Buch über die Fraunhofer Schoppenstube:Hommage an ganz besondere Münchner Nächte

Die Atmosphäre hier war so einzigartig wie das Wirtepaar: Gerti Guhl hat gemeinsam mit Moses Wolff ein Buch über ihre Fraunhofer Schoppenstube geschrieben.

Von Franz Kotteder

Für manche legendären Lokale gilt das, was Falco angeblich für die gesamten Achtzigerjahre gesagt hat: Wer sich an sie erinnern kann, hat sie nie erlebt. Eines der Münchner Paradebeispiele dafür ist die Fraunhofer Schoppenstube, eines der berühmtesten Nacht-, ach was: Absturzlokale dieser Stadt, das es leider bereits seit dem 30. Juni 2013 nicht mehr gibt. Und doch stimmt der Satz so nicht ganz. Denn es können sich eine ganze Menge Leute noch sehr gut an die Fraunhofer Schoppenstube erinnern. Bei ihrer Wirtin Gerti Guhl nimmt das nicht weiter wunder, wohl aber doch bei einem Stammgast, wie Moses Wolff einer gewesen ist. Er hat nun zusammen mit Guhl eine postume Hommage an die Schoppenstube verfasst, die im Münchner Hirschkäfer-Verlag von Martin Arz erschienen ist. Und natürlich den einzigen Titel trägt, der dafür überhaupt in Frage kommen kann: "Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da" (120 Seiten, 16,90 Euro).

Dort, wo die Reichenbach- und die Baaderstraße auf die Fraunhoferstraße treffen, "ist nun ein meistens geschlossenes Antiquitätengeschäft", wie es im Buch heißt. Das ist schade, auch weil die Wirtin eigentlich gerne weitergemacht hätte und das auch - vor Corona - immer mal wieder unter Beweis gestellt hat, indem sie "Schoppenstuben-Abende" im Hofbräuhaus veranstaltet hat. Aber das war etwas anderes, denn in die richtige Schoppenstube ging man noch was trinken, wenn man rein rechnerisch schon lange keinen Durst mehr hätte haben müssen. Und bekam dort sogar noch etwas zu essen.

Derlei banale Grundbedürfnisse beschreiben so ein Etablissement natürlich nur sehr unzureichend. Das Wesentliche ist ja die Atmosphäre, die dort herrscht, und die war so einzigartig, weil die Wirtsleute so einzigartig waren oder in Gerti Guhls Fall: sind. Am 1. Januar 1973 hatte sie zusammen mit ihrem 2007 verstorbenen Mann die Schoppenstube übernommen. Werner Guhl war Musiker und Alleinunterhalter, er sang Seemannslieder ebenso wie Schlager und Gassenhauer aus beliebten Operetten, er begleitete sich selbst mit dem Akkordeon und am E-Piano. Es gab eingeschweißte Liedtexte zum Mitsingen. Wer sie noch halten und lesen konnte, sang mit. Die Gerti aber bediente, brachte die Leute zusammen, indem sie mit geübtem Auge die Richtigen zusammensetzte. Sie stiftete so wohl die eine oder andere Ehe, zumindest aber viele kurzzeitige Liebschaften.

Und sie sorgte für solide Hausmannskost auf dem Teller, denn die liebte ihr Mann, der gebürtige Schwabe. Und auch die Gäste liebten sie, die Kost und die Gerti. Sie kamen keineswegs nur wegen der langen Öffnungszeit bis drei Uhr morgens (das auch, es gab früher nicht viele Kneipen, die so lange aufhaben durften). "Dieses Lokal war ein Magnet für Menschen aller Art", schreibt Moses Wolff in seinem Vorwort, "Nacht für Nacht trafen sich dort seit fast 40 Jahren Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte nach ihrer Spätschicht, Bäcker vor ihrer Frühschicht, Kellner, Köche, Wirte, Taxifahrer, Discjockeys, Spüler, Straßenmusiker, Radiomoderatoren, Freischaffende aus dem Rotlichtmilieu und Polizisten." Das ist sehr wahr, und Wolff muss es wissen, ist er irgendwie doch auch ein Mensch aller Art: Schriftsteller, Musiker, Comedian, Kabarettist, Schauspieler und noch mehr. Mit Werner Guhl am Schifferklavier gab er den Hans-Albers-Imitator, und für die Hymne des Hauses zeichnete er auch verantwortlich.

Viele Promis kehrten ein, sogar Freddie Mercury in seiner Münchner Zeit, und Andreas Gabalier hatte hier seinen allerersten Auftritt, für eine österreichische Fernsehtalentshow. Dennoch blieb die Schoppenstube lange ein Geheimtipp, unter Münchner Gastrojournalisten war es bei Strafe verboten, diesen Tipp zu verraten. Die New York Times wusste das allerdings nicht und berichtete 2008 über die Schoppenstube in einem Artikel über München, den neuen "Hot Spot of Germany".

Auch darüber ist bei Wolff und Guhl zu lesen. Es ist ein Buch wie eine gut geführte Absturzkneipe, kunterbunt bis vogelwild in der Aufmachung, mit geschickt gemischtem Inhalt vom handgeschriebenen Kochrezept bis hin zum dokumentarischen Auszug aus dem Gästebuch. Mit kleinen Séparées und Nischen für Anekdoten und Liedertexte, und dann alles noch zweisprachig: "Bairisch / Deutsch" nämlich, was sich sehr lustig liest. Das Buch, es wird seinem Thema somit kongenial gerecht.

© SZ vom 31.07.2021
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