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Volksfeste:Verlorene Wiesn-Herzen

Lebkuchenherzen sind eher nicht zum Essen da. Trotzdem kann man sie nach zwei Jahren nicht mehr verkaufen. Das Foto zeigt einen Stand auf dem vorerst letzten Oktoberfest 2019.

(Foto: Catherina Hess)

Bernd Dostler von der Event-Bäckerei Zuckersucht in Aschheim trifft die erneute Absage des Oktoberfests besonders hart. Er muss sechs Tonnen Lebkuchen wegwerfen, die er eigentlich für 2020 produziert hat.

Von Claudia Wessel

"Unvorstellbar - ein Herz darf man doch nicht wegwerfen!" Das sagt Bernd Dostler, Inhaber der Event- und Werbebäckerei Zuckersucht in Aschheim. Er muss sechs Tonnen Lebkuchenherzen entsorgen, die mit bairischen Sprüchen beschriftet sind und fürs Oktoberfest gedacht waren.

Sie wurden eigentlich fürs Vorjahr produziert, wären aber heuer noch verwendbar gewesen. Ein weiteres Jahr aber nicht, die Haltbarkeit läuft aus und sie müssen vernichtet werden. Dass die Wiesn erneut abgesagt wurde, habe ihn zwar nicht überrascht, sagt der Firmeninhaber. Aber "die weitreichenden Auswirkungen stellen sich mir jetzt nach einer schlaflosen Nacht immer mehr vor Augen."

Die 150 Mitarbeiter bleiben weiterhin in Kurzarbeit, auch Vorräte an Lebkuchenteig müssen entsorgt werden. "Für uns ist es ja nicht nur das Oktoberfest in München, sondern ganz Deutschland ist zu der Zeit in Wiesnstimmung, wir liefern Lebkuchenherzen in den Fachhandel, Werbeherzen für Firmen, die zu diesem Thema Aktionen veranstalten und werben, in Kindergärten, Altenheime und in viele Vereine", sagt Dostler. Auch das fällt nun alles weg.

Ein paar Oktoberfeste gibt es allerdings noch, die auch Herzen bei Zuckersucht bestellt haben. So etwa soll eine kleine Wiesn in Brisbane, Australien, auf jeden Fall stattfinden ebenso wie im niederländischen Ort Sittard. Dass auch das Oktoberfest in Dubai nun doch nicht stattfinden wird, findet Dostler nicht so schade.

Dorthin habe man zwar auch schon vor zehn Jahren einmal 5000 Herzen für einen Messestand der Expo geliefert, doch seien diese bei den Arabern gar nicht so gut angekommen, da in dem Land süße Geschenke stets ein ganz besonderer Gaumenschmaus sein sollten und nicht so sehr die schöne Liebesgeste und Erinnerung zähle wie hierzulande.

"Auch muss ein Araber dann bis zu manchmal fünf haargenau gleichaussehende Herzen kaufen können, denn durch die ganz wichtige Regelung der Gleichstellung in einem arabischen Harem muss ja jede Ehefrau genau das ganz gleiche Lebkuchenherz in Größe, Farbe, Schriftzug und Deko bekommen, weil sonst der Haussegen schnell schief hängt." So aber produziert Zuckersucht eher nicht.

Alles in allem ist Bernd Dostler derzeit schon recht deprimiert. "Meine Gefühle grade sind die gleichen wie vor 20 Jahren, als ich mit meiner Firma ganz klein angefangen habe und stets nach Möglichkeiten und Ideen gesucht habe." Wobei es damals weit mehr Möglichkeiten gegeben habe als in der derzeitigen Situation. "Es bleibt uns nichts anderes als zu hoffen und zu schauen, wie wir diese schlimme Zeit überstehen können."

Auffallend cool dagegen zeigt sich Toni Roiderer, Wirt des Hackerzeltes und des Gasthofs zum Wildpark in Straßlach-Dingharting. "Nicht die Wirte entscheiden ob die Wiesn stattfindet, sondern die bayerische Staatsregierung. Drum ist da jeder Kommentar überflüssig." Mit diesem kurzen Statement sei alles gesagt, findet er.

"Das Leben ist kein Wunschkonzert", sagt Wiesnwirt Toni Roiderer

Ja aber, ist er denn nicht traurig, wütend, macht ihm der finanzielle Verlust keine Sorgen? Da hat Roiderer einfach nur buddhistisch angehauchte Worte auf Lager: "Das Leben ist kein Wunschkonzert. Damit werden wir fertig. Es ist halt so, wie's ist. Das wird schon wieder." Insgesamt sei er froh, dass er rechtzeitig von der Absage erfahren habe, die ihn im Übrigen auch nicht überrascht habe. "Ich kann ja logisch denken."

Organisatorisches war noch nicht in die Wege geleitet. "Es sind keine Kosten und keine Mühen entstanden und das ist gut so." Und im Übrigen gehe es ihm gut, lässt er durchblicken, er genieße zurzeit das Nichtstun und Entspannung pur. Gerne aber wird er diese wieder gegen Arbeit eintauschen, sobald die Gastronomie wieder öffnet.

Vor einer schweren Entscheidung steht Alfons Bauschmid, Werkleiter der Stadtgüter München in Ismaning, bereits im Juli dieses Jahres. Denn da muss er festlegen, wie viele Ochsen für die Wiesn 2022 gemästet werden sollen. Diese werden nämlich 20 Monate alt, mit sechs Monaten werden sie angekauft. Bevor er neue Ochsen einkauft, wird er zunächst die Wirtinnen der Ochsenbraterei Antje Schneider und Anneliese Haberl fragen, wie viele Tiere sie auf jeden Fall abnehmen werden, mit oder ohne Wiesn.

Heuer waren es ein Drittel weniger, also insgesamt nur noch 65 Stück. Diese allerdings konnte das Gut Karlshof gut verkaufen, versichert Bauschmid. Zum Teil konnte die Haberl-Gastronomie sie verwenden, auch beim To-go-Betrieb, zum Teil kauften Metzgereien. Traurig ist Bauschmid übrigens auch. "Es hat schon letztes Jahr wehgetan, und jetzt noch mal. Da wird etwas fehlen ohne Wiesn."

© SZ vom 05.05.2021
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