Tatort-Dreh in Oberaudorf:Wenn Batic und Leitmayr mit göttlichen Fragen konfrontiert werden

Titel: 'Tatort - Wunder gibt es immer wieder' (AT) Untertitel: Drehstartfoto

Dem Himmel so nah: die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) bei Dreharbeiten im Kloster Reisach.

(Foto: Hendrik Heiden/BR/Roxy Film GmbH)

Nach 30 Dienstjahren gehen die Münchner "Tatort"-Kommissare ins Kloster. Zu Besuch bei wundersamen Dreharbeiten.

Von Bernhard Blöchl, Oberaudorf

Die Nonnen schäkern hemmungslos. Die eine schmiegt sich an die andere, im Tangoschritt geht's ein Stück weit über den Klosterhof. Sie lachen. Dann gibt's einen Schlag auf die Schulter, bis der Habit staubt. Die Stimmung ist gut, vielleicht zu gut. Erst vor Kurzem kam der Wirtschaftsprüfer ums Leben. Hinweise, dass der Hausmeister des Klosters in die Tat verwickelt sein könnte, verdichten sich. Nonnenscherze im Sonnenschein? Verbieten sich. Eigentlich.

Eine These in der Filmbranche lautet aber so: Je ernster die Thematik, desto lockerer die Atmosphäre am Set. Bei den Dreharbeiten zum neuen München-"Tatort", die kürzlich abgeschlossen worden sind, bestätigt sich das. Im Film mit dem Arbeitstitel "Wunder gibt es immer wieder", der im kommenden Winter ausgestrahlt werden soll, geht es um Mord und vielerlei Geheimnisse im Umfeld eines fiktiven Nonnenklosters. Und wie ist die Stimmung im als Kulisse dienenden Kloster Reisach in Oberaudorf? So heiter wie das Wetter an diesem späten Julitag.

Tatort Dreharbeiten Oberaudorf

Ernst vor der Kamera, sonst recht gelassen: Maresi Riegner, Corinna Harfouch, Christiane Blumhoff, Ulrike Willenbacher und Petra Hartung in ihren Rollen als Nonnen.

(Foto: Wolfgang Zehentmeier/BR)

Das ist nicht nur an Corinna Harfouch und Petra Hartung zu erkennen, die sich bei der Stellprobe tänzelnd verbiegen. Auch die Schauspielerkollegen und Kommissar-Stars Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl wirken tiefenentspannt. Sie pausieren im Schatten und lassen den Blick nach oben schweifen. Sie sehen dabei mehr Himmelsblau, als es die Stadt in der Regel zu offenbaren vermag.

Tatsächlich kommt es selten vor, dass die "Tatort"-Routiniers, die seit 30 Jahren als Batic und Leitmayr ermitteln, die Münchner Stadtgrenzen verlassen. Mal ging es nach Bad Tölz, mal an den Gardasee, erinnern sie sich im Gespräch. Aber dieser Exkurs in den Luftkurort im oberbayerischen Inntal, der ist schon außergewöhnlich. "Es ist insofern entspannter als in der Stadt, als es nicht so viele nervenzerrende Ablenkungen gibt", erzählt Udo Wachtveitl, den die Architektur und die Gärten hier faszinieren. "Angenehmer, weil man nicht dauernd Leute abblocken muss, die vielleicht durchs Bild rennen." Kollege Nemec ergänzt: "Das Kloster ist schon sehr anziehend. Wir haben hier unser eigenes Tempo, unsere eigene Dynamik."

Dann wird wieder gedreht. "Ruhe da hinten, das gilt auch für euch!", ruft der Aufnahmeleiter in Richtung einer tuschelnden Gruppe. Stille stellt sich ein. Konzentration. Alle bereit. Genau dann rauscht ein Zug vorbei. Kurze Pause.

"Hier merkt man, dass da vor Kurzem noch Mönche gelebt haben."

Vorbeiratternde Züge sind der Ruhestörer Nummer 1 bei diesem ansonsten ruhigen Dreh. Dazu muss man wissen, dass das 1737 bis 1747 erbaute Kloster heute zwischen der stark befahrenen A 93 und Bahngleisen liegt. Eine Begebenheit, die die Regisseurin Maris Pfeiffer eher inspiriert als abgeschreckt hat. Sie sagt: "Wir fanden interessant, dass das Kloster nicht so idyllisch irgendwo liegt, sondern dass hier die Autobahn ist, dort der Zug, dass es also auch ein Außenleben gibt, was wir miterzählen können."

Maris Pfeiffer ("Schuld" nach Ferdinand von Schirach) hat schon einige Krimis und "Tatort"-Folgen in Szene gesetzt, aber noch nie einen BR-"Tatort". Auf die Münchner Kollegen hat sich die Absolventin der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) besonders gefreut. "Ich mag den Humor, ich mag, wie sie aufeinander eingespielt sind", erzählt sie in einer Teepause in der Küche der weitläufigen Anlage.

Das Kloster Reisach ist eine Attraktion für sich. In echt und - so viel kann man jetzt schon erahnen - im späteren Film. Das Karmeliterkloster wurde Ende 2019 aufgelöst, die verbliebenen Ordensleute sind in andere Klöster ausgereist, etwa nach Polen. Seitdem stehen die sanierungsbedürftigen Gebäude leer. Eigentümer ist der Freistaat Bayern, über die weitere Nutzung ist noch nicht entschieden. "Hier spürt man, dass noch Leben drin ist", sagt Maris Pfeiffer. "Die anderen Klöster sind entweder anders belebt, das kriegt man schwer raus. Oder sie sind so museal. Hier merkt man, dass da vor Kurzem noch Mönche gelebt haben."

Tatort-Dreh in Oberaudorf: Das Kloster Reisach in Oberaudorf wurde Ende 2019 aufgelöst. Seitdem stehen die sanierungsbedürftigen Gebäude leer.

Das Kloster Reisach in Oberaudorf wurde Ende 2019 aufgelöst. Seitdem stehen die sanierungsbedürftigen Gebäude leer.

(Foto: Wolfgang Zehentmeier/BR)

Da sich die Ermittlungen des Falls hauptsächlich im Kloster abspielen (Drehbuch: Alex Buresch und Matthias Pacht), tauchen nicht nur Batic und Leitmayr intensiv in das Klosterleben ein, sondern auch die Zuschauer. Die dürfen sich auf Einblicke in eine Frauengemeinschaft freuen. Jede beobachtet hier jeden, statt Verhörraumszenen gibt es wundersame Räume und überraschende Entdeckungen. Dieser besondere Spirit ist schon beim Dreh zu spüren. Statt Umkleiden für die Schauspieler gibt's Klosterzellen. Wachtveitl bringt das konzentrierte Arbeiten auf den Punkt: "etwas zwischen klösterlich und klaustrophob, was ja die gleiche Wortwurzel ist." Hinzukommt, dass das Duo mehr Text und mehr Minuten pro Einstellung hat als üblich. "Ich glaube, wir haben hier die längste Szene, die wir je gemacht haben, am Stück, die war acht Minuten lang", berichtet der 62-jährige Münchner von einer Szene am Ende, wo die Verdächtigen zusammengeführt werden ("so in Hercule-Poirot-artiger Weise").

Wie aber halten es die Hauptdarsteller selbst mit dem Glauben und der Kirche? "Meine Familie kommt aus Kroatien, natürlich waren wir alle katholisch", erzählt Miroslav Nemec. "Aber ich bin sehr früh aus der Kirche ausgetreten, ich habe auch nicht kirchlich geheiratet." Für seine Oma allerdings sei es ganz wichtig gewesen zu glauben, dass sie in den Himmel kommt. "All das hat mir beim Drehen geholfen", sagt der 67-Jährige. Udo Wachtveitl sieht das ähnlich. "Ich bin auch nicht gläubig", sagt er und wählt eine schöne Formulierung: "Ich bin, was Religion betrifft, unmusikalisch."

"Jetzt sind wir in der vierten Woche, jetzt reicht's dann auch langsam."

Mit religiösen Inhalten beschäftigt sich das Duo also nur für die Arbeit. Ins Kloster würden sie privat nicht gehen, zumindest nicht für länger. Aber für die Themen Rückzug und Selbstbesinnung sind sie durchaus empfänglich. "Sammlung und Einkehr, das ist ja weltanschauungsübergreifend immer etwas Schönes", sagt Wachtveitl. Kollege Nemec schließt sich an: "Dafür brauche ich nicht diese Umgebung. Da fahr ich lieber in mein Haus in Kroatien."

Apropos Flucht: So entspannt und bereichernd der Dreh auf dem Land auch war, irgendwann fehlt den Schauspielern München halt doch wieder. "Jetzt sind wir in der vierten Woche, jetzt reicht's dann auch langsam", sagt Wachtveitl. "Jetzt möchte ich auch mal wieder meinen gewohnten Kühlschrank und meine gewohnte Wohnung und Terrasse haben." Weltliche Genüsse statt Klosterzelle.

© SZ/chj/van
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