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Prozess in München:Polizisten am Hauptbahnhof niedergestochen: Angeklagter zeigt keine Reue

Prozessbeginn nach Messerangriff in München

Der Ort des Angriffs: Der Münchner Hauptbahnhof.

(Foto: dpa)

Daniel G. soll den Beamten mit einem Stich ins Genick schwer verletzt haben - Stimmen in seinem Kopf hätten ihn zu seiner Tat getrieben.

Von Stephan Handel

Das ist noch lange nicht vorbei. Als der Zeuge von seinem Platz aufsteht, um zum Zeugentisch zu gehen, da kann jeder im Gerichtssaal sehen, dass der Mann immer noch zu kämpfen hat mit den Folgen jener Tat, der er vor fast einem Jahr zum Opfer fiel. Sein Gang ist unsicher, irgendwie wacklig - er steht nicht mehr fest auf den Beinen.

Das Leben des Polizeiobermeisters Jan K. (Name geändert) wurde ein anderes am 9. Dezember des vergangenen Jahres. An diesem Tag, kurz vor halb sieben Uhr morgens, waren er und ein Kollege losgegangen in der Polizeiinspektion 16 hinten am Holzkirchener Bahnhof - Streife im Hauptbahnhof, Alltagsgeschäft. Im Sperrengeschoss hätten sie gerade einen Mann kontrolliert, sagt Jan K. in der Gerichtsverhandlung, als er "einen dumpfen Schlag, ein lautes Klirren" vernahm. Dann kam auch schon der Schmerz, Jan K. fiel zu Boden.

Er hatte ein Messer ins Genick bekommen. Der Mann, der es geführt hat, sitzt an diesem Donnerstag nur ein paar Meter entfernt auf der Anklagebank. Er hat vor K.s Aussage schon seinen Blick auf die Welt offenbart, der mit "bizarr" noch wohlmeinend beschrieben ist. Daniel G., 24 Jahre alt, ist nicht angeklagt. Er ist so schwer krank, dass er seine Schuld nicht einsehen kann, sein Verhalten nicht steuern konnte. "Paranoide Schizophrenie" nennt das die Medizin. "Die Stimmen" nennt es Daniel G. Es geht für ihn nicht um eine Gefängnisstrafe, sondern um die Unterbringung in der Psychiatrie.

Die Stimmen, sagt G., "sind irgendwo da oben und senden ihre Signale zu mir". Andererseits, das wisse er einfach, kämen sie aus Indonesien, weshalb er sie für sich "die Indo-Gang" genannt habe. Ob sie ihm auch am 9. Dezember 2019 den Befehl zum Angriff auf Jan K. gegeben haben, wird nicht ganz klar. Jedenfalls verließ er frühmorgens das Zimmer in einer Pension an der Landwehrstraße, in dem ihn das Sozialamt untergebracht hatte. Vorher steckte er noch ein Küchenmesser ein, Klingenlänge 9,5 Zentimeter.

Am Bahnhof dann sieht Danier G. die Polizeistreife. Er tritt von hinten an die beiden heran und rammt Jan K. das Messer mit voller Wucht in den Nacken. Die Klinge bricht ab und bleibt stecken; acht Zentimeter tief ist die Wunde. G. wird von K.s Kollegen und einem Passanten überwältigt. Die Folgen für den heute 31-jährigen Beamten sind fatal. Das Messer war durch die Halswirbel bis in den Rückenmarkskanal eingedrungen. Als er im Klinikum rechts der Isar operiert worden war, konnte er gerade mal seinen linken Arm bewegen. Mehr als drei Monate wurde er stationär in der Unfallklinik Murnau behandelt. Bis heute, sagt er, habe er in bestimmten Körperregionen kein Temperatur-Empfinden, die Beweglichkeit ist eingeschränkt, er kann keinen Sport mehr treiben, leidet an Muskelschwäche und gelegentlichen Krämpfen in Armen und Beinen - der Stich hatte das Rückenmark verletzt, sodass nun K.s ganzer Körper in Mitleidenschaft gezogen ist, auch wenn die Wunde selbst schon längst verheilt ist.

Daniel G. hört den Leidensbericht seines Opfers an, ohne eine Gemütsregung erkennen zu lassen. Zuvor hatte Richter Norbert Riedmann versucht herauszufinden, was den Täter zu seiner Tat getrieben hat. G. sagt, die Stimmen in seinem Kopf, "die haben mich so fertig gemacht", dass er sterben wollte. Einmal habe er schon versucht, sich mit einer Pistole das Leben zu nehmen - aber die sei dann nicht losgegangen. Der Plan sei gewesen, einen Polizisten anzugreifen und dann erschossen zu werden. Riedmann will wissen, was er denn gefühlt habe, als er sein Opfer da habe liegen sehen im Hauptbahnhof. "Die Stimmen haben gesagt, dass das ein Robotnik-Polizist ist", sagt G. "Da habe ich natürlich kein Mitleid mehr gehabt." Der Prozess wird fortgesetzt.

© SZ vom 13.11.2020/kafe/van
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