Grill-Kurs "Wir machen keinen Matsch mit Soße"

Männer am Feuer: Bei einem Kurs lernen sie die Feinheiten des Grillens.

(Foto: Robert Haas)

Grillen kann jeder. Aber macht das auch jeder richtig? Bei einem Kurs können Grill-Fans die Zubereitung von Lachs, Rind oder Hühnchen am eigenen Feuer perfektionieren.

Von Christina Hertel

Brutal, sagt Michael. Köstlich, sagt Dietmar. Die Männer haben sich gerade ein Stück Fleisch in den Mund gesteckt, Schweinefilets, in der Mitte zartrosa. Michael ist Mitte 40, ein Angestellter, hat Sandalen, ein kurzes Hemd und kurze Hosen an. Dietmar ist Anfang 50, ein Geschäftsführer, trägt Hornbrille, weiße Sneaker, das graue Haar ist nach hinten gegelt. Bis vor vier Stunden kannten sie sich nicht, wahrscheinlich werden sie sich auch nicht wieder treffen.

Michael kommt aus einem Dorf in Schwaben mit 800 Einwohnern. Dietmar lebt in einem Vorort von München. An diesem Abend sitzen beide auf einer Dachterrasse am Viktualienmark an einer Tafel mit rechteckigen Tellern, gesteifter Tischdecke, geschliffenen Weingläsern. Gemeinsam mit 16 anderen Männern und Frauen, fast alle Büromenschen über 40, nehmen sie an einem Grillkurs teil, veranstaltet von Kustermann, einem echten Fachgeschäft für Haushaltswaren. Die Zielgruppe: Eher der Grünwalder, der vor seinem Swimmingpool Grillpartys veranstaltet, als der Student, der auf seinem Einweggrill an der Isar möglichst keine Kohlebriketts produzieren möchte. Oder wie es Koch Christoph Nauheimer ausdrückt, der den Kurs leitet: "Wir machen keinen Matsch mit Soße - sondern was mit Anspruch."

Grillkurs

Ran ans Feuer!

Für 130 Euro bringt er den Teilnehmern bei, wie sie "easy-peasy" Pulled Salmon mit Cole Slaw herstellen (also gezupften Lachs und amerikanischen Krautsalat, aber mit wenig Mayonnaise und viel fettreduzierter Buttermilch - "schließlich sind wir ja alle keine 20 mehr"). Außerdem gibt es Burger mit argentinischem Rindfleisch und Tortillas mit Hühnchen. Beim Grillen, sagt der Koch gleich zu Beginn, sei man immer auf Du. Deshalb spielen auch in diesem Text Nachnamen keine Rolle.

Dietmars erste Aufgabe: Hühnerfleisch zu Röllchen formen und mit Stäbchen befestigen. Normalerweise würde der Knochen das Fleisch zusammenhalten, doch der wurde entfernt - damit sich die Gäste nicht die Hände schmutzig machen. Dietmar nimmt zum zehnten Mal an einem Grillkurs teil. Eines Tages, sagt er, würde er gerne bei Turnieren antreten, doch noch sei er nicht gut genug. Den Grill in seinem Garten kann er mit dem Smartphone verbinden - wenn die Temperatur sinkt, ertönt ein Alarm. Dietmar garte Fleisch ganze Nächte lang durch, legte Kobe Rind im Wert von 250 Euro pro Kilo auf den Grill und steckte kleine Thermometer in die Steaks, um zu kontrollieren, wann sie durch sind. Für ihn bedeutet Grillen schon lange nicht mehr, dass Vati mit dem Föhn die Holzkohle anfeuert und Mutti in der Küche Mayonnaise in den Nudelsalat kippt. Menschen wie er haben Grillen perfektioniert und gleichzeitig ein Statussymbol daraus gemacht: Dietmars Gasgrill kostete so viel wie ein Kleinwagen.

Zur selben Zeit löffeln Michael und seine Frau Christine Avocados für die Guacamole aus. Grillmeister Nauheimer gab ihnen zuvor zwei Tipps. Erstens: Für Guacamole niemals einen Pürierstab verwenden ("sonst sieht ja keiner, dass sie selbst gemacht ist"). Zweitens: Damit die Soße nicht braun wird, etwas Haco-Weiß zugeben, ein Bleichmittel, mit dem Köche Klöße aufhellen. "Davon habe ich noch nie gehört", flüstert Christine. "Und meine Knödel schmecken auch." Das Paar bekam den Kurs zum 40. Geburtstag geschenkt, fünf Jahre ist das inzwischen her. "Wir sind total oldfashioned", sagt Michael. Sein Holzkohlegrill habe nicht einmal einen Deckel. Doch mit Grills, meint er, sei es wie mit Autos. "Die einen wollen einfach eins, das vier Räder hat und einen Motor. Die anderen brauchen einen Porsche." Michael ist kein Porschefahrer. Er will auch nicht stundenlang Fleisch smoken, alles zu viel Stress.

"Ich fand Leute, die grillen immer peinlich", sagt Christoph Nauheimer, der Leiter des Kurses, ein Mann, der in Turbogeschwindigkeit spricht, neonfarbene Sneaker trägt und früher einmal eine Bar an der Maximilianstraße betrieb. Seine Teilnehmer sitzen auf der Terrasse und essen gezupften Lachs. Er kippt in der Küche Baked Beans aus Dosen in einen Topf. Seit 25 Jahren gibt Nauheimer Kochkurse, seit zehn wollen immer mehr Menschen grillen lernen, sagt er. Etwa 100 Grillkurse gebe er im Jahr, in besonders guten sogar 150. Für ihn sei es immer noch die schlimmste Vorstellung, mit einem Einweggrill an der Isar zu sitzen, ohne richtiges Klo in der Nähe.

Aber inzwischen habe sich das Image des Grillens gewandelt. Es sei nicht mehr so schmutzig. Verantwortlich dafür aus seiner Sicht: die amerikanische Firma Weber-Grill, deren Gründer den Kugelgrill erfunden haben soll. Das Unternehmen sei das erste gewesen, das Grill-Seminare gab und eine Grillbibel herausbrachte, die sich mehr als eine Million mal verkaufte. Heute ist der Name Weber mit Grillen so verbunden wie Tesa mit Klebstreifen. Und Menschen, die sonst alles erreicht haben im Leben, geheiratet, Kind gekriegt, Haus gebaut, glauben, dass zu diesem Glück auch ein Gasgrill gehört.

Einer dieser Menschen ist Matthias, 40 Jahre alt, tätowierte Oberarme. Der Koch hält ihn zuerst für einen Personaltrainer, tatsächlich leitet er in Schwabing ein Gesundheitszentrum. Zum Geburtstag schenkten ihm seine Freunde einen Grill, ein "Riesenteil", bestimmt 1000 Euro wert. Seitdem grille er zweimal die Woche. "Ich bin häuslich geworden", sagt Matthias. Alles sei so schnelllebig, doch beim Grillen könne man nicht hetzen. Matthias beißt in einen Rindfleischburger. Und? "Sich eine Semmel in den weitaufgerissenen Mund zu schieben, an der Seite quillt die Soße raus, ist irgendwie männlich", sagt er. Matthias sieht zufrieden aus. Aber ist das in Zeiten von Soja-Milch und E-Autos noch angesagt? "Man darf sich da keine Illusionen machen. Die Menschen werden immer Fleisch essen", meint Koch Nauheimer. Und das Schöne am Grillen sei doch, dass man dort jeden treffe: den Manager, den Hartz-IV-Empfänger. Und Matthias, Michael und Dietmar.

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