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Gendersternchen:Haar diskutiert über einen "Bürger*innenplatz"

Die Grünfläche vor dem Poststadel hat bislang keinen Namen. Die SPD hätte es auch gerne dabei belassen.

(Foto: Claus Schunk)

Auf Vorschlag der Grünen erwägt die Gemeinde, die Fläche vor dem Kultur- und Bildungszentrum den "Bürger*innen" zu widmen.

Von Bernhard Lohr, Haar bei München

Hat die Gemeinde Haar vielleicht bald einen Platz, dessen Namen man politisch korrekt mit Gendersternchen schreibt? Oder mit einem Doppelpunkt in der Wortmitte, um zu zeigen, dass sich bei der Benennung auch die Menschen angesprochen fühlen, die sich keinem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen? Darüber wird in Haar seit Dienstagabend diskutiert. Und die Debatte dürfte bald die gesamte Gemeinde erfassen. Denn Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) möchte bewusst eine öffentliche Debatte darüber und wissen, was möglichst viele in seiner Kommune davon halten. Konkret geht es um den zentralen Platz vor dem Kultur- und Bildungszentrum Poststadel, der bald "Bürger*innenplatz" oder "Bürger:innenplatz" heißen könnte.

Der Vorschlag mit dem Gendersternchen kam überraschend im Gemeinderat aus den Reihen der Grünen. Ulrike Olbrich trug ihn vor und argumentierte, dass Haar ein solcher Namen für den zentralen Platz schmücken würde und man damit "Weltoffenheit" demonstrieren könnte. Bürgermeister Andreas Bukowksi (CSU) reagierte zunächst irritiert und fragte, ob es das schon einmal gegeben habe und so etwas überhaupt möglich sei. Man müsste mal in einer Metropole wie Berlin nachfragen, fand Bukowski. Seinen Hinweis, dass es auch den Gender-Doppelpunkt gebe, griff Olbrich direkt auf und sagte: "Ich wäre auch dem Doppelpunkt gegenüber aufgeschlossen."

Damit war das Thema für eine rege Debatte gesetzt. Die war so nicht zu erwarten gewesen, nachdem Bürgermeister Bukowski vor einigen Wochen die Gemeinderäte aufgerufen hatte, sich über einen Namen Gedanken zu machen. Die SPD verlegte sich vollends darauf, den Platz wie bisher namenlos zu belassen, drang damit aber nicht durch. Und so stimmten die Gemeinderäte zunächst über sieben mehr oder weniger erwartbare Vorschläge ab, um eine engere Wahl zu treffen. Am Ende votierten zwölf für Nikolausplatz, jeweils acht für Posthalterplatz und Postwiesn, vier für Bürgerplatz. Immerhin neun hätten aber gerne den "Bürger*innenplatz", wie er Olbrich vorschwebt. Sieben fänden einen Bürgerinnenplatz passend, wie es Peter Paul Gantzer (SPD) in einem Kompromissvorschlag ins Spiel gebracht hatte. Es gebe genug Anlass, einfach den Harrer Bürgerinnen mit dem Platz ein Denkmal zu setzen, fand er. Um Sternchen und Doppelpunkt käme man so herum.

Bukowski blieb skeptisch und sprach von einer Eliten-Debatte, die die "breite Mehrheit der Gesellschaft verstören" würde. Ulrich Leiner (Grüne) fand Bürgerplatz einfach nur langweilig. Dem Bürgermeister, der gerne vom Standortmarketing spricht, versuchte er den Genderplatz damit schmackhaft zu machen, dass dieser marketingmäßig für Haar ein "Paukenschlag" wäre. "Das wäre spannend", sagte Leiner. Bedenken, dass der Platz schwer auszusprechen wäre, wies Olbrich zurück. Eine Zuhörerin sah als einen Vorteil, dass an dem Platz keiner wohne. Adressen müssten also nicht vergeben werden. Nun soll der Stand der Debatte im Rathausblatt präsentiert werden. "Wir wollen das mal mit unseren Bürgern diskutieren lassen", sagte Bukowski. Weitere Vorschläge sind willkommen. Im Juni will Bukowski eine Entscheidung über die Namensgebung.

© SZ vom 15.04.2021/baso
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