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Prozess um Drogenschmuggler:Nulpen aus Amsterdam

Vor Gericht, hier ein Bild aus dem Jahr 2018, ist der Fall aus dem März 2019 verhandelt worden. Angeklagter und Opfer kannten sich bereits vor der Tat.

Mehrere mutmaßliche Dealer müssen sich vor dem Landgericht München I, hier auf einer Aufnahme von 2018, verantworten.

(Foto: dpa)

Eine Bande soll jahrelang Drogen aus Holland eingeführt und in München verkauft haben. Allein in der Anklageschrift ist von gut 27 Kilo Marihuana, 13 Kilo Kokain, 15 Kilo Speed und vier Kilo Heroin die Rede.

Von Susi Wimmer

Wenn das die Oma gewusst hätte, dass der Enkel in ihrer Wohnung in Daglfing einen Drogenbunker eingerichtet hatte... "Aber die war viel in Urlaub", erzählt Moritz S., einer seiner Spezl. Der Enkel schweigt, und auch der Dritte im Bunde, der Kopf einer zehn Mann starken Drogenbande gewesen sein soll, lässt nur über seinen Anwalt eine Erklärung abgeben. Das Trio, das vor dem Landgericht München I angeklagt ist, hatte mit Kokain, Marihuana, Crystal Meth und Heroin nicht nur im Grammbereich gekleckert, sondern richtig geklotzt. Jahrelang sollen die Männer Drogen eingeführt und in München weitergereicht haben - und zwar kiloweise. Auf sie warten mehrjährige Gefängnisstrafen.

Vor der achten Strafkammer sitzen am Dienstag nur drei Angeklagte, aufgrund der Abstandsregeln musste das Verfahren gegen die mutmaßliche Bande in drei Einzelverhandlungen aufgesplittet werden. Und so sehen sich die Männer, die in unterschiedlichen Haftanstalten auf ihre Prozesse warten, vor Gericht wieder. "Natürlich bestand da grundsätzlich eine Freundschaft zwischen uns", sagt der 35 Jahre alte Moritz S. aus Gräfelfing. Doch der Dachauer Benedict B., 25, würdigt seine "Freunde" keines Blickes. Das mag daran liegen, dass Moritz S. ausgepackt und bei der Polizei umfassende Angaben zu ihren Drogengeschäften gemacht hat. Was ihm eine mildere Strafe einbringen könnte.

Moritz S. ist, wenn man es nicht besser weiß, der Typ Schwiegersohn, wie ihn sich Mütter wünschen. Sportlich, gepflegt, er weiß sich auszudrücken, geht dem soliden Beruf des Groß- und Außenhandelskaufmanns nach. Und er arbeitet auch brav mit, als Richter Gilbert Wolf mit ihm die 15 Seiten fassende Anklageschrift Punkt für Punkt durchgeht. Damit ist es flugs vorbei mit dem Schwiegermutter-Traum.

Wohl über den Kontakt durch Benedict B. fuhren Tobias R., 30, und Moritz S. im Frühjahr 2017 erstmals mit einem Mietauto nach Holland, wo sie in der Nähe von Amsterdam vor einem Hotel die Brüder "Riek" und "Raimund" trafen. Auf Kommission erhielten sie 300 Gramm Kokain für 13 500 Euro, also das Gramm für 45 Euro. Sie schickten es per Post in die Nähe von Dachau, teilten den Stoff und verkauften ihn weiter, zum doppelten Preis. An wen, will S. nicht sagen. Was sich nach einem profitablen Geschäft anhört, entpuppte sich für ihn als Spirale nach unten. Er konsumierte selbst ein bis eineinhalb Gramm Kokain am Tag und so seien die Holländer beim zweiten Deal "angepisst" gewesen, weil sie Gewinn erwartet hatten. "Schockiert" sei Moritz S. gewesen, als sie im Winter 2017 als Übergabeort den Dachauer Weihnachtsmarkt anpeilten. Nach dem Anschlag auf den Berliner Markt 2016 sei das Polizeiaufgebot enorm gewesen. Er bekam ein Kilo Kokain und zwei Kilo Marihuana in einer Supermarkttüte übergeben.

Zwei Kilo Kokain am Dachauer Baggersee empfangen, 15 Kilo Marihuana in München, kiloweise "Bricks", also Päckchen, mit den Aufschriften "Gucci" oder "Prada" wurden in privaten Lagern gebunkert und an Großabnehmer weiterverkauft. Allein in der Anklageschrift ist die Rede von etwa 27 Kilo Marihuana, 13 Kilo Kokain, 15 Kilo Speed und an die vier Kilo Heroin in nicht einmal zwei Jahren. Anfang 2019 fuhr Moritz S. seine Freunde zum Frankfurter Flughafen, wo diese zu einem dreiwöchigen Bahamas-Urlaub abhoben. Bei der Landung jedoch war die Polizei zumindest verdeckt mit dabei. Denn die Dealer waren einem V-Mann aufgesessen. Im Juli klickten die Handschellen. Ein Urteil soll erst Mitte Dezember fallen.

© SZ vom 09.09.2020/wean
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