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Flüchtlinge und Corona:Hohe Ansteckungsgefahr in Asylunterkünften

Flüchtlingsunterkunft in München, 2017

Allein in der städtischen Gemeinschaftsunterkunft an der Elsenheimerstraße waren bis Mittwoch 85 von etwa 360 Bewohnern positiv auf das Virus getestet worden.

(Foto: Robert Haas)

Die Stadt will künftig 15 Prozent der Plätze in städtischen Flüchtlingseinrichtungen freihalten, um bei Corona-Ausbrüchen schneller reagieren zu können. Die Grünen fordern mehr Tests.

Die Zimmer sind oft beengt, häufig leben mehrere Menschen darin. In den Gemeinschaftsküchen und Aufenthaltsräumen von Unterkünften ist die Gefahr für Geflüchtete, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, besonders groß. In staatlichen, aber auch städtischen Einrichtungen in München bricht regelmäßig die Krankheit aus. Die Infektionszahlen in den Unterkünften hätten sich "seit Ende April erheblich erhöht", teilt das Sozialreferat nun mit.

Allein in der städtischen Gemeinschaftsunterkunft an der Elsenheimerstraße in Laim waren bis Mittwoch 85 von etwa 360 Bewohnern positiv auf das Virus getestet und unter Quarantäne gestellt worden. Das Referat für Gesundheit und Umwelt fordert deshalb seit Wochen, dass künftig in städtischen Flüchtlingseinrichtungen 15 Prozent der Plätze freigehalten werden müssen, um bei einem Krankheitsausbruch die Belegung entzerren zu können. Am Donnerstag stimmte der Sozialausschuss des Stadtrats der Forderung zu.

Sozialreferentin Dorothee Schiwy ist bewusst, dass "es ganz sicher Defizite in verschiedenen Unterkünften" gebe. Das liege auch an den verschiedenen Betreibern. Dem Gesundheitsreferat ist es deshalb wichtig, dass diese genau Bescheid wissen, wie Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln in den teilweise beengten Unterkünften eingehalten werden können. Demnächst wollen auch Vertreter des Wohnungs- und des Jugendamts alle Münchner Einrichtungen besichtigen und auf Missstände aufmerksam machen. "Wir hatten schwierige Situationen bei der Hygiene", sagt Schiwy, allerdings sei das in einem System, das zu einhundert Prozent voll sei, zu befürchten gewesen, zumal sich die Ereignisse wegen der Corona-Pandemie überschlagen hätten.

Nicht nur in Flüchtlingsunterkünften will die Stadtverwaltung nun reagieren. So hatte die neue grün-rote Stadtratsmehrheit bereits am 8. Mai gefordert, dass aufgeschlüsselt werden soll, wo welche Personengruppen derzeit vor allem mit dem Coronavirus infiziert werden. Zudem sollen Menschen in Unterkünften, die infiziert sind oder als Kontaktperson unter Quarantäne gestellt werden müssen, "menschenwürdig untergebracht" werden. Das betreffe vor allem Familien, die etwa Familienhotels oder Ferienwohnungen beziehen sollen. Zudem soll die Betreuung der Menschen in den Unterkünften ausgeweitet werden und die Einrichtungen sollen wieder für freiwillige Helfer geöffnet werden. Bislang war das während der Corona-Krise nur in Ausnahmefällen möglich, die Innere Mission hatte vor wenigen Tagen auf Antrag eine Ausnahmegenehmigung für freiwillige Helfer von der Regierung von Oberbayern erhalten.

Doch ansonsten verfährt die Regierung in staatlichen Unterkünften bislang rigoros. Deshalb fordert der Stadtrat auf Antrag der SPD-Fraktion nun, dass sich Oberbürgermeister Dieter Reiter beim Freistaat dafür einsetzt, dass die seit 23. März geltenden massiven Einschränkungen der Asylsozialberatung aufgehoben und Familien mit Kindern nach spätestens sechs Monaten aus Münchner Ankereinrichtungen in dezentrale Einrichtungen verlegt werden.

Am Donnerstag forderte zudem das Münchner Sozialprojekt Bellevue di Monaco gemeinsam mit mehr als vierzig Organisationen Ministerpräsident Markus Söder, Innenminister Joachim Herrmann, die bayerischen Regierungen, Landratsämter und Kommunen auf, Geflüchtete besser vor Ansteckung zu schützen. Mittlerweile sind drei Geflüchtete in Bayern an den Folgen des Coronavirus gestorben, zwei davon lebten in Einrichtungen in München.

Die Grünen-Fraktion im Landtag fordert zudem in einem Dringlichkeitsantrag eine Ausweitung der Tests von Sars-CoV-2-Fällen in den Unterkünften. "Unentdeckte Ansteckungs-Cluster wie in den Gemeinschaftsunterkünften müssen so schnell wie möglich entdeckt werden, damit Infizierte nachverfolgt werden können", sagt die Münchner Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel. Es werde gerade in den Unterkünften nicht ausreichend und zu zögerlich getestet. Demirel will sich demnächst ein Bild von der staatlichen Unterkunft in der Aschauer Straße machen, wo ein 35-Jähriger am Virus erkrankte und später im Krankenhaus starb. Mittlerweile wurden deshalb Strafanzeigen wegen fahrlässiger Tötung und unterlassener Hilfeleistung gestellt.

© SZ vom 29.05.2020/syn
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