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Rassismus:Das Vertrauen ist beschädigt

Benjamin Adjeis Vater stammt aus Ghana. Während der Schulzeit fand er Freunde, die ihn verteidigten, wenn andere ihn als "Scheiß Neger" beschimpften, als junger Erwachsener lernte er häufige Polizeikontrollen kennen. Im Landtag ist der Informatiker auf Digitalisierung spezialisiert.

(Foto: Claus Schunk)

Benjamin Adjei, Landtagsabgeordneter der Grünen, kennt Rassismus aus eigener Erfahrung. Er plädiert dafür, Vorurteile abzubauen, bei der Polizei genauso wie in der Gesellschaft.

Interview von Christina Hertel

Acht Minuten und 46 Sekunden - so lange drückte ein Polizist sein Knie in den Nacken von George Floyd. Kurz darauf verstarb der Afroamerikaner. Das löste auch in Deutschland eine Debatte über rassistische Polizeigewalt aus. 25 000 Menschen demonstrierten in München dagegen. Darunter auch der Grünen-Landtagsabgeordnete Benjamin Adjei, dessen Vater aus Ghana stammt und der bis vor Kurzem in Taufkirchen lebte. Er erzählt, warum Menschen in solchen Vororten nicht unbedingt rassistischer sind als in der Stadt und weshalb er sich heute noch unwohl fühlt, wenn er eine Polizeistreife sieht.

SZ: "Als einzige Person auf dem Weg nach Hause von der Polizei kontrolliert zu werden, ist für mich eine alltägliche Situation." Das schrieben Sie nach der Demo. Wie häufig erleben Sie Kontrollen?

Benjamin Adjei: Mit Anfang 20 hielt mich die Polizei bestimmt ein, zwei Mal die Woche an. Einmal kontrollierte sie mich dreimal an einem Tag. Da mag man nicht mehr an Zufall glauben. Inzwischen passiert das nicht mehr so häufig - vielleicht, weil ich älter bin, vielleicht weil die Polizei sensibler geworden ist. Aber wenn ich eine Streife sehe, mache ich immer noch einen großen Bogen und fühle mich unbehaglich.

Hat die Polizei in Deutschland ein Rassismusproblem?

Bei der Polizei gibt es rechte Netzwerke. Allerdings ist die Ursache oft Alltagsrassismus, der sich durch unsere ganze Gesellschaft zieht. Wenn Polizeibeamte schnell entscheiden müssen, greifen sie auf Vorurteile zurück, ohne dass ihnen das bewusst wäre. Einmal fragte mich eine Polizistin, ob ich solche Kontrollen wohl häufiger erlebe, weil ich alle Fragen schon kannte. Als ich antwortete, dass das diese Woche die zweite war, merkte ich, wie es bei ihr Klick machte und sie begann, über ihr Verhalten nachzudenken.

Was müsste passieren, damit sich etwas verändert?

Gerade in der Ausbildung muss die Polizei stärker für Alltagsrassismus sensibilisiert werden. Auch unabhängige Beschwerdestellen sind wichtig. Außerdem braucht das Thema in der gesamten Gesellschaft mehr Platz. Eine Ursache für Rassismus ist die Angst vor dem Unbekannten. Erst, wenn Menschen Kontakt mit anderen Kulturen haben, werden sie ihre Hemmschwellen abbauen. In München gibt es viel Migration, aber weniger Fremdenfeindlichkeit als in Sachsen, wo dieser Anteil viel geringer ist.

Sie wuchsen am Tegernsee auf dem Land auf. Welche Vorurteile sind Ihnen dort begegnet?

An meiner Schule war ich der einzige Schwarze, in ganz Holzkirchen gab es vielleicht eine Handvoll. Natürlich wird man da auch ausgegrenzt. Während der Grundschule bin ich häufig heulend nach Hause gelaufen. Dabei bin ich mir sicher, dass den anderen Kindern meine Hautfarbe meist egal war. Die negativen Reaktionen kamen teilweise erst, nachdem sie ihren Eltern erzählt hatten, dass sie mit einem Schwarzen spielen. Später fand ich Freunde, die mich verteidigten, wenn mich jemand einen "Scheiß Neger" nannte.

Glauben Sie, in einer Stadt wie München hätten Sie in Ihrer Kindheit weniger Rassismus erfahren als auf dem Dorf?

Auf dem Dorf gibt es vielleicht mehr Stammtischparolen. Aber Rassismus erlebte ich auch in der Stadt - zum Beispiel beim Feiern. An manchen Abenden wiesen uns die Türsteher von zehn verschiedenen Clubs ab. Einer fragte meine Freunde sogar, ob ich zu ihnen gehöre, und als sie nein sagten, hätte er sie reingelassen, aber mich nicht. Wir fuhren dann in eine Dorfdisco. Da klappte alles problemlos. Auch die Polizeikontrollen fingen erst an, als ich nach Taufkirchen an den Stadtrand zog und von dort aus immer mit der S-Bahn zur Uni fuhr. Bis dahin war die Polizei für mich der "Freund und Helfer". Dieses Vertrauen ist inzwischen beschädigt.

In Deutschland hat jeder dritte Mensch mit Migrationshintergrund Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. Auch im Job haben es viele Migranten schwerer, meldete die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Teilen Sie diese Erfahrungen?

Landtagsabgeordneter zu sein, ist bei der Wohnungssuche natürlich ein Vorteil. Vorher wohnte ich bei meinem Vater in Taufkirchen. Damals arbeitete ich im IT-Bereich, wo Fachkräftemangel herrscht und sich kein Arbeitgeber Rassismus leisten kann. Bei anderen Berufen herrscht sicher häufiger das Gefühl, mehr leisten müssen. Ich kenne das nur aus der Schule.

Was erlebten Sie da?

Meine Noten für Referate und Mitarbeit waren im Verhältnis zu meinen Mitschülern schlechter. Letztlich bin ich wegen der Noten vom Gymnasium geflogen und wollte auf die Realschule. Aber die Direktorin redete meiner Mutter ein, dass ich dafür nicht geeignet bin, und meine Mutter schickte mich auf die Hauptschule. Dass jemand, der vom Gymnasium kommt, plötzlich nicht einmal die Realschule schaffen soll, fällt mir schwer zu glauben.

An der Münchner Demo gegen Rassismus und Polizeigewalt am Königsplatz hat auch Benjamin Adjei teilgenommen.

(Foto: Privat)

Auf der anderen Seite sind Sie gerade mal 30 und Landtagsabgeordneter. Ist das nicht der Beweis, dass inzwischen Menschen - egal welche Hautfarbe sie haben - alles erreichen können?

Leider können sie das nur theoretisch: Im bayerischen Landtag haben von 205 Abgeordneten gerade mal vier einen sichtbaren Migrationshintergrund.

Woran liegt das?

Fast alle Abgeordneten haben einen Hochschulabschluss. Doch Menschen mit Migrationshintergrund haben nicht die gleichen Chancen, diesen zu bekommen. Im Schnitt verdienen sie bis zu 40 Prozent weniger. Sie können ihren Kindern nicht helfen, aber sich auch keine Nachhilfe leisten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder wieder in prekären Jobs landen, ist also hoch.

Sie sind eigentlich Experte für Digitalisierung. Nervt es Sie, wenn Sie nun erklären müssen, was in der Migrationspolitik falsch läuft - nur weil sie schwarz sind?

Gar nicht. Ich bin Informatiker und die meisten Medienanfragen kommen zur Digitalpolitik. Es hat mich gefreut, dass mein Post wahrgenommen wurde - obwohl ich mich anders als die meisten Abgeordneten mit Migrationshintergrund bewusst dagegen entschieden habe, Migrationspolitik zu betreiben.

Warum?

Abgeordnete mit Migrationshintergrund sollten fachliche Themen nicht nur den Weißen überlassen. Andererseits könnten sich diese aktiver mit Migration beschäftigen. Erst so eine Durchmischung kann etwas verändern. Die Bewegung in den USA hat deshalb so viel Kraft, weil nicht nur Schwarze sie tragen, sondern die ganze Gesellschaft. Dass mit Obama ein Schwarzer Präsident wurde, hat vieles verändert.

Könnte ein Schwarzer bayerischer Ministerpräsident werden?

Nicht solange die CSU in Bayern so dominant ist und rechte Slogans wie "Wer betrügt, der fliegt" verwendet. Andererseits versucht Markus Söder gerade seine Partei moderner zu machen - und dazu gehören Frauen, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund.

© SZ vom 13.06.2020

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