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Gerät gegen Depressionen:Mit Magnetpulsen gegen trübe Gedanken

von links:  Prof. Thomas Weyh, Manuel Kuder; 
hinten: herkömmliches Gerät zu Magnetstimulation, vorne ((schwarze Teile mit Aufbau)) neu entwickelte Module (ganz links das neueste)

Bisher sind Geräte zur Magnetstimulation so groß wie der gelb-schwarze Kasten. Thomas Weyh, Manuel Kuder (hinten von links) und ihren Kollegen ist es gelungen, die Komponenten dafür schrittweise zu verkleinern. Das neueste Modell ist vorne links.

(Foto: Claus Schunk)

Die Stimulation des Gehirns kann gegen Depressionen helfen. Wissenschaftler der Bundeswehruniversität in Neubiberg tüfteln an Geräten, die das auch im Heimgebrauch möglich machen.

Von Daniela Bode

Für Thomas Weyh, Professor für elektrische Energieerzeugung an der Bundeswehruniversität in Neubiberg, ist Magnetstimulation schon lange ein Thema. Schon in den Achtzigerjahren beschäftigte er sich in seiner Diplom- und Doktorarbeit damit. Im Lauf der Zeit fanden sich auch am Lehrstuhl in Neubiberg immer wieder junge Wissenschaftler, die das Thema begeisterte und die weitertüftelten. Jetzt soll dort ein Gerät für den Heimgebrauch entwickelt werden, das unter anderem gegen Depressionen angewendet werden kann.

Maßgeblich vorangetrieben hat das Thema nun Doktorand Manuel Kuder. "Mir ist es ein Herzensanliegen, dass immer mehr Menschen mit Depressionen erfahren, dass es so ein Verfahren gibt und sie bei ihren Behandlern danach fragen können", sagt er. Nur selten wüssten Psychotherapeuten, Psychiater oder Patienten über die Methode Bescheid, obwohl sie gut verträglich sei und eine Ergänzung oder Alternative zu den herkömmlichen Behandlungen mit Medikamenten oder Psychotherapie darstelle.

Dass die Universität der Bundeswehr über das Konjunkturprogramm der Bundesregierung zur Überwindung der Corona-Krise das Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung aufbauen konnte, war für Weyh und seine Mitarbeiter wie eine Fügung des Schicksals. Denn mit den dort bereitgestellten Mitteln können Projekte in dem Bereich gefördert werden. "Es war die Gelegenheit, um die Magnetstimulation voranzutreiben", sagt Weyh. Manuel Kuder nutzte die Chance und stellte einen Antrag für die Entwicklung eines "Multilevel-Magnetstimulators". Und er war erfolgreich damit. 7,8 Millionen Euro stehen nun für das Projekt mit dem Namen "Mext" zur Verfügung, bei dem Elektrotechniker mit Psychologen und einem Sportwissenschaftler zusammenarbeiten.

Die herkömmlichen Geräte zur Magnetstimulation erinnern von Form und Größe her an einen großen Verstärker. Über starke und kurze magnetische Pulse werden Nerven stimuliert, die wiederum die Muskeln oder das Gehirn ansprechen. Die Apparate werden etwa in Rehabilitationseinrichtungen verwendet, um Schlaganfallpatienten zu behandeln, bei bestimmten Schmerzsyndromen oder eben bei depressiven Erkrankungen. Viele Länder haben in den vergangenen Jahren diesem Verfahren die Zulassung erteilt. Auch in Deutschland gibt es laut den Wissenschaftlern positive Zeichen, dass die Magnetstimulation eine echte Behandlungsoption werden könnte. Dem Team um Kuder geht es im Kern darum, die Geräte noch gezielter einsetzbar, kleiner und gleichzeitig leistungsfähiger zu machen. Bei bisherigen Geräten verlaufen die Magnetpulse, die es aussendet, in einer Sinus-Kurve. Das Modell, an dem an Weyhs Lehrstuhl getüftelt wird, soll eine treppenstufenartige Kurve abbilden. "Man kann einzelne Module dazu- oder wegschalten", sagt Kuder. "Wir hoffen, dass wir dadurch die Pulsform variieren und so bestimmte Nerventypen gezielter ansprechen können", sagt Weyh. Und das auch mit viel weniger Energie.

Idee ist, dass ein Gerät in Schuhschachtelgröße entwickelt wird, damit Patienten sich zuhause damit behandeln können. Angedacht ist, es mit einem Wearable, also einem kleinen, vernetzten Computer, in Helmform zu koppeln, über den die Reize über die Schädeldecke ins Gehirn eingebracht werden. Kuder und Weyh sind überzeugt, dass diese Geräte gut bei Depressionen und nach einem Schlaganfall, wenn etwa Teile des Gehirns ausgefallen sind, helfen können. Bei Depressionen geht es laut Kuder einfach gesagt darum, die "depressive" Gehirnaktivität immer wieder kurzzeitig durch Impulse zu unterbrechen, damit die Patienten "wieder etwas Positives denken können", sagt er.

Wenn die Geräte kleiner sind, sind sie auch leichter verfügbar. "Ein Bekannter von mir ist depressiv, er hat aber drei Kinder und muss zuhause sein. Er kann sich nicht zwei Monate in eine Klinik einweisen lassen für die Magnetstimulation", sagt Kuder. Außerdem soll im Rahmen des Projekts ein etwas größeres Gerät mit mehr Treppenstufen in der Kurve entwickelt werden, in der Hoffnung, dass dadurch in der Forschung Pulsformen entwickelt werden können, die noch effektiver in der Behandlung der Depression sind. Schon jetzt gibt es erste Module für so ein neues Gerät am Lehrstuhl, die Florian Schwitzgebel in seiner Masterarbeit entworfen hat und die von Version zu Version kleiner geworden sind. Die dritte Version besteht aus einem etwa bierdosengroßen Energiespeicher und einer nur vier Millimeter dicken Elektronik. Eine Herausforderung ist, dass der Energiespeicher noch kleiner werden muss, wie Kuder sagt.

Dass die Reize am Kopf ausgelöst werden sollen, sehen die Wissenschaftler ohne Bedenken, da die Technik der Magnetstimulation seit vielen Jahren angewandt wird. Die Methode sei nebenwirkungsarm und gut verträglich. Wenn alles gut läuft, kann laut Weyh ein Prototyp schon in einem Jahr fertig sein. Dann sei noch ein klinischer Test der Zulassungsstelle nötig, bis die Geräte eingesetzt werden können.

© SZ vom 10.05.2021/vewo
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