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Geriatrische Tagesklinik:Ein "Mut-Booster" für Covid-Patienten

Klinikleiter Michael Drey und sein Team helfen jetzt auch Menschen ab 60 Jahren in der geriatrischen Tagesklinik des LMU-Klinikums an der Ziemssenstraße.

(Foto: Catherina Hess)

Eigentlich kümmert sich die geriatrische Tagesklinik um Senioren ab 70 Jahren. Doch nun helfen die Mediziner und Therapeuten auch jüngeren Menschen, die am Virus erkrankt waren - und in ihren Alltag zurückfinden müssen.

Von Sabine Buchwald

Dieses Programm sei ein "Mut-Booster", erklärt die Psychologin Clara Michel. "Alle, die hier rausgehen, sagen: Es hat richtig gut getan, wieder unter Menschen zu sein und festzustellen: Man ist mit seiner Situation nicht allein." Seit vergangenen Sommer gibt es die geriatrische Tagesklinik der LMU an der Ziemssenstraße. Michel war von Anfang an im Team von Michael Drey, der das Angebot maßgeblich aufgebaut hat: Ärzte, Psychologen und Therapeuten arbeiten dort mit Patientinnen und Patienten, die einen positiven Anschub dringend brauchen, um wieder ihren Alltag bewältigen zu können. Inzwischen sind das nicht nur - wie ursprünglich gedacht - Menschen ab 70, die etwa nach einem Unfall oder Sturz schwächer und immobiler geworden sind. Auch wer über 60 Jahre alt ist und mit dem Coronavirus infiziert war, kann neuerdings von der Tagesklinik profitieren.

Im Vordergrund stehen neben der individuellen Betreuung durch Mediziner und Therapeuten viele Übungen, die dem Tag wieder eine Struktur geben und die körperliche Fitness nach und nach stärken. Gerade bei Covid-19-Patienten, die oft wochenlang im Bett lagen, seien das wichtige Maßnahmen, um wieder besser in die Gänge zu kommen. Laut Drey muss diese Patientengruppe allerdings explizit klären, ob ihre Krankenkasse die Kosten für den Aufenthalt übernimmt. Prinzipiell läuft die Einweisung in die Klinik über den Hausarzt. Mit einer Voruntersuchung in der Klinik wird geklärt, ob der Therapieansatz geeignet ist.

Ein wichtiger Bestandteil sei der Austausch mit anderen Menschen, was nach einem Jahr Pandemie für manche Patienten bedeutet, endlich der heimischen Isolation zu entkommen. Das Hygienekonzept der Tagesklinik macht das möglich. Damit Abstände eingehalten werden können, werden derzeit statt zehn Patienten nur sechs gleichzeitig aufgenommen. Die Patienten würden zudem regelmäßig getestet, erklärt Drey. Er und seine Mitarbeiter seien mittlerweile geimpft, inzwischen auch mehr und mehr der Menschen, die an dem Programm teilnähmen. In der Tagesklinik habe es nie einen Corona-Fall gegeben.

Konzipiert ist das Angebot für 15 Tage, es richtet sich explizit an ältere Leute, die bislang eigenständig wohnen. In diesen drei Wochen finden sich die Patienten von Montag bis Freitag täglich um acht Uhr zum Frühstück in der Klinik ein. Wer möchte, kann sich innerhalb Münchens von einem Fahrdienst abholen lassen und wird am Abend wieder nach Hause gebracht.

Nach einem stärkenden Kaffee oder Tee beginnt das Therapieangebot mit einem gemeinsamen Aufwärmtraining. In den hohen, mit kräftigen Farben gestalteten Übungsräumen gibt es neben Turnmatten auch Ergometer und andere Fitnessgeräte. Der Gruppenstunde folgen dann gezielte Einzeltrainings und auch Untersuchungen, erklärt Drey. Je nach Bedarf bekämen die Patienten Unterstützung von Logopäden und Neurophysiologen, Ernährungsberatung und Gesprächsangebote etwa mit der Psychologin Clara Michel. Die Medikamenteneinnahme der Patienten werde besprochen und auch ein Zahnmediziner komme regelmäßig in die Abteilung. Ein großer Vorteil der Klinik ist: Im Bedarfsfall können Experten aus anderen Abteilungen hinzugezogen werden.

Das Programm sei an den Bedarf jedes Patienten angepasst mit einem ausgewogenen Wechsel aus Körperarbeit, Ruhephasen und Beratung, sagt Drey. "Wir möchten niemanden unter- noch überfordern." Am Ende soll jeder wissen, mit welchen Übungen er weitermachen könne und was ihm guttue.

Der Geriater ist auf Sarkopenie spezialisiert, auf altersbedingten Muskelschwund. In einer kürzlich veröffentlichten Studie mit Probanden aus ganz Bayern haben Drey und Kollegen der LMU darauf hingewiesen, wie sich die Corona-bedingten Einschränkungen auf die Gesundheit gerade von älteren Menschen auswirke. Demnach erhöhe sich vor allem für sie durch die erzwungene körperliche Untätigkeit während der Corona-Krise das Risiko, chronische Erkrankungen wie Diabetes, Muskelschwund, Neigung zu Schlaganfällen oder eine Verengung der Herzkranzgefäße zu entwickeln. Dies alles verringere die Lebenserwartung. Nicht zu vergessen: die Vereinsamung der Menschen. Diese "Loneliness" während der Pandemie sei ein enormes, aber unterschätztes Problem, betont Drey.

"Manche Leute kommen mit einer gewissen Skepsis zu uns", sagt Clara Michel. Denn gerade die ältere Generation sei es nicht gewohnt, Hilfe anzunehmen. Manche hätten auch Schwierigkeiten, ihre nachlassende Stärke zu akzeptieren: "Jeder möchte alt werden, aber niemand alt sein." In Gesprächen versuche sie, diese Haltung aufzuweichen und den Patienten nahe zu bringen, dass sie nicht gegen das Altern ankämpfen und vielleicht beispielsweise eine Gehhilfe akzeptieren sollten, wenn sie dadurch wieder mobiler werden. "Wir schauen genau, welche Ressourcen unsere Patienten haben und helfen ihnen, sie zu nützen. Wir versuchen, den Menschen wieder Sicherheit und damit ein stückweit ihre Würde zurückzugeben."

© SZ vom 12.04.2021/vewo
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