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Nahverkehr in München:Das 365-Euro-Ticket bleibt ein Traum

S-Bahn Stammstrecke in München fährt wieder

Wie viel will man sich den öffentlichen Personennahverkehr im Großraum München - hier ein Bild aus maskenfreien Zeiten - kosten lassen? Darüber wird nun erneut debattiert.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

MVV fahren für einen Euro am Tag? Aus Söders Wahlversprechen aus dem Jahr 2018 wird vorerst nichts. Nachdem der Münchner Stadtrat das günstige Jahresticket gestoppt hat, sehen Kreispolitiker keine Chancen mehr.

Von Martin Mühlfenzl

So viele Jahre war Wien Sehnsuchtsort, vielfach ausgezeichnet vom britischen Economist als lebenswerteste Stadt der Welt. Im aktuellen Ranking ist Österreichs Hauptstadt hinter Neuseelands Hafenstadt Auckland auf Rang zwei abgerutscht, aber gerade für Verkehrspolitiker bleibt die Donau-Metropole das Mekka schlechthin. Und das vor allem aus einem Grund, von dem die Menschen in München und dem Landkreis weiter nur träumen können: dem einfachen und insbesondere auch günstigen öffentlichen Personennahverkehr, mit man für nur einen Euro am Tag fahren kann.

In dieser Woche hat die grün-rote Koalition im Münchner Stadtrat die Einführung des 365-Euro-Jahrestickets gestoppt - und das wenige Monate vor der Überarbeitung der MVV-Tarifreform aus dem Jahr 2019, die turnusmäßig alle zwei Jahre evaluiert werden soll. Der ganz große Wurf sollte die Neustrukturierung der Ticketpreise und Zonen damals werden, doch vor allem im Landkreis München löste sie enorme Kritik aus.

Als Ziel hatte der Kreistag damals ausgegeben, den Landkreis komplett in den neuen Innenraum, die sogenannte M-Zone, zu integrieren, was aus Kostengründen vor allem von der Stadt, aber auch den anderen Landkreisen innerhalb des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds abgelehnt worden war. Um Gerechtigkeit herzustellen, gleicht der Landkreis seitdem die Differenz zu den Kosten eines Tickets für die M-Zone über die Jahre 2020 und 2021 aus - allerdings nur Jahreskarteninhabern. Was 2022 kommt, steht noch in den Sternen.

Denn über allem schwebt ein Wahlkampfversprechen. Vor der Landtagswahl 2018 hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Einführung des 365-Euro-Tickets in den wichtigen Tarifverbünden im Freistaat zugesichert; das Projekt findet sich sogar im gemeinsamen Koalitionsvertrag mit den Freien Wählern. "Aber geliefert hat er bisher nicht", sagt Markus Büchler, Landtagsabgeordneter der Grünen aus Oberschleißheim.

"Vor der Wahl hat er es vollmundig versprochen, aber offenbar erst hinterher gemerkt, wie teuer das wirklich kommen würde. Und jetzt soll der Schwarze Peter mal wieder den Kommunen zugeschoben werden, das geht so nicht." Dem Grünen aber ist ohnehin ein anderes Thema wichtiger als das 365-Euro-Ticket: "Die Infrastruktur, das Angebot muss ausgebaut werden. Zu normalen Zeiten ist der ÖPNV am Anschlag, da hat die Staatsregierung in den vergangenen Jahrzehnten komplett versagt."

Dass der Landkreis selbst ein 365-Euro-Ticket für die Menschen im Landkreis finanzieren könnte, hält Büchler ebenso wie Florian Schardt, der Fraktionssprecher der SPD im Kreistag, für ausgeschlossen, weil nicht finanzierbar.

Alleine in der Landeshauptstadt schätzen die Stadtratsfraktionen von CSU, ÖDP/Freie Wähler und die Linke, die einen entsprechenden Antrag zur Einführung des Tickets gestellt hatten, die Kosten auf mehr als 100 Millionen Euro; die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) spricht eher von einem "Fass ohne Boden". Der Landkreis hat alleine für die Subventionierung der Jahreskartenbesitzer mehr als elf Millionen Euro in die Etats der Jahre 2020 und 2021 eingestellt. Viel Geld für nur einen Bruchteil der Tickets.

SPD-Fraktionssprecher Schardt fordert Ministerpräsident Söder ebenfalls dazu auf, sein Versprechen einzuhalten. Schrittweise müssten jetzt Maßnahmen eingeleitet werden hin zu einem einheitlichen Tarif für "den Ballungsraum München".

Christoph Göbel (CSU) kann den Beschluss der grün-roten Koalition im Münchner Rathaus nach eigenen Worten überhaupt nicht verstehen. Es sei von Beginn an vereinbart worden, erst die MVV-Tarifreform Ende dieses Jahres neu zu bewerten. Allerdings, so Göbel, erschwere die Corona-Pandemie dieses Vorhaben enorm angesichts der eingebrochenen Fahrgastzahlen. "Aber klar ist: Wir gehen weiter voran und werden die nächsten Schritte einleiten", so der Landrat. Dazu zählten weitere Vereinheitlichungen beim Preissystem, aber auch eine Ausweitung des Verbunds in die Region.

Göbel selbst spricht nicht gerne vom 365-Euro-Ticket. Für ihn ist es zu früh, sich auf einen konkreten Preis festzulegen. Vielmehr will der Landrat eine "Flat" für alle Pendler im Verbund. Dabei sieht er neben dem Freistaat - "der natürlich mehr zahlen muss" - auch den Landkreis in der Verantwortung. "Wir als Landkreis sind Aufgabenträger beim ÖPNV und wir werden daher auch mitfinanzieren müssen."

In Wien, dem ÖPNV-Sehnsuchtsort, decken die Einnahmen aus dem 365-Euro-Kosten die Betriebskosten übrigens nur zu etwa 60 Prozent.

© SZ vom 12.06.2021/infu
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