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Corona:305 641 verlorene Lebensjahre durch Covid-19

Coronavirus - Bestatter

Jeder hauptursächlich an Covid-19 Verstorbene hätte noch im Schnitt 9,6 Jahre zu leben gehabt.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Das RKI hat erstmals die eingebüßte Lebenszeit durch das Coronavirus berechnet. Rund zehn Jahre hätte jeder Verstorbene noch zu leben gehabt, den Großteil der Krankheitslast tragen Männer.

Von Werner Bartens

Das Gesamtergebnis entzieht sich weitgehend der menschlichen Vorstellungskraft, zudem stecken Leid und Tod und Tausende Einzelschicksale dahinter: Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts (RKI) haben errechnet, dass Covid-19 im Jahr 2020 in Deutschland insgesamt 305 641 Lebensjahre gekostet hat - 60 Prozent davon entfielen auf Männer, 40 Prozent auf Frauen.

Diese statistischen Werte gewinnen zusätzliche Wucht mit Angabe der Jahre, die den an einer Infektion mit Sars-CoV-2 Gestorbenen vermutlich geblieben wären, hätten sie die Erkrankung nicht bekommen: Demnach beläuft sich der Verlust an Lebenszeit durch Covid-19 im Durchschnitt auf 9,6 Jahre - bei Frauen sind es im Mittel 8,1 Jahre, bei Männern sogar 11 Jahre. Im Deutschen Ärzteblatt beschreiben Ärzte und Epidemiologen um Alexander Rommel die Details.

"Covid-19 hatte im Jahr 2020 bereits deutliche Auswirkungen auf die Bevölkerungsgesundheit", sagt Rommel. "Bei Betrachtung der gesamten Krankheitslast, gemessen in verlorenen Lebensjahren, sehen wir deutliche Geschlechterunterschiede zuungunsten der Männer. Ein relevanter Teil der verlorenen Lebensjahre entfällt zudem auf Personen unter 70 Jahre."

Die Forscher des RKI hatten erstmals die Krankheitslast durch Covid-19 in Deutschland berechnet. Dadurch werde deutlich, welche Folgen eine ungehinderte Virusverbreitung auf die Bevölkerungsgesundheit zeitweise haben kann.

Für ihre Auswertung analysierten die Wissenschaftler alle bis Mitte Januar für das Jahr 2020 an das RKI gemeldeten Infektionen mit Sars-CoV-2 sowie den Krankheitsverlauf. Dadurch sollte erfasst und unterschieden werden, ob die Infektion mit dem Coronavirus oder andere Ursachen zum Tod geführt haben. Um die "Krankheitslast" - so der medizinische Ausdruck - von Covid-19 zu berechnen, wurde das Sterbealter mit der statistischen Restlebenserwartung abgeglichen, wobei ausschließlich Sterbefälle einbezogen wurden, bei denen Covid-19 als die Haupttodesursache galt.

Männer sterben häufiger und öfter vor dem 60. Lebensjahr an Covid-19

Zusätzlich erfassten die Forscher auch die durch gesundheitliche Einschränkungen verlorenen Lebensjahre. Diese machten zwar mit weniger als einem Prozent nur einen sehr geringen Teil aus. Vermutlich werden sie aber unterschätzt, da bleibende Schäden und Einschränkungen durch die Erkrankung (auch bekannt als "Long Covid") in der Analyse nicht berücksichtigt werden konnten. Allerdings "verdichten sich Hinweise, dass Covid-19-Spätfolgen die Gesundheit längerfristig beeinträchtigen können", so die Autoren.

Da jüngeren Menschen statistisch eine längere Lebenserwartung verbleibt, ist ihr Anteil an eingebüßten Lebensjahren auch größer. Bei Männern entfielen immerhin 34,8 Prozent der verlorenen Lebensjahre auf Personen unter 70 Jahre, bei Frauen 21 Prozent. Im Durchschnitt verloren die Menschen in den jüngeren Altersgruppen 25,2 Lebensjahre.

Die Unterschiede im Verlust an Lebenszeit zwischen den Geschlechtern haben hingegen damit zu tun, dass Männer insgesamt häufiger und öfter vor dem 60. Lebensjahr an Covid-19 sterben. Wenn sie in jüngerem Alter erkranken, kommt es zudem häufiger zu schweren Verläufen als bei Frauen.

In ihrer Analyse haben die RKI-Wissenschaftler zudem die Krankheitslast durch Covid-19 mit jener verglichen, die auf die fünf häufigsten nicht infektiösen Todesursachen mit den meisten verlorenen Lebensjahren zurückzuführen sind - das sind in absteigender Reihenfolge Herzinfarkt, Lungenkrebs, Schlaganfall, chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen und Darmkrebs. Der Jahresverlauf der Infektionen und Todesfälle zeigt an, dass Covid-19 während der ersten Welle im März und April 2020 punktuell ähnlich viele Lebensjahre kostete wie Schlaganfall und Lungenkrebs und im Dezember sogar jene von Herzinfarkten übertraf.

"Covid-19 hat über das gesamte Jahr 2020 im Mittel zum Glück nicht das Niveau der wichtigsten Todesursachen erreicht", sagt Rommel. "Allerdings waren die pro Tag verlorenen Lebensjahre kurzzeitig sehr hoch und haben tageweise die durch wichtige Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen im Mittel verlorenen Lebensjahre überstiegen." Dies unterstreiche, wie wichtig es ist, die Pandemie effektiv einzudämmen.

© SZ/cvei
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