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SZ-Serie: München erschwinglich:Kälte ist keine Ausrede

"Bewegungsinsel" im Olympiapark

Auf der "Bewegungsinsel" im Olympiapark können Freizeitsportler auch ohne Mitgliedschaft im Fitnessstudio ihre Muskeln trainieren.

(Foto: Catherina Hess)

Wer Sport treiben will, ohne viel Geld auszugeben, kann zum Beispiel beim Angebot "Muckis für alle" der Stadt mitmachen - wegen Corona erstmals im Freien. Draußen schwitzen kann man aber auch anderswo.

Von Julian Hans

Zu den vielen bekannten Gründen, keinen Sport zu treiben, sind in diesem Jahr noch ein paar hinzugekommen: die Hygienevorschriften, die Mannschaftssport in der Halle nur eingeschränkt zulassen. Die Sorge, man könnte sich im Fitnessstudio anstecken. Und nicht zuletzt spielt auch die wirtschaftliche Situation eine Rolle: Wer in Kurzarbeit ist oder fürchtet, seine Stelle zu verlieren, der schließt nicht so leicht ein Abo ab, mit dem er sich lange an ein Studio oder einen Verein bindet.

Zu den altbekannten Gründen gehört der Winter. Im Frühjahr, als die erste Corona-Welle rollte, da entdeckten auch Bewegungsmuffel ihre Begeisterung fürs Joggen. Schließlich zählte Sport zu den "triftigen Gründen", die es erlaubten, trotz Ausgangsbeschränkungen die eigene Wohnung zu verlassen. Aber die Zeiten, in denen es in Münchner Parks zuging wie im Goldfischglas, sind vorbei. Zum Glück, sagen jene, die dort sowieso rund ums Jahr ihre Kreise ziehen. Und die anderen schauen ihnen vielleicht durchs Fenster ihres Heimbüros nach - halb mit Mitleid, halb mit schlechtem Gewissen.

An einem nassen Oktobermorgen steht Hanjo Fritzsche auf einem Treppenabsatz am Aufgang zur Hochstraße in der Au und gibt alles, um aus gebeugten Büroarbeitern wieder aufrechte und stolze Menschen zu machen. So umschreibt der Trainer des "Original Bootcamp" seine Aufgabe. Er lässt sie Sit-ups machen, Kugelhanteln stemmen und Schattenboxen. Aus einem Lautsprecher läuft dazu ein Power-Mix, gerade laut genug, dass er den Berufsverkehr auf der Gebsattelstraße übertönt, aber die Nachbarn nicht stört.

Sport im Freien und mitten in der Stadt, das ist Hanjo Fritzsche nicht erst zu Corona eingefallen. Seit acht Jahren bietet er die Bootcamp-Trainings in München an, erst in den Isarauen, das war natürlich eine malerische Kulisse. Aber dann hat die Kriebelmücke die Sportler vertrieben, und Fritzsche fand diesen Platz am Hang. In einer grünen Metallkiste hat er hier alles deponiert, was er braucht: Yogamatten, Klimmzugstangen, Seile. Die Kugelhanteln macht er nach dem Training mit einem Fahrradschloss am Geländer fest. Fertig ist das urbane Fitnessstudio.

Sie sei lieber im Freien beim Sport, sagt Maike Gress, eine der Teilnehmerinnen an diesem Morgen. Bei einem Fitnessstudio war sie auch mal angemeldet, die klassische Geschichte: "Am Ende habe ich bezahlt und bin nicht mehr hingegangen", sagt sie. Zunächst sei sie auch skeptisch gewesen, als andere Teilnehmerinnen erzählten, Training im Winter und draußen sei kein Problem. "Aber es ist wirklich so. Es ist fies, wenn es mal regnet, aber das passiert vielleicht ein oder zwei Mal im Jahr." Und: Wer vom Work-out im Freien kommt, friert garantiert hinterher nicht im Home-Office.

Das Problem ist eher die Dunkelheit. Wenn um 6.30 Uhr der erste Kurs für die Frühaufsteher startet, leuchten die Straßenlaternen auf dem Weg, falls mal eine ausfällt, hat Fritzsche batteriebetriebene LED-Lampen dabei. Elf Euro kostet eine Trainingsstunde beim Original Bootcamp, wenn man ein Paket mit zwei Trainings in der Woche für zwei Monate bucht. Länger muss sich keiner festlegen, aber der Kern der Gruppe kennt sich schon seit Jahren und bleibt dabei.

Auf freien Sportplätzen wie hier im Olympiapark lässt es sich bei jedem Wetter trainieren.

(Foto: Gino Dambrowski)

Eigentlich verbietet das Grünanlagengesetz es generell, Dienstleistungen in Münchner Parks anzubieten. Aber solange die Sportler Rücksicht auf andere nehmen und nicht mit dem Megafon angefeuert werden, duldet die Stadt die Ertüchtigung ihrer Bürger unter professioneller Anleitung.

Mehr noch, sie fördert sie sogar mit eigenen Angeboten. Das Programm "Fit im Park" gibt es inzwischen schon seit mehr als 25 Jahren, wenngleich bisher auch nur in den warmen Monaten von Mai bis September. Normalerweise startet im Oktober das Hallenprogramm. Aber in diesem Jahr ist ja nichts mehr normal. 30 bis 80 Teilnehmer in einer Halle, so wie früher, das wäre heute undenkbar. "Die Hygieneregeln würden nur 15 Teilnehmer erlauben, inklusive Trainerin", sagt Elke Knerich vom Referat für Bildung und Sport (RBS) der Landeshauptstadt. Das lohnt sich nicht, außerdem müsste man ein Anmeldesystem einführen, um gegebenenfalls Infektionsketten nachverfolgen zu können. Bisher galt, wer Lust hat, kommt einfach.

So soll es auch beim Winterprogramm bleiben, das in diesem Jahr ab November zum ersten Mal im Freien startet. Unter dem Motto "Muckis für alle - Outdoor statt Halle" gibt es alle Arten von Gymnastik, Kickboxen, Zumba, Bodystyling, Walking, Basketball und Volleyball. Eine Übersicht über das ganze Programm gibt es von Freitag an auf der Seite www.sport-muenchen.de. Wer mitmachen will, muss sich vorher für drei Euro ein Freizeitsportticket kaufen, das gibt es an allen Vorverkaufsstellen von München Ticket und in der Stadtinformation. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.

Im Freien Sport zu treiben, entlastet auch den Geldbeutel.

(Foto: Gino Dambrowski)

Mitbringen muss man auch nichts. "Eine Gymnastikmatte ist empfehlenswert, jedoch nicht zwingend notwendig", schreiben die Organisatoren vom RBS in ihrem Programm. Einen Tipp haben sie aber: "Ziehen Sie sich nach dem Zwiebelprinzip an", also lieber mehrere Schichten übereinander. Damit man was ausziehen kann, wenn man schwitzt, und damit man noch was Trockenes dabei hat, wenn man geschwitzt hat.

Die meisten Kurse finden bei Tageslicht statt. "Nachts alleine als Frau durch einen dunklen Park zu fahren, ist beklemmend", sagt Knerich. Damit sich aber Münchnerinnen und Münchner fit halten können, die im Winter bei Tageslicht meistens im Büro oder daheim hinter einem Computer sitzen, werden in drei Anlagen mit Straßenlaternen oder Flutlicht auch in den Abendstunden Kurse angeboten: Im Dantestadion, in der Schulsportanlage Sachsenstraße und auf der Theresienwiese.

Bei Sturm und Regen fällt das Training aus. Kälte sei aber keine Ausrede, sagt Knerich. Wenn etwas problematisch sei für Sportler, dann die Sommerhitze: "Da muss man wegen dem Kreislauf aufpassen".

Wer auf eigene Faust Sport treiben möchte, sich nicht an Trainingszeiten binden kann oder will und mehr machen möchte als immer nur zu laufen, der findet in Fitness Parcours ein kostenloses Programm. Zum Beispiel in den Isarauen, im Ostpark und im Südpark (Beschreibungen und genaue Ortsangaben gibt es unter bit.ly/FitnessParcours).

Manchmal entstehen an solchen Orten auch spontane Trainingsgemeinschaften, zum Beispiel auf der "Bewegungsinsel" der AOK im Olympiapark. Dort messen sich bei nahezu jedem Wetter in der Dämmerung vor allem junge Männer mit Klimmzügen und Dips in allen Variationen. Die Krankenkassen helfen auch dabei, Geld zu sparen: Viele fördern Kurse bei zertifizierten Anbietern und übernehmen einen großen Teil der Kosten. Informationen über die Angebote gibt es direkt bei den Kassen.

© SZ vom 23.10.2020/syn

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