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Sharing Economy:Ausgeteilt

Illustration: SZ-Grafik

Unser Auto, unser Sofa, unsere Bohrmaschine: Die Ökonomie des Teilens entstand aus dem Traum von einer besseren, nachhaltigeren Wirtschaft. Jetzt ist Abstand das wichtigste Gebot. Werden wir je wieder teilen wollen?

Es gibt viele Dinge, die in dieser Krise bemerkenswert anstrengend geworden sind, ein Einkauf im Supermarkt etwa. Und es gibt Dinge, die in dieser Krise bemerkenswert einfach geworden sind. Ein Carsharing-Auto zu bekommen zum Beispiel.

Vor der Pandemie waren in den großen deutschen Städten Autos auf Zeit schwer gefragt, dementsprechend mühsam konnte sich die Suche nach einem verfügbaren Wagen manchmal gestalten. Jetzt aber spuckt die App des größten deutschen Anbieters Sharenow sogar an einem Freitagnachmittag Dutzende verfügbare Autos in fußläufiger Entfernung aus. Niemand braucht ein Auto, wenn alle zu Hause bleiben sollen. Aber schlimmer noch: Wer will in Corona-Zeiten noch ein Auto, wenn er nicht weiß, wer zuvor darin gesessen ist? Wer womöglich gegen die Scheibe gehustet oder aufs Lenkrad geniest hat?

Das Coronavirus trifft die Sharing Economy schwer, vielleicht noch schlimmer als andere Wirtschaftszweige. Denn während Restaurants und Hotels, Klamottenläden und Friseure wenigstens darauf hoffen können, dass ihre Produkte und Dienstleistungen wieder nachgefragt werden, sobald die Krise überstanden ist, ist die Lage bei all jenen, die aufs Teilen setzen, komplizierter. Dinge gemeinsam benutzen, Fremde ins eigene Haus einladen - die Sharing Economy war auch der Traum einer besseren Wirtschaft. Ressourcenschonend, effizient, demokratisch, das war das Versprechen.

Das hat sie bei Weitem nicht immer eingehalten, aber das Konzept zog viele Menschen an. Manche aus Idealismus, andere aus eher pragmatischen Überlegungen: Weil das Zimmer bei Airbnb günstiger war als das Hotel. Weil eine Fahrt mit dem Carsharing-Auto billiger kommen kann als eine eigene Karre, die oft herumsteht und ständig in die Werkstatt muss. Oder weil es effizient ist, sich einen Arbeitsplatz mit anderen zu teilen. Jetzt aber verlangt die Pandemie nach Abstand, nach Kontaktminimierung. Und es stellt sich die Frage: Werden wir je wieder teilen wollen?

Sharenow ist die gemeinsame Carsharing-Plattform von BMW und Mercedes. Man habe bereits zahlreiche Autos von der Straße geholt, heißt es beim Unternehmen. Zudem habe man die Reinigungszyklen der Autos massiv erhöht und empfehle das Tragen von Handschuhen und Schutzmaske während der Fahrt. Dass trotzdem unzählige Fahrzeuge ungenutzt in den Straßen stehen, bestreitet Sharenow erst gar nicht. "Die Nachfrage ist signifikant zurückgegangen, das gilt für ganz Europa", sagt ein Sprecher.

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Noch dramatischer lief es für Moia, den Ridesharing-Dienst von Volkswagen. Moia ist eine Art Sammeltaxi: Fahrgäste können es per App bestellen und teilen sich einen der Elektro-Kleinbusse mit bis zu fünf anderen Menschen, die eine ähnliche Fahrstrecke haben. Bislang war der Dienst in Hamburg und Hannover unterwegs, VW hatte große Pläne damit: Nicht nur in anderen deutschen Großstädten, sondern in ganz Europa sollte Moia eine Mischform aus Taxi und öffentlichem Verkehrsmittel werden. Aber in der Pandemie geriet das Unternehmen schnell in Schwierigkeiten: Anfang April wurde der Dienst komplett eingestellt - wegen praktisch komplett ausbleibender Nachfrage. Stattdessen transportiert Moia nun etwa medizinisches Personal zu den Nachtschichten ins Krankenhaus. Das ist, immerhin, eine sinnvolle Verwendung für die Autos - aber kein Geschäftsmodell.

Die Krise der Sharing Economy betrifft aber nicht nur Mobilitätsdienste. Prominentester Fall mit Pandemie-Problemen: Airbnb. Kaum ein Unternehmen verkörpert die Sharing Economy besser: Was mit einer idealistischen Idee begann - günstig übernachten und dabei auch noch neue Leute kennenlernen - wurde zum disruptiven Faktor für die bis dahin leicht eingestaubte Hotellerie und schließlich einer der größten und einflussreichsten Akteure der Wirtschaft rund um den Globus: Regierungen mühten sich, Airbnb in die Schranken zu weisen, Stadtplaner verzweifelten an den Auswirkungen, die Airbnb auf die Mietmärkte hatte. Dann brachte das Coronavirus den weltweiten Tourismus praktisch zum Stillstand.

Airbnb erleichterte zunächst den Gästen die Stornierung - und brachte damit die Gastgeber gegen sich auf, von denen viele auf die Einnahmen angewiesen sind. Die unterstützt das Unternehmen deshalb nun mit 250 Millionen Dollar - während das Geschäft einbricht. Der Wochenumsatz soll laut der Analysefirma Airdna allein in Deutschland von 31 Millionen Euro Mitte Februar auf 13 Millionen Ende März zurückgegangen sein. Und ähnlich wie bei den Mobilitätsdienstleistern drängt sich auch hier der Gedanke auf: Auch wenn der Tourismus irgendwann wieder anlaufen wird - die Idee, fremde Menschen aufzunehmen oder bei ihnen unterzukommen, Küche und Bad zu teilen, scheint von allen Arten des Reisens jene zu sein, die gerade am weitesten entfernt ist. Das gilt für kommerzielle Anbieter wie Airbnb genauso wie für echte Couchsurfer, die Unterkunft umsonst anbieten. Beim Bundesverband der Coworking-Space-Anbieter erwartet man, dass es eine "ungewollte Marktbereinigung" geben wird. Und all die E-Scooter, gedacht als Lieblingsspielzeug von Touristen und Anzugträgern in Großstädten, liegen seit Beginn der Pandemie achtlos in den Straßen. Ist Corona also das Ende vom Teilen als Geschäftsmodell?

In der Branche arbeiten junge, innovative Menschen. Bringen sie die Idee durch die Krise?

Maike Gossen beschäftigt sich am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung seit Langem mit Sharing Economy. Sie sagt, es gebe zwei Hauptmotive, sich für diese Angebote zu begeistern. Vor allem am Anfang seien Kunden wie Initiatoren von Sharing-Angeboten stark idealistisch motiviert gewesen. "Die ersten Initiativen, sich Autos zu teilen, gab es schon während der Achtzigerjahre", sagt Gossen. "Damals war Umweltschutz das treibendes Motiv, die Frage des persönlichen Komforts spielte da kaum eine Rolle." Mit der Digitalisierung sei es dann aber deutlich einfacher geworden, Teilen zu organisieren. "Seither sind die Angebote für eine größere Zielgruppe interessant - also auch für Menschen, die nicht nur an die Umwelt denken, sondern ganz rational überlegen, was wirtschaftlich die interessanteste Option für sie ist." Wenn sich die Parameter nun ändern, glaubt Gossen, könnten vor allem jene dabei bleiben, die bereits gute Erfahrungen mit Sharing-Angeboten gemacht haben - und die Chancen stünden besser, je größer die Rolle sei, die Umweltschutz und Nachhaltigkeit bei der persönlichen Motivation spielten.

25 400 Autos

stehen in Deutschland derzeit für Carsharing zur Verfügung, 2,29 Millionen Menschen sind als Nutzer registriert. Vor der Pandemie wuchs die Branche schnell: 226 Anbieter gibt es derzeit laut Bundesverband Carsharing im Land - dazu gehören Unternehmen ebenso wie gemeinnützige Vereine. 2019 waren es erst 181 Anbieter. Die meisten großen Anbieter setzen dabei auf sogenannte Free-Floating-Systeme, das Auto steht also einfach dort, wo es vom letzten Kunden abgestellt wurde und wird per Handy-App vom nächsten Nutzern geortet. Das funktioniert vor allem in großen Städten gut - an insgesamt 17 Orten in Deutschland ist dieses System etabliert. Kleinere Anbieter setzen lieber auf stationsbasiertes Carsharing: Hier werden die Autos an festen Stationen abgeholt und müssen dort auch wieder zurückgegeben werden. Nur zehn Anbieter in Deutschland kombinieren beide Systeme.

Verloren für die große Masse sei die Idee der Sharing Economy aber keinesfalls - vor allem, wenn es gelingt, die Angebote an die neuen Bedürfnisse anzupassen. "In der Szene sind viele junge Leute, viele innovative Start-ups aktiv", sagt Gossen. "Da kann man viel Innovationskraft erwarten und damit auch die Chance, Angebote zu schaffen, die auch zu einem durch die Pandemie veränderten Lebens- und Marktumfeld passen." Gossen nennt als Beispiel ein Problem in der frühen Phase privaten Carsharings. Damals empfanden viele Menschen vor allem den Prozess der persönlichen Schlüsselübergabe als mühsam. Also entstand ein System mit einer Schlüsselbox direkt am Auto. Wenn die Hygiene in den Autos sichergestellt ist, könnte Carsharing also doch noch davon profitieren, dass sich viele Menschen nicht mehr in Bus oder Bahn quetschen wollen. Das hilft der Umwelt dann zwar nicht, der Wirtschaftszweig könnte aber überleben.

Es gibt auch Überlegungen, dass die Corona-Pandemie zu einer Art Re-Regionalisierung führen könnte - und dass in diesen engeren Kreisen dann auch wieder munter geteilt wird. Ein erstes Indiz dafür könnte der Zuwachs bei der Plattform nebenan.de sein. Dort wird traditionell Nachbarschaftshilfe digital organisiert - wer kann wem eine Bohrmaschine leihen, wer hat eine Luftpumpe fürs Fahrrad übrig? Bei nebenan.de hat man sich jedenfalls bereits angepasst. Nahezu alle, die Bohrmaschinen, Luftpumpen oder Leitern verleihen, versprechen kontaktlose Übergabe.

© SZ vom 25.04.2020/mxh
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