Gartenfreuden:Urlaub hinterm Zaun

Lesezeit: 4 min

Gartenfreuden: Ruth Hofbauer hat einen Künstlergarten gestaltet.

Ruth Hofbauer hat einen Künstlergarten gestaltet.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Heuer heißt es: Ferien daheim. Das muss nicht schlimm sein - wenn man den richtigen Garten hat, wie sechs Beispiele zeigen

Von Bernhard Lohr

Gartenfreuden: Ruth Hofbauer hat einen Künstlergarten gestaltet.

Ruth Hofbauer hat einen Künstlergarten gestaltet.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Garten beschäftigt die Menschen seit der Vertreibung aus dem Paradies. Und er ist für viele Schriftsteller und Philosophen sogar der Ort, an dem sie geerdet zu tieferer Erkenntnis finden. Unzählige Bonmots zeugen davon. "Was hat ein Gärtner zu reisen? Ehre bringt's ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen versorgt", schrieb Johann Wolfgang von Goethe, der mit seiner Italienischen Reise vielen zum Vorbild wurde, die es in die Ferne zieht. Die Corona-Pandemie hat nun Italien unerreichbar werden lassen. Mancher ist in Quarantänezeiten auf seinen Garten oder Balkon zurückgeworfen, viele werden dort ihre Pfingstferien verbringen.

Der Landgarten

Rupert Nicklbauer in Unterhaching hatte zuletzt viel Zeit. Die Enkel durften nicht kommen, er selbst durfte wegen der Ansteckungsgefahr als ehrenamtlicher Betreuer nicht ins Seniorenzentrum St. Katharina Labouré. Und so verbrachte er mehr Zeit als sonst in seinem bunten, ländlichen Garten an der Münchner Straße. Vor kurzem noch war die Wiese übersät von "tausend Winterlingen", wie er sagt. Tomaten, Kohlrabi, Radieschen, Zucchini, Gurken und vieles mehr sprießen nun. "Ja, es ist schon viel Arbeit", sagt der 74-Jährige, der sein Grün hegt und pflegt und sämtliche Pflanzen selbst zieht. Er gibt zu, dass er das an seinem Rücken spürt. "Das gehört dazu", sagt er. Missen möchte er die Arbeit nicht. Er habe vorgehabt, in der Coronazeit mehr zu lesen, aber dazu sei er gar nicht gekommen. Erholung findet er trotzdem, wenn er sich auf seine Terrasse legt und den Vögeln zusieht, die ihn alleine wegen der zehn Nistkästen in großer Zahl in seinem Garten umgeben.

Der Bürgergarten

Michael von Ferrari vom Umweltamt im Rathaus Haar wird zur Zeit regelrecht überrollt von Anfragen. "Es läuft so toll wie noch nie", sagt der Initiator des Projekts "Haar zum Anbeißen", bei dem Bürger auf drei Gemeinschaftsflächen Gemüse, Kräuter und Kleinobst wie Johannisbeeren anbauen und großziehen, die dann von jedermann geerntet werden können. "Wir wissen schon nicht mehr, wo wir die Flächen herholen sollen", sagt Ferrari. Auf mindestens 50 Personen schätzt er den Kreis der Gartler aktuell. Drei Schulklassen hätten mitgemacht, wenn die Corona-Beschränkungen nicht gekommen wären, die nach Ferraris Überzeugung umgekehrt aber vielen jetzt den großen Wert einer kleinen Gartenparzelle in einem Gemeinschaftsprojekt vor Augen geführt haben. An der St.-Konrad-Straße, am Ende der Richard-Reitzner-Allee in Eglfing und an der Dianastraße am Waldrand wird gegartelt. Beeindruckt hat Ferrari letztens ein Siebenjähriger, der unbedingt eine Fläche haben wollte. 15 Nationen kommen an den Bürgergärten zusammen, erst kürzlich stieß eine griechische Familie dazu.

Gartenfreuden: Hofbauer töpfert selbst und lässt sich bei Gartenreisen, etwa nach Cornwall, inspirieren

Hofbauer töpfert selbst und lässt sich bei Gartenreisen, etwa nach Cornwall, inspirieren

(Foto: Claus Schunk)

Der Künstlergarten

Für Ruth Hofbauer ist ihr Garten ein Ort der Erholung und eine Kraftquelle. "Wenn man ein Stück Grün hat, ist man privilegiert in dieser Zeit", sagt sie. Am Dorfangerweg in Unterföhring hat sie auf 300 Quadratmetern einen mediterran-orientalischen Künstlergarten geschaffen. Hofbauer töpfert und lässt sich von Künstlern und Architekten wie Antoni Gaudí und Friedensreich Hundertwasser inspirieren. Hofbauer setzt in ihrem als "verträumt" charakterisierten Garten auch mit Klinker, Granit und Wasserbassin um, was sie auf organisierten Gartenreisen einer Freundin aus Landshut entdeckt. "Man kann auch in einem kleinen Garten etwas zaubern", sagt sie. Begeistert erzählt sie von der Gartenkultur in England und der Chelsea Flower Show. Viele Menschen in England öffneten ihre Gärten für Besucher. Hofbauer macht das, wenn alle zwei Jahre der "Tag der offenen Gartentür" im Landkreis begangen wird. Nächstes Jahr ist es wieder so weit, und dann kann Hofbauer wohl wieder reisen. Die geplante Gartenreise nach Cornwall, sagt sie, "ist leider wegen Corona ins Wasser gefallen".

Gartenfreuden: In diesem Jahr bleibt Ruth Hofbauer in ihrem Refugium.

In diesem Jahr bleibt Ruth Hofbauer in ihrem Refugium.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Lehrgarten

Zur Vielfalt an Bäumen, Sträuchern, Obst und Gemüse gibt es im gut drei Hektar großen Umweltgarten an der Hauptstraße in Neubiberg Schafe und zwei Ponys oben drauf. "Es ist ein wunderschönes Stück Natur, das die Menschen auch brauchen", sagt Lothar Bruns. Er ist Vorsitzender des Umweltgartenvereins und ist zuletzt oft gefragt worden, ob man denn in den Garten reinkönne. Das Gebäude der Ökoschule ist derzeit geschlossen. Führungen gibt es nicht. Aber der Garten an sich ist offen, und das Bedürfnis groß, hineinzugehen und Erholung zu finden. Der Verein betreut den sogenannten Biogarten, in dem nach ökologischen Kriterien Salat, Kräuter, Kürbisse und mehr angebaut werden. Dazu kommen bald viele neue Tomatenpflanzen, die ein Züchter setzen will, der laut Bruns 500 Sorten kultiviert hat.

Der Kleingarten

Rainer Schäfers hat es seit Jahren schon vorgehabt. Mit der durch die Corona-Pandemie bedingten Auszeit kam er nun dazu, seinen kleinen, 40 Quadratmeter großen Garten an der Gartenstraße in Unterhaching nach seinen Wünschen umzugestalten. Jetzt hat er einen Blühbereich, einen Nutzbereich und auch ein Stück Erholungsgarten geschaffen. Alleine die blühenden Margeriten: "Da bin ich stolz drauf", sagt er. Schäfers betont, dass man auch auf kleinen Flächen oder auf einem Balkon Großes schaffen könne. Schäfers weiß freilich, wie es geht und worauf es beim Garteln ankommt. Er ist Vorsitzender des Gartenbauvereins und des Kreisverbands München und München-Land, der auch Fortbildungen anbietet.

Das Paradies

Erika Eggelsmann hat so viel in und mit ihrem Naturgarten erlebt. Sie kann Anekdoten erzählen, etwa als sie zu den Olympischen Spielen 1972 Gäste aus Venezuela beherbergte. Jahre später schickten diese ihre Tochter auf einen Besuch zu den Freunden in Pullach und kündigten dies auf einer Karte als Reise nach "little paradise in Pullach" an. Die Karte hat Eggelsmann heute noch. "Wir kommen nicht so viel raus", sagt sie über die Corona-Krise und ergänzt gleich: "Wir sind ganz zufrieden und wollen auch gar nicht raus." Der Garten ist in Pullach-Gartenstadt etwas besonderes, weil er mit dem kleinen Holzhaus ein Relikt aus früherer Zeit ist in einem mit großen Gebäuden und Villen längst verdichteten Umfeld. Den kleinen Pool hat Eggelsmann nach dem Krieg auf Anleitung ihres Vaters mit geholfen anzulegen. Er liegt eingebettet in Wiese, Apfelbäume, Hochbeet, Kräuter, Johannisbeerbüsche. Für Sonntag sind Kinder aus der Nachbarschaft angekündigt, zum Baden. "Wir sind offen für Gäste", sagt Eggelsmann.

Gartenfreuden: Erika Eggelsmann hat einen Garten, den Freunde aus Chile als "Little Paradise" bezeichneten. Sie empfängt dort gerne Besucher.

Erika Eggelsmann hat einen Garten, den Freunde aus Chile als "Little Paradise" bezeichneten. Sie empfängt dort gerne Besucher.

(Foto: Claus Schunk)
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