Coronavirus in München:Saubere Luft im Klassenzimmer

Forschungsprojekt Luftfilter Klassenzimmer Grundschule Parksiedlung, Oberschleißheim. Klasse 4c mit Lehrerin Lena Negele.

So könnte es in den weiterführenden Schulen aussehen, allerdings erst, wenn der Landkreis entsprechende Luftreinigungsgeräte auch bestellt hat. Eine Entscheidung dazu wurde vertagt.

(Foto: Florian Peljak)

Der Freistaat fordert Filteranlagen an allen Schulen, möglichst schon zum neuen Schuljahr im Herbst. Die Stadt will die Geräte wohl anschaffen - trotz Zweifel.

Von Heiner Effern und Jakob Wetzel

Die Stadt könnte im Kampf gegen die Pandemie ihren Widerstand gegen mobile Luftfilter in Klassenzimmern und Kitaräumen bald aufgeben. "Ich habe die zuständigen Fachreferate gebeten, alle aktuellen Argumente nochmals zu prüfen - auch unter Berücksichtigung der sogenannten Delta-Variante - und den Stadtrat baldmöglichst mit einem Vorschlag zum weiteren Vorgehen zu befassen", sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD).

Auch Stadtschulrat Florian Kraus (Grüne) deutet an, dass möglicherweise schon im Herbst zum Start des neuen Schuljahres Coronaviren aus der Luft gefiltert werden sollen. "Da sich die Pandemielage stetig verändert, neue Technologien verfügbar werden und Land und Bund neue Fördermodalitäten auflegen, ist es notwendig, dass das Thema mobile Luftfilter in Klassenzimmern neu bewertet wird", hieß es aus dem Bildungsreferat.

Die Verwaltung will sich schon diese Woche referatsübergreifend beraten. Natürlich wird in den Gesprächen auch Thema sein, dass der Freistaat Bayern den Druck auf die Kommunen erhöht, ihre Schulen und Kitas nachzurüsten. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Kultusminister Michael Piazolo erklärten am Dienstag nach einer Kabinettssitzung, dass es zwar keine rechtliche Verpflichtung für Luftfilter geben werde. Aber ihre Forderung danach sei keineswegs als reine Bitte aufzufassen. Ziel müsse ganz klar sein, Luftfilter bis zum Herbst in den Klassenzimmern zu haben, sagte Söder. Der Freistaat werde diese zur Hälfte bezahlen. Wer als Kommune nicht mitziehe, werde sich einer Debatte in der Öffentlichkeit stellen müssen.

Entscheiden werde darüber im Juli letztlich der Stadtrat, heißt es aus dem Haus von Stadtschulrat Kraus. Das klingt sehr danach, dass die Lüftungsgeräte kommen werden. Denn inhaltlich durften die Stadträte in der Pandemie bisher wenig beschließen, das übernahm weitgehend der Krisenstab. Doch zum Bezahlen benötigt dieses nicht demokratisch legitimierte Gremium eben den Stadtrat. Aus dem Rathaus ist zu hören, dass man grob geschätzt mit einer Summe von etwa 20 Millionen Euro rechnen könnte. Das hängt jedoch auch stark davon ab, welche Geräte man anschafft. Das bayerische Gesundheitsministerium soll laut Söder sehr schnell eine Auswahl benennen, deren Leistung den Anforderungen entspricht. Dem Ministerpräsidenten ist das schnelle Nachrüsten auch deshalb so wichtig, weil er nach den Sommerferien trotz einer drohenden Ausbreitung der hochinfektiösen Delta-Variante den Schülern eine Erleichterung weiter gewähren möchte, die von sofort an gilt: Die Maskenpflicht am Platz ist für alle abgeschafft.

Aus der Rathauskoalition von Grünen und SPD kommen bereits Signale, dass der Stadtrat den Luftfiltern zustimmen und diese auch bezahlen wird. "Wir sind sehr aufgeschlossen", sagte Grünen-Fraktionsvize Dominik Krause. Die Luftfilter könnten "eine sinnvolle Maßnahme" sein, um die Schulen auch im Herbst offen und möglichst coronasicher zu halten. Die SPD-Fraktion will ebenso alles dafür tun, dass die Schule im September bestens gerüstet sind. Und Luftfilter könnten ein gutes Mittel sein, findet die Vorsitzende Anne Hübner. "Über den Sommer nichts zu machen, ist für uns nicht vorstellbar."

Darüber, ob die Münchner Schulen mit technischen Luftfiltern ausgerüstet werden sollen, wird bereits seit dem vergangenen Sommer diskutiert. Derartige Geräte sind zunächst teuer, verschiedene Studien unter anderem an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg hatten aber gezeigt, dass sie die Konzentration von Schwebeteilchen in der Raumluft wirksam verringern können. Wissenschaftler und mehrere Lehrer- und Elternverbände hatten daraufhin den Einsatz von mobilen Luftreinigern gefordert, um Schülerinnen und Schüler besser vor Infektionen durch Aerosole zu schützen; andere reagierten skeptisch, darunter Virologen sowie unter anderem das Umweltbundesamt.

Der Freistaat Bayern legte im Oktober 2020 ein erstes Förderprogramm auf, um Kommunen beim Kauf solcher Geräte zu unterstützen. Die Münchner Stadtverwaltung aber blieb zurückhaltend. Die Geräte hätten keinen nachgewiesenen infektionspräventiven Nutzen, hieß es; sie könnten ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln und bei schlechter Wartung womöglich gar zu Virenschleudern werden. Außerdem gebe es die Förderung des Freistaats nur für Klassenzimmer, die man nicht ausreichend auf andere Weise belüften könne. Das sei in Münchner Schulen nirgends der Fall. Im Mai beantragten Grüne und SPD im Rathaus ein Pilotprojekt mit neu eingebauten stationären Filteranlagen sowie mit mobilen Luftreinigern, vorrangig für Schulkinder bis zu zwölf Jahren. Die Ergebnisse könnten nun ebenfalls in die neue Bewertung zum Nutzen der Filteranlagen einfließen.

© SZ vom 30.06.2021/wean
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