zwischen dem 45-jährigen Erdinc D. und dem 41-jährigen Murat S., der noch in die Zeit zurückreicht, bevor Murat S. Chef des Charters der Hells Angels Munich Area wurde.

Seit dem Angriff in der Ungererstraße sind mehrere Hells Angels auf der Flucht oder untergetaucht. Vier Wochen nach der Tat veröffentlichte ein Anhänger der Rockergruppierung ein Foto auf Instagram, das angeblich in einem Hotel in Antalya aufgenommen worden sein soll. Darauf ist zu sehen, wie Murat S. zusammen mit drei weiteren Tatverdächtigen in einem Pool liegt. Alle vier halten ihre ausgestreckten Mittelfinger in die Kamera - offenbar als Gruß an ihre Verfolger.

Erdinc D. wurde nicht zum ersten Mal Opfer eines Messerangriffs. Im Mai 2015 wurde ihm und seinem Bruder bei einer Auseinandersetzung im Crowns Club in der Rosenheimerstraße ein Messer in den Bauch gerammt. Beide konnten nur mit Notoperationen gerettet werden. Seit November vergangenen Jahres wird in der Sache vor der 2. Strafkammer des Landgerichts gegen den Beschuldigten Kahled B. verhandelt. Erdinc D. tritt dabei als Nebenkläger auf.

Die Hells Angels um Murat S. zeigten vor Gericht massive Präsenz. Immer wieder mussten Gerichtsdiener und Polizei einschreiten, wenn die verfeindeten Gruppen am Gericht aneinandergerieten. Wegen einer Schlägerei vor dem Gerichtsgebäude wurden Ermittlungsverfahren gegen D. sowie gegen zwei Anhänger der Hells Angels eingeleitet. Im Herbst 2019 schlug D. in einem McDonald's in der Au auf einen Hells Angel ein und saß danach zwei Monate in Untersuchungshaft.

Adam Ahmed, der Verteidiger von Khaled B., wirft Erdinc D. vor, Zeugen unter Druck zu setzen. Der Staatsanwaltschaft liegt laut einem Bericht der Bildzeitung eine Sprachnachricht vor, in der D. den Hells Angels droht. Drohungen gebe es von beiden Seiten, sagt D.s Anwältin Julia Weinmann. Dass nun ausgerechnet ihr Mandant eine elektronische Fußfessel tragen soll, hält sie für nicht verhältnismäßig. "Man muss sich das mal vorstellen: Der Mann wird 2015 abgestochen, und jetzt zum zweiten Mal. Die Täter lässt man fliehen. Dann legt man dem Geschädigten Fußfesseln an", sagte Weinmann der SZ. Am Montag hat sie Beschwerde gegen die Fußfessel eingelegt.

Die sogenannte elektronische Aufenthaltsüberwachung war früher nur für verurteilte Straftäter vorgesehen. Seit der Novelle des bayerischen Polizeiaufgabengesetzes 2017 kann sie auch präventiv zur Gefahrenabwehr angeordnet werden. Seitdem wurden laut Staatsministerium des Innern insgesamt zwölf Personen per richterlicher Anordnung präventiv zum Tragen solcher Fußfesseln verpflichtet.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, die Nachricht, in der D. den Hells Angels angeblich drohen soll, sei dem Gericht von Anwalt Adam Ahmed präsentiert worden. Dies ist nicht der Fall. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

© SZ vom 04.08.2020/kafe
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