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Rockergruppen:Ein Schlag aus dem Nichts

Bestimmte Merkmale wie auffällige Tätowierungen machten Rocker früher als solche kenntlich.

Bestimmte Merkmale wie auffällige Tätowierungen machten Rocker früher als solche kenntlich.

(Foto: imago/Westend61)

Motorrad, Lederkutte, Tätowierung: Früher waren Mitglieder von Rockerbanden leicht zu erkennen. Doch diese Klischees sind inzwischen überholt - das zeigt sich nach dem brutalen Angriff der Hells Angels mitten in München immer deutlicher.

Von Julian Hans

Eine Woche nach der großen Aufregung, nachdem Anhänger der Hells Angels vor einem Supermarkt an der Ungererstraße in Schwabing mitten am Tag ihre Gegner angriffen und schon die Rede von einem Rockerkrieg war, sind die Rocker plötzlich verschwunden. Untergetaucht die einen, und der andere beteuert, nie ein Rocker gewesen zu sein.

Die Zuschauerbänke im Sitzungssaal B 275 bleiben leer, als am Freitagmorgen vor der 2. Strafkammer des Landgerichts München I der Prozess wegen der Messerstecherei im Crowns Club vor fünf Jahren fortgesetzt wird. Seit der Eröffnung der Hauptverhandlung im November vergangenen Jahres war das Gericht zu einem Ort geworden, in dem rivalisierende Gruppen mehr oder weniger offen ihre Konflikte austrugen. Es gab Provokationen im Sitzungssaal, Rangeleien auf dem Flur, Schläge auf dem Hof. Aber an diesem Freitag herrscht plötzlich Ruhe.

Die Hells Angels, die früher in Mannschaftsstärke erschienen waren, um dem Angeklagten Khaled B. ihre Unterstützung zu zeigen und anderen Prozessteilnehmern wohl ihre Stärke zu demonstrieren, sind diesmal nicht gekommen. B.s Verteidiger Adam Ahmed will derweil vom Nebenkläger Erdinc D. wissen: War er nun Mitglied der Straßengang Black Jackets oder nicht? Ein Bericht des Verfassungsschutzes legt das nahe. Erdinc D. bestreitet vehement.

In jener Nacht auf den 2. Mai 2015 kommt es bei einer Party mit dem Motto "Istanbul Nights" zwischen zwei Gruppen zum Streit: Ein Hells Angels feiert seinen Geburtstag. Rivalen des Klubs setzen sich an einen Tisch in der Nähe. Bald fliegen Gläser, Flaschen werden zerbrochen. Khaled B. soll es gewesen sein, der im anschließenden Gerangel dem damals 40 Jahre alten Erdinc D. und seinem jüngeren Bruder Ersin ein Messer in den Bauch gestoßen hat, so lautet die Anklage. Mit in der Runde der feiernden Hells Angels saß damals auch Murat S., genannt "Pitbull Murat". Heute tritt S. als Präsident der Hells Angels Munich Area auf, einem von zwei sogenannten Chartern des Rockerklubs in München. Seit dem Angriff in der Ungererstraße am 10. Juni sucht die Polizei S. und zwei weitere Männer aus seinem Umfeld. Zeugen haben ihn erkannt, nachdem der schwarze Kleintransporter vor dem Edeka in eine Gruppe von drei Personen gefahren war. Wieder war Erdinc D. Ziel der Attacke. Als er zu Boden stürzte, versetzten die Angreifer ihm einen Stich in den Rücken. Einem 65 Jahre alten Begleiter wurde das Gesicht blutig geschlagen, ein weiterer, 42 Jahre alter Münchner wurde vom Auto erfasst.

In der Ungererstraße blieb keine Harley zurück, sondern ein schwarzer AMG Mercedes

Mit den klassischen Rockerklubs, wie man sie sich vorstellt, haben die Hells Angels Munich Area nicht mehr viel gemeinsam. Der Charter gründete sich im Jahr 2014 neu, nachdem der alte Präsident wegen schwerer Körperverletzung verurteilt wurde und ins Ausland floh. Gemeinsam mit anderen hatte er im April 2013 in einer Table Dance Bar in der Schillerstraße einen Angehörigen der rivalisierenden Bandidos zusammengeschlagen. Der Club löste sich auf, um einem Verbot und damit einer Beschlagnahme der Klubkasse zu entgehen.

Bei den neu gegründeten Hells Angels Munich Area dominieren seitdem jüngere Leute, die meisten von ihnen mit türkischen Wurzeln. Man trifft sie eher in Shisha Bars als in Bierkneipen und ihr Anführer trägt einen sauber getrimmten Bart, der die zottelhaarigen Gründer der ersten Hells Angels in Kalifornien wohl befremdet hätte. Nach seiner Flucht vom Tatort blieb in der Ungererstraße auch keine Harley zurück, sondern ein schwarzer Mercedes AMG C63 Panamericana.

Genauso wenig passen die Vorfälle in das Bild eines klassischen Rockerkrieges, in dem rivalisierende Klubs um die Vorherrschaft in einem Revier kämpfen. Dazu fehlt schon ein zweiter Klub. Erdinc D. posiert in sozialen Medien mit früheren Mitgliedern der Black Jackets und United Tribuns, streitet aber ab, ihnen je selbst angehört zu haben. Das Münchner Chapter der in den 1980er-Jahren von türkeistämmigen Jugendlichen gegründeten Black Jackets wurde 2014 nach einer Razzia in ihrem Clublokal aufgelöst.

"Aus polizeilicher Sicht gibt es die Black Jackets in München nicht mehr", sagt Kriminaloberrat Andreas Gollwitzer. Der 58-Jährige leitet das Kommissariat für Bandenkriminalität, Rockerkriminalität und Glücksspiel bei der Münchner Polizei. Allerdings sei es heute schwerer als früher, die Szene zu überblicken: Immer wieder gründen sich neue Klubs, nur um sich bald darauf wieder aufzulösen. Mitglieder wechseln hin und her, feste Regeln und Rituale gibt es nicht mehr und die Kutten als Erkennungszeichen sind seit 2017 verboten .

Die Rockergruppe steht über der Familie - das macht die Konflikte gefährlicher

"Lange Zeit hatten wir in München eine kleine, gewachsene Rockerszene", sagt Gollwitzer. "Über Jahre gab es keine offenen Konflikte zwischen den Klubs". Zwar galt bei den sogenannten Einprozentern die Regel, nicht mit der Polizei oder der Justiz zusammenzuarbeiten. Rocker regelten Konflikte untereinander. Aber wenn er oder einer seiner Kollegen einen der alten Rocker anrief, "dann wurde nicht aufgelegt". Heute bestehen viele Gruppen gar nicht lange genug, um einen Kontakt zu ihnen aufzubauen. Die United Tribunes etwa seien "wie ein Blinker", sagt der Experte: Mal sind sie da, mal wieder weg.

Kopfzerbrechen bereitet den Ermittlern daher vor allem die Frage nach dem Motiv für den Angriff am helllichten Tag, nach dem Innenminister Joachim Herrmann erklärt hatte, es sei "unerträglich, das solche Bandenkriege auf offener Straße in München ausgetragen werden".

Im Gespräch mit der SZ bestreitet Erdinc D., dass es sich um eine Bandenkrieg handelt. "Ich verachte die Black Jackets. Die vertreten politisch nicht meine Position", sagt er. Drogen und die Förderung von Prostitution seien "nicht mit meiner Persönlichkeit vereinbar". Allerdings hat er eine lange Liste mit Vorstrafen wegen Körperverletzung. Und immer wieder kamen die Gegner dabei aus dem Umfeld von Murat S. Die beiden kennen sich seit Jugendtagen. Beide sind Kinder türkischer Einwanderer. Erdinc D. ist in Schwabing aufgewachsen, erinnert sich noch, wie sie im Jugendtreff am Biederstein gegen die Polizei Fußball gespielt haben. Damals in den Achtzigern und Neunzigern trafen die Jugendgruppen aus Neuperlach, vom Harthof und aus Neuhausen vor dem McDonald's am Stachus aufeinander. Wenn es Konflikte gab, fand man raus, wer zu wem Kontakt hat, wer mit wem verwandt ist und dann konnte geschlichtet werden: "Vertragt euch, er ist der Sohn von dem oder dem", habe es dann geheißen. Heute stehe die Zugehörigkeit zu einer Rockergruppe über der Familie. Das mache eine Klärung schwieriger und Konflikte gefährlicher.

Warum die Kutten verschwunden sind

Schon seit Jahren klagen Ermittler darüber, dass es zunehmend schwerer wird, einen Überblick über die Szene aus Rockern und Streetgangs zu behalten. Die Rocker der alten Schule, die sich an feste Rituale und Zugehörigkeiten hielten, sind auf dem Rückzug. Während man früher Jahre lang einen Anwärterstatus hatte, um irgendwann als "Onepercenter" die Kutte der Hells Angels tragen zu dürfen, ist die Fluktuation heute groß. Junge Gangs wie die Black Jackets oder die United Tribunes sind oft ethnisch geprägt, ihre Mitglieder stammen aus der Türkei oder vom Balkan.

Kutten dürfen von den meisten Klubs seit dem März 2017 nicht mehr getragen werden. Damals trat eine von Bundestag und Bundesrat beschlossene Verschärfung des Vereinsrechts in Kraft. Sie verbietet es, Abzeichen von Vereinen zu tragen, wenn auch nur eine Ortsgruppe des Vereins irgendwo in Deutschland verboten wurde. Die großen traditionellen Rockerklubs Hells Angels MC, Bandidos und Gremium MC sind davon betroffen, weil irgendeine lokale Gruppe schon einmal wegen Drogenhandels, Waffenbesitzes oder illegaler Förderung der Prostitution verboten wurde.

Während einige mit dem Kuttenverbot die Hoffnung verbanden, es den Rockern schwerer zu machen, weil man sich eine Kutte lange verdienen muss und sie dann nicht tragen darf, merkten Ermittler in der Praxis bald, dass die Szene früher einfacher zu beobachten war, wenn die Mitglieder einer Bande in aller Öffentlichkeit Abzeichen tragen. Außerdem hat das Kuttenverbot ehemalige Rivalen zusammengebracht: Sie demonstrieren nun immer wieder gemeinsam für das Recht, die lederne Weste zu tragen. anh

In den 90er-Jahren gab es dann die ersten türkische Partys im Level 228 am Frankfurter Ring, im Jackie O. am Arabellapark und eben im Crowns Club. Schon 2002 gab es eine Schlägerei zwischen Erdinc D. und einem Bekannten von Murat S. im Jackie O. Da gab es die Hells Angels Munich Area noch gar nicht. "Das Rocker-Ding hat alles schlimmer gemacht", sagt Erdin C. heute. Murat S. versuche, die Hells Angels dafür zu instrumentalisieren. Auch die Polizei geht davon aus, dass der Streit weiter zurückreicht.

"München muss diese ganze Rocker-Geschichte komplett verbieten", sagt Erdinc D. Mehr Sozialarbeiter sollten Jugendlichen helfen, "ihre Energie richtig zu lenken". Ganz hat er offenbar allerdings selbst seine Energie nicht unter Kontrolle. 2013 hat er bei einer Party im Crowns Club einen Türsteher verletzt. Im Oktober nun verprügelt er in einem McDonald's in der Au einen Mann, der an der Prügelei im Crowns 2015 beteiligt war. Während des Prozesses musste Erdinc D. für zwei Monate in Haft, weil er Zeugen bedrohte.

Wo auch immer der Konflikt herrührt, die Münchner Polizei will nicht dulden, dass er sich immer weiter fortsetzt. "Wir werden alle Maßnahmen anwenden, damit es solche Auseinandersetzungen in München nicht gibt. Ob mit Rockerbezug oder ohne", sagt Kriminaldirektor Andreas Huber, der Leiter des Kriminalfachdezernats für Organisierte Kriminalität. Der offene Angriff an der Ungererstraße rücke die Beteiligten noch mehr in den Fokus. "Wir werden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen vorgehen."

© SZ vom 20.06.2020/wean
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