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Corona-Beschränkungen in München:Masken auf, Zahlen runter

Ausgerechnet als die Corona-Werte erstmals wieder sinken, treten in der Innenstadt schärfere Vorschriften in Kraft. Ein Bericht aus der Mund-Nase-Bedeckungs-Zone.

Von Julian Hans

Am Morgen, nachdem die neue Allgemeinverfügung in Kraft getreten ist, wirkt München ein bisschen wie Deutschland nach dem Krieg: Die Stadt ist in Zonen eingeteilt, und man muss gut aufpassen, dass man nicht aus Versehen eine Grenze überschreitet.

Nehmen wir an, einer wohnt im Lehel und hat sich mit maximal vier Freunden zum Weißbierfrühstück im Biergarten auf dem Viktualienmarkt verabredet. Wenn er auf sein Rad steigt, gelten noch keine Beschränkungen. Auf der Fahrt durchs Tal muss er auch keine Maske tragen. Sollte er aber unterwegs absteigen, zum Beispiel um bei Pfeifen Huber frischen Tabak zu kaufen, dann muss er einen Mund-Nasen-Schutz aufziehen, denn im Tal gilt auf dem Gehsteig Maskenpflicht. Dann überquert er den Viktualienmarkt - eine Zone, in der Mund und Nase generell bedeckt gehalten werden müssen. Nachdem er seine Spezl mit Ellbogencheck begrüßt hat, setzen sie sich an den ihnen zugewiesenen Tisch. Jetzt dürfen sie die Masken abnehmen, das erlaubt das allgemeine Hygienekonzept der Gastronomie.

Der Biergarten auf dem Viktualienmarkt ist also, um im Bild zu bleiben, so etwas wie das Berlin von München: Eine Insel der Freiheit inmitten der SBZ, der Schnauzen-Bedeckungs-Zone.

Für Marcella Lerchenberger könnte jetzt eine goldene Zeit anbrechen. Sie verkauft Masken an einem Stand direkt am Eingang des Marktes. Das Sortiment reicht von den gewöhnlichen bunten Lappen über Masken aus Spitze (gefragt bei Bedienungen, denn die müssen ja den ganzen Tag rennen und dabei gut Luft bekommen, erklärt Lerchenberger) bis zu solchen mit Totenschädel-Grinsen oder Joint im Mundwinkel. Plastikschilde gibt es auch in allen Formen. "Am besten gehen aber immer noch die da", sagt Lerchenberger und zeigt auf die mit den weiß-blauen Rauten.

Masken aus Spitze - angeblich bei Bedienungen gefragt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eigentlich sollte das Geschäft florieren. Der Stand ist die letzte Gelegenheit für Vergessliche: Lieber acht Euro für eine Maske zahlen als 250 Euro Bußgeld, wenn man ohne erwischt wird! Aber bislang schlage sich das noch nicht im Umsatz nieder. Lerchenberger hat den Eindruck, dass jetzt weniger Menschen auf den Viktualienmarkt kommen als früher. Und sie hat auch eine Vermutung, warum: "An der frischen Luft mit dem Ding rumlaufen ist eine Zumutung", sagt die Maskenverkäuferin.

Es ist jetzt sehr viel geregelt im öffentlichen Raum, und trotzdem sind immer noch Fragen offen: Was gilt zum Beispiel auf der Leberkäs-Meile? Darf, wer bei einer der zahlreichen Metzgereien seine Semmel erworben hat, die dann auch an Ort und Stelle essen? Oder muss er erst raus aus der Verbotszone, um an einem einsamen Ort das inzwischen erkaltete Brät zu verzehren? Aber dürfen Essende schlechter gestellt sein als Raucher?

Hildegard Harlanger hat die Regel zu ihren Gunsten ausgelegt, sich hinter den Schlemmermeyer gestellt und ihre Maske kurz abgenommen, um in eine Bratwurst zu beißen. Eigentlich könne sie gut leben mit der Maskenpflicht, sagt die Münchnerin. "Es ist nicht schön, aber wenn ich was damit bewirken kann, ist es gut." Sie gehe jetzt eigentlich noch lieber in die Innenstadt als früher, sagt sie, weil nicht mehr so viele Touristen da sind.

Hildegard Harlanger hat ihre Maske nur ganz kurz abgenommen, um in eine Wurst zu beißen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die paar, die da sind, versammeln sich nach alter Sitte um 12 Uhr vor dem Rathaus und warten auf das Glockenspiel. Statt einiger Hundert sind es heute vielleicht 50, die dabei zusehen, wie sich zum Läuten die Schäffler drehen - als Erinnerung an das Ende einer anderen Pandemie vor mehr als einem halben Jahrtausend.

Sollte der Oberbürgermeister in diesem Moment einen Blick aus seinem Amtszimmer werfen, dürfte er zufrieden sein. Er sähe in lauter ordentlich maskierte Gesichter. Noch mehr werden Dieter Reiter aber die neuesten Zahlen gefreut haben, die ihm am Donnerstag aus dem Landesamt für Gesundheit gemeldet wurden: Der Wert der Sieben-Tages-Inzidenz ist wieder unter den Schwellenwert von 50 gefallen. Er liegt jetzt bei 45,12. Und die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen ist wieder zweistellig, 62 waren es. Wenn die Tendenz hält, muss Reiter seine Allgemeinverfügung nach dem 1. Oktober nicht mehr verlängern.

Besonders die Wirte klagen über das Hin und Her bei den Maßnahmen. Grundsätzlich habe er Verständnis dafür, dass die Regeln notwendig sind, wonach nur noch fünf Personen aus zwei unterschiedlichen Haushalten an einem Tisch sitzen dürfen, sagte der zweite Wiesnwirte-Sprecher und Nockherberg-Chef Christian Schottenhamel der Deutschen Presse-Agentur. Er wünsche sich aber mehr Planungssicherheit: "Wir reden seit Monaten von einer zweiten Welle. Es wäre schön, wenn wir von der Staatsregierung vorher informiert worden wären, was für diesen Fall geplant ist." Schottenhamel musste Reservierungen für seinen Festsaal absagen, in dem unter Corona-Bedingungen etwa 450 Gäste platz hätten. Dort gibt es Tische für acht Gäste. "Wenn wir vorher gewusst hätten, dass es kommen kann, dass wir nur fünf Personen an einen Tisch setzen können, hätten wir vorher schon reagieren und nur Reservierungen für fünf Menschen am Tisch annehmen können."

Einen besonders schweren Job hat an diesem Donnerstag der Mann vom Kommunalen Außendienst, der am Odeonsplatz die Zonengrenze überwacht: Auf der Straße darf am Odeonsplaltz ohne Maske geradelt werden, vor der Feldherrnhalle beginnt die Fußgängerzone, da gilt: runter vom Rad und Maske auf. Der Herr mit der weißen Dienstmütze winkt in alle Richtungen. Nicht nur die Maskenpflicht ist hier neu, wegen des Kunsthandwerkermarktes darf auf der Residenzstraße auch nicht mehr Rad gefahren werden.

"Wissen Sie, was das kostet?", fragt er zwei unmaskierte Radlerinnen, und gibt selbst die Antwort: "15 Euro für das Radeln in der Fußgängerzone, und 250 Euro, weil Sie keine Maske tragen." Obwohl da Schilder stehen, tun die beiden ahnungslos. "Maske? Outside as well? Really?", fragt eine ungläubig. Es bleibt bei der Ermahnung. Bußgeld habe er wegen der Maske noch keins verhängt, sagt der Schandi. "Und ich hoffe, das muss ich auch nie."

© SZ vom 25.09.2020/mmo
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