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SZ-Serie: München erschwinglich:Vom Wert der Dinge

Flohmarkt auf der Theresienwiese

Gebraucht ist gefragt: Der Flohmarkt auf der Theresienwiese - in Vor-Corona-Zeiten.

(Foto: Herbert Stolz)

Kaufen, tauschen, finden: Welch stetem Wandel die Konsumwelt unterliegt, zeigt sich gerade in München deutlich.

Von Dominik Hutter

Die Schlange reicht oft Dutzende Meter in die Fußgängerzone hinein. Trotz Maskenpflicht stehen sich die Münchner vor der Eingangstür einer Textilienkette die Füße in den Bauch. Konsum. Viel geschmäht und doch so geliebt. Wobei es natürlich einen Unterschied macht, ob man ein dringend neues Oberteil benötigt oder einfach nur shoppen geht, weil einem sonst nichts Besseres einfällt. Dass Einkaufen vor allem auch ein Freizeitspaß ist, sieht man jedes Wochenende bei Ikea in Eching oder Brunnthal - die ganze Familie probewohnt sich durch die Abteilungen und gönnt sich anschließend wahlweise Köttbullar oder einen knautschigen Hotdog.

In der Fußgängerzone ist es während der Ladenöffnungszeiten trotz Amazon und Corona nach wie vor ziemlich voll - während an vielen "Sommerstraßen" die ganz bewusst ohne Konsumzwang aufgestellten Bänke und Sitzecken eher selten bis gar nicht genutzt wurden. Wäre rund um die Sitzgelegenheiten ein (kommerziell interessierter) Kellner herumgelaufen, hätte das wohl anders ausgesehen.

So weit wie gehabt. Nach wie vor zählt die Stadt, allem Online-Hype und vielleicht sogar Corona zum Trotz, zu den wichtigsten Zentren des stationären Einzelhandels. Wie offizielle Statistiken und internationale Rankings immer wieder belegen. Auch das Geld, das die Münchner verkonsumieren, wurde zumindest bis Corona-Beginn immer mehr. Dennoch ist die Konsumwelt auch in München im Wandel. Nicht zwingend, was günstige Preise angeht - auch wenn die Liebe der oft sehr gut verdienenden Sparfüchse zu den Discountern ungebrochen zu sein scheint. Aber ein wenig bewusster geht es inzwischen schon zu.

Es gibt mehrere Verpackungsfrei-Geschäfte, die Zahl der Bio-Läden (und Bio-Abteilungen in den normalen Supermärkten) wird größer und größer. Aber ein verstärktes Umweltbewusstsein ist immer auch Moden unterworfen. So gab es schon in den Achtzigerjahren, in der Anfangszeit des massenweisen Rufs nach mehr Umweltschutz, Bemühungen, Verpackungen zu vermeiden (Stichwort Stählerne Milchkuh) und umweltfreundlicher einzukaufen. Es hat halt einfach ein paar Jahre später kaum mehr jemanden interessiert.

Seitdem ist die Menge an Plastik, die um Lebensmittel gewickelt wird, noch einmal kräftig nach oben gegangen. Bis nun wieder eine Gegenbewegung entstanden ist. Noch sind offen angebotene Waren Nischenprodukte - entsprechende Läden gibt es in zahlreichen Vierteln, von der Schelling- über die Fraunhofer- und Heimeran- bis zur Kistlerhofstraße. Etwa ein Dutzend über die ganze Stadt verteilt.

Was jedoch Gebrauchtwaren angeht, ist nicht zu übersehen: Zumindest das Prinzip Flohmarkt hat schon bessere Zeiten gesehen. Klar, es gibt (außerhalb von Corona-Zeiten) jenen Riesen-Markt auf der Theresienwiese, aber halt nur einmal im Jahr. Es gibt Basare für getragene Kinderkleidung. Und regelmäßig wird auch an der Parkharfe des Olympiaparks getrödelt. So richtig angesagt ist der Tapeziertisch mit Uralt-Kronleuchter neben Vinylplattenkarton aber schon lange nicht mehr.

Vorbei die Zeiten, als die Massen jedes Wochenende die Wahl hatten zwischen der riesenhaften Ansammlung von Verkaufsständen plus Dönerstand an der Dachauer Straße und den hübschen Hallen in der Haidhauser Kirchenstraße, in denen sich Verkäufer und Passanten in einer Stimmung friedlichen Geraunes drängelten. Oder später im Trödel-Imperium des Wolfgang Nöth. Im Glockenbachviertel, man glaubt es kaum, gab es einst sogar einen Flohmarkt in alten Mietshäusern rund um eine stillgelegte Tankstelle. Schwer zu sagen, welche Preise heute für alte Bücher, Elektroschrott oder auch Antiquitäten verlangt werden müssten, um die Miete für ein solches Ensemble aufzubringen.

Dafür liegt regelmäßig Gebrauchtes auf den Gehwegen herum. Zu verschenken. Oft ist nicht ganz klar, ob sich der Alteigentümer einfach die Entsorgung erspart hat. Oft aber ist das nur leicht angekratzte Billy-Regal, das lustige Disney-Taschenbuch oder das Geschirr-Set nach kurzer Zeit weg. Und das war dann nicht zwingend die Müllabfuhr.

Besitz, das fällt auf, hat in München längst nicht mehr den Stellenwert wie früher. Das Prinzip, ein Leben lang Hochwertiges anzuhäufen, hat stark an Bedeutung verloren. Wichtiger ist es, Erlebnisse einzufangen und diese auf digitalem Wege an möglichst viele andere zu vermitteln. Seht, wo ich wieder war - auf jenem Felsplateau, das auf Instagram bereits internationale Berühmtheit erlangt hat. Teure Autos dagegen, die Statussymbole früherer Zeiten, sind vor allem Jüngeren nicht mehr so wichtig. Viele machen - wohl auch aus Umweltgründen - nicht einmal mehr den einst obligatorischen Führerschein. Aber auch edel gestaltete Lexikonreihen à la Brockhaus, einst wohlgehütete Schmuck- und Erbstücke im Bücherregal, bedeuten nicht mehr viel, können in Zeiten der Dauer-Aktualisierung nicht einmal mehr adäquat verkauft werden. Lediglich die gute alte Armbanduhr ist trotz des allgegenwärtigen Smartphone-Chronographen wieder öfter an Handgelenken zu sehen. Oft hochwertig, gerne zu einem besonderen Anlass geschenkt. Einen letzten Rest an "Dingen fürs Leben" gibt es eben doch noch. Ansonsten reicht vielen: ausleihen statt kaufen. Dann steht es nicht sinnlos rum. Wertvorstellungen wandeln sich.

Ist die berühmte "Share-Economy" Teil der Münchner Konsumwelt? Zumindest versucht dieses Prinzip, den Konsum so zu verändern, dass weniger neu hergestellt und später wieder entsorgt werden muss. Und weniger verschwendet wird, Stichwort Foodsharing, also die Verteilung von Lebensmitteln, die sonst weggeworfen würden. Auch das hat mit Wertigkeit zu tun. Und Wertigkeit eben nicht zwingend mit dem Preis.

Oft verbirgt sich aber auch nur ein simples kommerzielles Verleihgeschäft hinter dem hehren Begriff. Beim Carsharing vor allem. München ist inzwischen gespickt mit Leihautos diverser Firmen - ob das der Umwelt dient, ist höchst zweifelhaft. Oft ist der kleine Carsharing-Flitzer erst recht ein Anreiz, quer durch die Innenstadt zu cruisen. Ganz zu schweigen von den Elektro-Rollern, die lustig, amüsant und hip sein mögen. Nachhaltig sind sie nicht.

Wenn man die Nutzung eines Hotelzimmers unter Konsum verbucht, zählt auch die "Share"-Hotellerie zu den Phänomen der Jetztzeit. Allem voran Plattformen wie Airbnb, einem System mit Vor- und Nachteilen. Viele Leute schätzen es, am Reiseziel in ganz normalen Privatwohnungen zu logieren und möglicherweise sogar noch einen Einheimischen für die abendliche Club-Tour kennenzulernen. Andererseits werden so immer wieder Wohnungen zu Mini-Hotels umfunktioniert, und das auch noch ohne jegliche Sicherheitsvorgaben, die ein kommerzielles Hotel eigentlich erfüllen muss. Und kommerziell ist Airbnb schließlich auch. In vielen Städten, Barcelona beispielsweise oder New York, ist der Ruf der - je nach Sichtweise - Share- oder Buchungs-Plattform - angeknackst.

Bliebe noch das zumeist wirklich unkommerzielle Couchsurfen. Leute kennenlernen, Party, günstig reisen. Außerhalb von Corona-Zeiten eigentlich ein schönes Phänomen. Aber wohl eher nicht massentauglich. Wie einst das Trampen. Diese Variante, ohnehin schon fahrende Autos besser auszunutzen, versammelte einst Trauben von Rucksacklern an den Zufahrten zu Salzburger oder Nürnberger Autobahn. Mit selbstgebastelten Schildern: Verona, Rom, Prag oder Berlin. Heute steht dort niemand mehr am Seitenstreifen. Game over. Jeder Trend hat seine Zeit. Dieser ist längst in einen Teufelskreis geraten: Wenn es nicht mehr üblich ist, zu trampen, fehlt auch der Alltagsreflex, jemanden mitzunehmen. Erst recht game over.

Die gravierendste Veränderung in der Konsumwelt ist wohl die Neubelebung und Modernisierung des Versandhandels, einst verfemt als spießige Einkaufsmöglichkeit vom langweiligen Sofa aus. Dass dies von den meisten Münchnern längst ganz anders gesehen wird, beweisen die versperrten Glastüren des jüngst geschlossenen Karstadt am Nordbad sowie die heruntergelassenen Rolläden der Karstadt-Filiale im Olympia-Einkaufszentrum. Amazon dagegen boomt auch in München.

Noch wirkt es so, als könne die digitale Shopping-Tour zumindest der Münchner Altstadt nicht viel anhaben. Zwar wirkt auch die Meile zwischen Karlstor und Altem Rathaus längst wie ein Sortiments-Remake aller anderen deutschen Fußgängerzonen. Ein paar etwas andere Läden aber gibt es doch noch, bevorzugt in Verkaufsräumen, die von der Stadt ganz bewusst zu günstigen Konditionen an alteingesessene und manchmal auch ungewöhnliche Händler vermietet werden.

Aber die Chance, ohne ausgiebiges Latschen durch neonerhellte Verkaufsräume einfach ein Komplett-Sortiment am eigenen Bildschirm vorzufinden, reizt die Münchner schon. Das belegen nicht zuletzt die zahlreichen Pakete, die bei manchmal schon ziemlich genervten Nachbarn gebunkert werden. Die Armada an Kleintransportern diverser Lieferdienste. Offenkundig stört es viele Kunden nicht einmal, dass sie wahlweise ihre Bestellung klingelnd in der Nachbarschaft suchen oder in nerviger Entfernung und zu strikten Öffnungszeiten abholen müssen - was eigentlich das Prinzip des bequemen Zuschickens ad absurdum führt. Immerhin führt es dazu, dass man aus dem Haus geht. Und vielleicht sogar etwas auf der Straße erlebt. Das hat dann auch seine Wertigkeit.

© SZ vom 24.10.2020/syn
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