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Coronavirus und Oktoberfest:Feiern am Limit

München: Die Bavaria-Statue steht oberhalb der leeren Theresienwiese, auf der jährlich das Oktoberfest stattfindet. Das größte Volksfest der Welt findet wegen der Corona-Pandemie in 2020 nicht statt.

Ein Alkoholverbot auf der Theresienwiese, und dann auch noch zur Wiesn-Zeit - vor einem Jahr wäre das undenkbar gewesen.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die Infektionszahlen erreichen in München erstmals den Schwellenwert 50 - die Wirtshaus-Wiesn steigt trotzdem.

Von Franz Kotteder

Hätte man sich vor einem Jahr etwas komplett Unglaubwürdiges ausdenken sollen, dann wäre man vielleicht auf diese Idee gekommen: Am ersten Wiesnsamstag wird über die gesamten 42 Hektar der Theresienwiese ein striktes Alkoholverbot verhängt, angeordnet vom Münchner Oberbürgermeister höchstpersönlich. Gleichzeitig verdonnert er die Münchner Schüler dazu, am Montag drauf mit Maske in der Schule zu erscheinen. Ein mitleidiges Kopfschütteln wäre wohl die mildeste Reaktion gewesen.

Ein Jahr später ist diese, nun ja, kranke Vision Wirklichkeit geworden. Von neun Uhr früh an darf auf der Theresienwiese kein Alkohol konsumiert werden, und zwar bis Sonntagmorgens um sechs Uhr. Wer dennoch mit einschlägigen Getränken dort erwischt wird, darf mindestens 150 Euro zahlen - das wäre dann wohl die teuerste Wiesnmass aller Zeiten. Das Verbot hat seinen guten Grund: Gerüchteweise war immer wieder von Gruppen zu hören, die sich am Samstag auf der Wiesn zum Kampftrinken verabredeten.

Und dann haben "zwei Privatpersonen", so die Stadt, für Samstag Demonstrationen auf der Theresienwiese angemeldet, einmal gehe es um "Unser Recht auf eine alternative Wiesn", das andere Mal um "Tradition- und Brauchtumserhalt". Auch das Aktionsbündnis Münchner Klimaherbst plant übrigens einen "Wiesneinzug der Klimaheld*innen", auf den angekündigten Ausschank von "traditionellem Gerstensaft" muss man jetzt verzichten.

Als wäre das alles nicht genug, stiegen pünktlich zum imaginären Wiesnanfang auch noch die Infektionszahlen an, und auch der kritische Schwellenwert der Sieben-Tages-Inzidenz von 50 wurde am Freitag erstmals knapp überschritten: 50,70 beträgt er jetzt, meldete die Stadt am frühen Nachmittag. Erste Auswirkung: Die Maskenpflicht für Schüler wird verlängert. Über weitere Maßnahmen berät der städtische Krisenstab am Montag.

Ungünstiger hätte der Zeitpunkt also gar nicht sein können für eine Hommage an das ausfallende Oktoberfest. Eine solche Hommage haben die Münchner Innenstadt- und Wiesnwirte aber für die kommenden 16 Tage angesetzt. "Wirtshaus-Wiesn" nennt sie sich, und sie beginnt an diesem Samstag mit dem größten Anzapfen aller Zeiten. Da kann man schon mal rätseln, wie viele Schläge man dafür braucht, bis um Punkt zwölf Uhr der Ruf ertönt: "Ozapft is!" 108 wären so ziemlich der Hammer beziehungsweise extrem gut, denn das würde bedeuten, dass jedes einzelne Fass mit nur zwei Schlägen angezapft worden wäre. Bei der Wirtshaus-Wiesn wird in nicht weniger als 54 Gaststätten gleichzeitig angezapft.

Auch über den Wiesnersatz, die Wirtshauswiesn, wird nun diskutiert

Das halten inzwischen nicht mehr alle für eine gute Idee, angesichts wieder steigender Infektionszahlen. "Ohne der Gastronomie in München was Böses zu wollen", schrieb etwa die SPD-Fraktionsvorsitzende im Rathaus, Anne Hübner, am Donnerstag auf Twitter, "und mit echtem Bedauern meine Meinung: Eine Wirtshauswiesn ab Samstag wäre ein komisches Signal, sollten wir morgen die Sieben-Tages-Inzidenz von 50 überschreiten."

Und die gemeinsamen Elternbeiräte aller Münchner städtischen Kindertageseinrichtungen und Grundschulen forderten von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) gar: "Setzen Sie die geplanten Lockerungen am kommenden Wochenende (Wirtshaus-Wiesn) aus!" Dabei handelt es sich aber nur um die Erlaubnis, Getränke auch ohne Speisen anbieten zu dürfen, und das hat mit der Wirtshaus-Wiesn gar nichts zu tun.

Die Wirte haben nun alle Hände voll zu tun, ihre als Sympathiewerbung gedachte Aktion wieder kleinzureden. "Da passiert nichts anderes als das, was jetzt die ganze Zeit auch schon passiert", sagt Gregor Lemke vom Augustiner Klosterwirt und Sprecher der Münchner Innenstadtwirte, "die Leute essen und trinken im Wirtshaus. Es gibt jetzt halt Wiesnschmankerl auf der Karte, Wiesnbier und eine entsprechende Dekoration. Außerdem spielen ein paar Musikanten auf, und die Leute können gerne in Tracht kommen."

Es sei ja wohl besser, findet Lemke, wenn die Leute ihre Oktoberfestsehnsucht in Lokalen unter kontrollierten Corona-Auflagen auslebten als unkontrolliert in den Isarauen. Auch Peter Inselkammer, Sprecher der Wiesnwirte, versteht die ganze Aufregung um die Wirtshaus-Wiesn nicht: "Bisher gab es doch auch keine großen Probleme mit den Auflagen, warum sollte das jetzt anders sein? Wir feiern bei uns ja keine Party, es soll eher gemütlich zugehen."

Womöglich ist das bei der Werbung für die Wirtshaus-Wiesn nicht so ganz rübergekommen und viele haben sich eben doch eine Art Massengaudi vorgestellt, so nach dem Motto: "Das Oktoberfest findet jetzt im Saale statt." Der Werbeaufwand war ja auch nicht gering. Und noch am Montag dieser Woche hatte der Einzelhändlerverband der Innenstadt, der Verein City Partner, zusammen mit dem Verein der Innenstadtwirte und dem Verein der Münchener Brauereien die Aktion "Ozapft is!" vorgestellt. 15 000 Gutscheine für eine Halbe Bier will man am Samstag unters Volk werfen. Jeder, der in Tracht in die teilnehmenden Geschäfte kommt und mindestens 50 Euro ausgibt, bekommt einen und darf ihn dann bei der "Wirtshaus-Wiesn" einlösen.

Fürs gemütliche Beisammensein wird normalerweise weniger Aufwand betrieben, und womöglich haben einzelne Wirte auch zu viel Gewese um das Anzapfen gemacht. Dieter Reiter richtete jedenfalls die "dringende Bitte" an die Gastronomen, die Schutz- und Hygienekonzepte unbedingt einzuhalten. Verstöße würden streng geahndet, am Montag werde man im Krisenstab darüber beraten, ob die Lokale wieder früher schließen müssen und die Personenzahl bei privaten Feiern erneut auf 50 innen und 100 draußen begrenzt wird.

Bis dahin ist die Anzapforgie allerdings gelaufen, und im restlichen Programm der Wirtshaus-Wiesn passiert sonst nicht mehr allzu viel. Im Grunde handelt es sich also um eine große Volksfest-Illusion, um die vielleicht ein bisschen viel Wind gemacht wurde. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich von der richtigen Wiesn aber gar nicht so sehr, wenn man ehrlich ist.

© SZ vom 19.09.2020/lfr

Oktoberfest-Phantomschmerz
:Irgendwo ist immer Wiesn

Das Oktoberfest lässt sich zwar durch nichts ersetzen, aber die Versuche dazu sind äußerst vielfältig: Der Alt-OB zapft zum Beispiel im Wirtshaus an - und ein Promi-Wirt lässt sich den Hintern versohlen.

Von Franz Kotteder

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