Inklusion im Job:"Oft heißt es: Der ist Rollifahrer und er ist blöd"

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Inklusion im Job: "Man darf sich als Mensch nicht auf sein Handicap reduzieren lassen, sondern muss zeigen, was man kann", rät Jobberater Sebastian Schinköth.

"Man darf sich als Mensch nicht auf sein Handicap reduzieren lassen, sondern muss zeigen, was man kann", rät Jobberater Sebastian Schinköth.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Berührungsängste, fehlende Barrierefreiheit und keine Einladung zum Bewerbungsgespräch: Menschen mit Handicap tun sich schwer, einen regulären Job zu finden. Sebastian Schinköth hilft ihnen, damit es doch noch klappt.

Von Catherine Hoffmann

Sebastian Schinköth arbeitet seit zwei Jahren im Bereich "Berufliche Rehabilitation und Teilhabe am Arbeitsleben" der Agentur für Arbeit München. Er hilft Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, eine passende Stelle zu finden - Pauschallösungen für alle gebe es hier nicht. Schinköth selbst ist Rollstuhlfahrer. Er war zuvor zwölf Jahre im IT-Systemhaus der Arbeitsagentur beschäftigt. Als Berater betreut er die IT-Branche.

SZ: Mit welchen Sorgen und Nöten kommen die Menschen zu Ihnen?

Sebastian Schinköth: Viele leiden unter Selbstzweifeln, weil sie schon länger Bewerbungen schreiben und immer nur Absagen erhalten. Ich spreche auch aus eigener Erfahrung: Sobald man in die Bewerbung schreibt "Ich bin schwerbehindert" oder "Ich bin Rollstuhlfahrer", geht bei vielen Arbeitgebern die Jalousie nach unten. Das ist traurig.

Inklusion im Job: Jobberater Sebastian Schinköth erzählt, wie er Menschen mit Handicap hilft.

Jobberater Sebastian Schinköth erzählt, wie er Menschen mit Handicap hilft.

(Foto: Robert Haas)

Was empfehlen Sie Ihren Kunden?

Sie sollten im Bewerbungsschreiben besser nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern ihre fachlichen Fähigkeiten in den Vordergrund stellen. Darauf kommt es an. Man darf sich als Mensch nicht auf sein Handicap reduzieren lassen, sondern muss zeigen, was man kann. Ob ich einen Rollstuhl habe oder gehörlos bin, spielt dabei keine Rolle. Das versuche ich, meinen Kundinnen und Kunden mit auf den Weg zu geben. Leider kommen doch oft Absagen, öfter als bei Menschen ohne Einschränkungen.

Wie sind Sie persönlich mit der Ablehnung umgegangen?

Als ich nach meiner Ausbildung auf Jobsuche war, habe ich rund 150 Bewerbungen geschrieben, erst in ganz Deutschland, dann habe ich europaweit gesucht. Es war niederschmetternd. Heute hilft mir das, Kunden gut zu beraten, weil ich aus eigener Erfahrung sprechen kann.

Was genau ist damals passiert?

Ich bin gelernter IT-Systemkaufmann, habe 2001 bei der Deutschen Telekom in Erfurt eine Ausbildung gemacht. Im dritten Lehrjahr wurde ich dann wie viele andere in einer Transfergesellschaft geparkt. Die Telekom wollte Personal abbauen und die Übernahmegarantie, die ich hatte, galt nicht mehr. Ein Jahr lang wurde ich quer durch Deutschland geschickt. Man wollte mich mürbe machen, damit ich einen Aufhebungsvertrag unterschreibe.

Warum haben Sie es nicht getan?

Das hätte sich für mich nicht gelohnt, weil ich damals eine Förderung für einen eigenen Pkw von der Bundesagentur für Arbeit bekommen habe. Meine Abfindung wäre aber auf das Fahrzeug angerechnet worden, so dass ich nichts davon gehabt hätte. Also schrieb ich wie wild Bewerbungen. Ich wäre überall hingegangen, nach Berlin, Stuttgart, Hamburg. Die Zeit hat mich geprägt.

Wie ging es weiter?

Mit Beharrlichkeit fand ich ein Praktikum bei einer Münchner IT-Firma im Support. Daraus wurde dann ein befristeter Job. Schließlich entdeckte ich im Internet eine Stelle im IT-Systemhaus der Bundesagentur für Arbeit.

Was machen Sie mit Menschen, die nicht so viel Elan aufbringen können wie Sie?

Für Menschen, die sich sehr schwer tun mit der Jobsuche, gibt es das Instrument der assistierten Vermittlung. Ich gehe dann direkt auf mögliche Arbeitgeber zu, die uns gesagt haben, dass sie offene Stellen auch mit schwerbehinderten oder gleichgestellten Personen besetzen würden. Die können dann meinen Kunden kontaktieren, wenn der einverstanden ist. Meist wird dann erst einmal ein Schnupperpraktikum vereinbart. Und dann klappt es oft auch mit einer festen Stelle.

Man muss sich also erst beschnuppern. Woher kommt die Skepsis?

Oft gibt es Berührungsängste. Für mich macht es keinen Unterschied, ob einer persönliche Einschränkungen hat oder ob er - wie ich immer sage - ein ganz normaler Läufer ist. Für mich ist jeder Mensch gleich. Aber Läufer tun sich oft schwer im Umgang mit Personen, die körperlich eingeschränkt sind. Und umgekehrt. Beide Seiten haben gewisse Ängste und auch Vorurteile. Davon gibt es auch im 21. Jahrhundert noch erstaunlich viele.

Werden Sie selbst auch immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert?

Oft heißt es: Der ist Rollifahrer und er ist blöd. Das geht bei mir mittlerweile links rein und rechts raus. Andere nehmen sich so etwas leider zu Herzen und zweifeln an sich selbst.

Was gibt es noch für Gründe, dass Unternehmen keine Schwerbehinderten einstellen wollen?

Unwissenheit spielt eine große Rolle. Egal, ob es ein Dax-Konzern oder ein kleines Unternehmen ist, oft behaupten die Personaler: Wenn ich einen Schwerbehinderten einstelle, werde ich den nie wieder los. Das hat sich leider in den Köpfen festgesetzt, aber das ist Humbug. Wer einen Arbeitsvertrag mit einem Schwerbehinderten schließt, vereinbart ganz normal eine Probezeit. Innerhalb dieser Zeit können beide Seiten den Vertrag kündigen, wenn sie feststellen, dass es nicht passt. Und auch nach der Probezeit kann man einen Aufhebungsvertrag aushandeln. Im "schlimmsten" Fall muss der Arbeitgeber sich dafür die Genehmigung vom Inklusionsamt holen. Das stimmt in der Regel aber zu.

Bei einer Bewerbung müssen schwerbehinderte und gleichgestellte Personen berücksichtigt werden. Was tun, wenn das Gebot missachtet wird?

Es gibt dann die Möglichkeit zu klagen. Ich halte davon wenig. Was bringt es mir zu klagen, damit ich zu meinem Recht komme? Dann baue ich auf einer miesen Basis auf. Da gehe ich doch lieber in ein Unternehmen, das mich gerne nimmt. Leider gibt es Arbeitgeber, die einmal eine schlechte Erfahrung mit einem klagefreudigen Behinderten gemacht haben. Die lassen lieber die Hände von einem neuen Arbeitsvertrag, bevor sie sich Ärger ins Haus holen.

Was müsste geschehen, damit der Umgang unverkrampfter wird?

Mehr miteinander reden als übereinander. Das würde ich mir wünschen. Jeder, der mich näher kennt, reduziert mich nicht auf meinen Rollstuhl, sondern weiß: Das ist der Basti. Der macht alles, was wir auch machen, nur ein bisschen anders. Wenn eine Treppe im Weg ist, muss man eben überlegen, wie man die umgehen kann.

Gibt es finanzielle Hilfen für Betriebe bei der Einrichtung von behinderungsgerechten Arbeitsplätzen?

Es gibt die Möglichkeit eines Eingliederungszuschusses, wenn jemand sozialversicherungspflichtig eingestellt wird. Auf Antrag unterstützen wir Arbeitgeber bei nötigen Umbaumaßnahmen. Wenn zum Beispiel eine Rampe gebraucht wird, ein WC umgebaut werden muss oder jemand eine spezielle Tastatur benötigt. Nicht nur wir helfen, auch das Inklusionsamt und der Integrationsfachdienst bieten im Einzelfall Unterstützung an.

Hilft behinderten Menschen die Pflichtquote?

Die Pflichtquote richtet sich nach der Unternehmensgröße. Je mehr Mitarbeiter ein Unternehmen hat, umso höher ist die Quote. Ab 20 Personen ist man verpflichtet, zwei Plätze zu besetzen. Oft erlebe ich aber, das Unternehmen lieber niemanden einstellen und eine Abgabe zahlen, bevor sie sich mit der Thematik auseinandersetzen.

Wie hoch ist diese Abgabe?

Die ist gestaffelt, es geht von 125 Euro pro nicht besetztem Platz bis 360 Euro im Monat. Das ist viel zu wenig, um Wirkung zu entfalten. Die Abgabe müsste so hoch sein wie ein monatliches Gehalt, damit sich eine Firma ernsthaft überlegt, ob sie nur die Abgabe zahlt und nichts davon hat oder ob sie doch lieber jemanden einstellt und dessen Arbeitsleistung bekommt. Ich würde mir wünschen, dass man jedem Menschen zutraut, dass er einen guten Job macht, auch jenen mit Handicap.

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