Ausstellung:Im Land der Geister

Ausstellung: "Unsere Filme sind weder Fiction noch Non-Fiction. Sie stammen aus dem Land unserer Vorfahren, und dorthin kehren sie zurück" - beschreibt das Karrabing Film Collective seine Arbeiten, hier "Graffiti Dreamings", Institute of Modern Art, Brisbane, 2018.

"Unsere Filme sind weder Fiction noch Non-Fiction. Sie stammen aus dem Land unserer Vorfahren, und dorthin kehren sie zurück" - beschreibt das Karrabing Film Collective seine Arbeiten, hier "Graffiti Dreamings", Institute of Modern Art, Brisbane, 2018.

(Foto: Karrabing Film Collective)

Das Münchner Haus der Kunst zeigt eine beeindruckende Werkschau des indigenen, australischen Karrabing Film Collectives.

Von Jürgen Moises

Wir sind noch hier. Wir leben noch. Wenn ihr uns ruft, dann werden wir euch helfen. Sätze wie diese hört man in den Werken des Karrabing Film Collectives immer wieder. Gesprochen werden sie darin von den Vorfahren. Wie Geister tauchen diese auf. Mal sitzen sie in den Büschen mit bemalten Gesichtern. Mal sind sie in Form von Überblendungen in das Geschehen montiert. Wenn ihre Nachkommen wie etwa in "Wutharr, Saltwater Dreams" von 2016 verwirrt oder erschrocken reagieren, weil sie plötzlich den Toten gegenüberstehen, dann ist aber das das eigentlich Schockierende. Denn das heißt: Sie haben den Bezug zu ihren Ahnen, zur Natur, zur früheren Lebensweise verloren. Wieso? Weil die australische Regierung sie mit Gewalt davon getrennt hat.

Das Karrabing Film Collective ist eine indigene, australische, rund 50 Mitglieder zählende Künstlergruppe, die seit 2007 gemeinsam Filme dreht. Eine größere Auswahl davon ist unter dem Titel "Wonderland" in der Luftschutzkeller-Galerie im Münchner Haus der Kunst zu sehen. Es ist die erste umfassende Einzelausstellung des Kollektivs in Deutschland und die erste Ausstellung des Hauses im neuen Jahr. Mit dem Medium Video und Themen wie Ökologie oder Vernetzung docke diese dort unter anderem an der noch bis Ende Februar laufenden Joan-Jonas-Retrospektive an, so Direktor Andrea Lissoni. Dass Filme von Karrabing auch schon in der Tate Modern, dem Centre Pompidou oder dem Filmfestival in Rotterdam liefen, zeigt aber auch: Karrabing treffen allgemein in der Kunstwelt einen Nerv.

In den Filmen von Karrabing werden Themen wie Landraub und Rassismus behandelt

Ausstellung: Mitglieder des Karrabing Film Collective beim Dreh von "The Family & the Zombie" 2021.

Mitglieder des Karrabing Film Collective beim Dreh von "The Family & the Zombie" 2021.

(Foto: Karrabing Film Collective)

Ihre Wünsche und Forderungen als Indigene werden in Australien aber noch immer weitgehend ignoriert. Das war auch am Nationalfeiertag am 26. Januar wieder Thema, der mit der Eröffnung der Ausstellung zusammenfiel. Für die Ureinwohner steht die Ankunft der "First Fleet" am 26. Januar 1788 für den Beginn der Kolonisation, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind. Der Verlust von Land, Rassismus, die "verlorene Generation", das sind Probleme, die auch in den Filmen von Karrabing auftauchen. Ihre Auseinandersetzung damit ist kritisch, aber auch humorvoll. Die mit Handkamera oder Handy gedrehten Filme bewegen sich sehr frei und höchst originell zwischen Fiktion und Dokumentation, Drama und Satire. Aber auch ein Zombie-Film ist mit dabei.

In "Wutharr, Saltwater Dreams" geht es um einen Bootsmotor, der nicht mehr funktioniert. Eine Frau und zwei Männer haben dafür unterschiedliche Erklärungen, die sie wie in Kurosawas Filmklassiker "Rashomon" in eigenen Erzählungen vorbringen. Der fehlende christliche Glaube, nein, der Zorn der Vorfahren, nein, das Salzwasser sei daran schuld. In "When the Dogs Talked" (2014) diskutiert eine Gruppe Indigener darüber, ob sie ihr heiliges Land oder ihre Sozialwohnungen schützen sollen. "Mermaids, Mirrorworlds" (2018) zeigt in surrealen Bildern eine von Chemikalien vergiftete Welt. Parallel dazu laufen Werbefilme von Monsanto. Und im fünfteiligen "Day in the Life" werden Hindernisse aufgezeigt, mit denen indigene Familien täglich kämpfen.

Ausstellung: Der Film "Day in the Life" von 2020 reflektiert die Probleme, die den Alltag indigener Familien in Australien bestimmen.

Der Film "Day in the Life" von 2020 reflektiert die Probleme, die den Alltag indigener Familien in Australien bestimmen.

(Foto: Karrabing Film Collective)

"Zurück zum alten Lebensstil" heißt eine der Botschaften, die in "Day in the Life" mit Radio- und TV-Berichten konfrontiert werden. Im Hintergrund läuft zudem ein Hip-Hop-Beat, der dem Ganzen einen Musikvideo-Touch verleiht. Hier zeigt sich der Einfluss der jüngeren Generation, so wie sich in den komplett "demokratisch" gedrehten Filmen die Ideen aller Mitglieder spiegeln. Wie sie als Gruppe arbeiten, erzählen Karrabing in zwei kurzen Videos. Kunst, das sei für sie eine "spirituelle Sache". Sie hat aber auch ein stark soziales und politisches Moment. Und im Medium Film geben Karrabing, die Ende April mit einem neuen Werk ins Haus der Kunst kommen, dem eine sehr heutige und beeindruckende Form.

Karrabing Film Collective. Wonderland, bis 30. Juli, Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, hausderkunst.de

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