Lesercafé der SZ:Für wen entsteht Wohnraum?

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Man könnte Alois Dick einen besorgten Bürger nennen - wenn diese Bezeichnung nicht mittlerweile so negativ behaftet wäre. Dick ist 75 Jahre alt, er wohnt gleich um die Ecke vom Flostern. Seine Miete, sagt er, könne er sich gut leisten "bis zum Lebensabend, wenn es mich nicht vorher rausekelt". Haus für Haus, Straße für Straße könne er in Giesing die Gentrifizierung beobachten. Er ist an diesem Nachmittag gekommen, weil er etwas loswerden will. Nämlich das, was ihm Sorgen macht, die Entwicklung von ganz München, einer der "schönsten und liebenswürdigsten Städte der Welt".

Dick glaubt fest daran, dass Menschen ein Bedürfnis haben "nach Licht, nach Luft und Sonne", und dessen Erfüllung sieht er in Gefahr. "Die Verdichtung richtet die Stadt zugrunde." Ihm sind es ja jetzt schon zu viele Menschen hier, "gefühlt zwei Millionen". Natürlich ist Dick nicht grundsätzlich gegen das Bauen. Er fragt sich aber, wer sich die Wohnungen leisten kann, die entstehen. Der Freistaat, sagt der Rentner, der früher selber im Baugewerbe tätig war, müsste mehr Studentenbuden bauen, anstatt die Studenten auf den freien Wohnungsmarkt loszulassen. Er ist nicht verbittert, weil das München, wie er es kennt, immer mehr zu verschwinden droht, er ist nur wehmütig. Und erstaunt. Darüber, dass die Leute sich nicht mehr aufregen.

Lesercafé der SZ: "Als Kreativer hat man keine Chance, was zu finden. Meine ganze Existenz ist von einem Abriss bedroht." Uschi Billmeier.

"Als Kreativer hat man keine Chance, was zu finden. Meine ganze Existenz ist von einem Abriss bedroht." Uschi Billmeier.

(Foto: Robert Haas)

Für wen entsteht Wohnraum, um diese Frage geht es vielen an diesem Nachmittag. "70 Prozent sind doch für Normalbürger nicht erschwinglich", sagt Harald Lukas, er bezieht sich auf die Eigentumswohnungen am Alten Eiswerk, welche die Bayerische Hausbau auf dem alten Paulaner-Gelände errichtet. Vor Kurzem wurden die Preise bekannt gegeben, sie bewegen sich bei durchschnittlich etwa 12 000 Euro pro Quadratmeter. Doch Lukas bewegt noch etwas anderes: wie auf dem Areal mit dem Denkmalschutz umgegangen worden ist.

Beim Denkmalstreit um den Zacherlbräu vor zweieinhalb Jahren hat der Grafikdesigner und studierte Kunsthistoriker eine Petition beim Landtag eingereicht, er wollte wie viele andere, dass das Gebäude von 1822 an der Ohlmüllerstraße in seiner historischen Form wieder errichtet wird. "Das war kein unbedeutendes Haus." Die Pläne für einen modernen Neubau stießen damals bei Denkmalschützern und beim Bezirksausschuss auf heftige Kritik, allerdings vergebens. In dem modernen Bürogebäude sitzt heute die Verwaltungszentrale von Paulaner. Und Lukas, der in der Nähe wohnt, ärgert sich immer noch nahezu täglich, wenn er daran vorbeigeht.

Auf die neuen Wohnungen am Alten Eiswerk kommen an diesem Tag übrigens noch mehr Besucher zu sprechen. Einer berichtet von einem Bekannten, der sich als Kaufinteressent bei der Bayerischen Hausbau hatte eintragen lassen. Als er die Preisliste sah, habe er dem Unternehmen eine Email geschrieben: "Wenn ich im Lotto gewinne, melde ich mich wieder."

Ein Lottogewinn - vielleicht ließe sich damit ja noch ein Hausbesitzer überzeugen, Uschi Billmeier bei sich aufzunehmen. Sie leitet die kleine Djembe-Trommelschule in Bogenhausen, seit 20 Jahren, im Keller eines Bio-Supermarktes. Ende Januar ist Schluss, das Haus soll einer großen Wohnanlage weichen. Seit bald einem Jahr sucht Billmeier ein neues Domizil - ohne Erfolg. "Als Kreativer und wenn man auch noch Lärm macht, hat man keine Chance, in München was zu finden. Bei lauter Musik winkt jeder ab." Von der Stadt werde sie auch nicht unterstützt. Und wie geht es weiter? Billmeier weiß es nicht. Ohne Räume kein Unterricht, keine Einnahmen. "Meine ganze Existenz ist von einem Abriss bedroht."

Die kritische Szene täuscht Hausbesetzungen an

"Man erinnert sich an die 70er- und 80er- Jahre und an die Hausbesetzungen - man möcht' wieder anfangen", entfährt es einer älteren Giesingerin im Flostern. In Bayern sei es mit Hausbesetzungen schwierig, antwortet Katharina Horn, die im Rathaus für die ÖDP-Fraktion arbeitet. "Bringt auch nicht viel", wenn wie zuletzt an der Türkenstraße für 30 Minuten ein Haus besetzt wird, die Besetzer dann aber 24 Stunden im Polizeipräsidium an der Ettstraße festgehalten werden. Da findet Horn es nur logisch, dass die kritische Szene neuerdings zu angetäuschten Hausbesetzungen übergegangen sei: Damit werde auch auf unverantwortlichen Umgang mit Wohnraum hingewiesen. Die Polizei müsse alles absuchen, aber kein Demonstrant in die Ettstraße.

Christl Knauer-Nothaft hat als Historikerin zwei Bücher über Berg am Laim geschrieben und 1986 wie noch einmal 2006 den Bestand alter, denkmalwürdiger Bausubstanz beschrieben - und eigentlich vor allem einen Schwund dokumentiert, der sie gewaltig ärgert. "Heute würde man kein altes Haus mehr finden", schimpft sie, dabei sei der Kern des Stadtbezirks im Osten rund um die Baumkirchner und Josephsburgstraße einst voll von kleinen Arbeiter- und Handwerkerhäuschen gewesen.

Das sei heute alles weg, einzig einen alten denkmalgeschützten Bauernhof, das sogenannte Mahlerhaus, gebe es noch, per Erbschaft nun im Eigentum der Stadt München und mit ungewisser Zukunft. Momentan verfalle das Haus. Das erzählt Knauer-Nothaft all den streitbaren Giesingern im Flostern und lobt sie: "Es ist großartig, dass Sie sich wehren!"

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