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Corona und die Folgen:Doppelte Isolation

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Moderne Technik öffnet Fenster zur Außenwelt, gerade in der Pandemie. Doch nicht alle Senioren können oder wollen damit umgehen.

(Foto: Zeljko Dangubic/imago)

Ältere Menschen sind in der Pandemie besonders einsam: Viele von ihnen scheuen moderne Kommunikations­mittel. Volkshochschulen, Altenheime und Seniorenvereine wollen das ändern und versuchen, Technik altersgerecht zu vermitteln

Von Anna Lea Jakobs

Monate lang diente Whatsapp Waltraud Rensch als einziges Kommunikationsmittel, um mit ihrem Enkel und ihrer Schwiegertochter in Kontakt zu bleiben. Aufgrund der Corona-Pandemie saßen die beiden in Georgien fest. Im Gegensatz dazu klappt der Online-Austausch zwischen den Mitgliedern des Senioren-Clubs in Unterhaching nicht, erzählt die ehemalige SPD-Gemeinderätin. Manchen Mitglieder sei die Anschaffung eines Laptops, Handys oder Tablets zu teuer oder sie wüssten nicht, wie sie das Gerät bedienen sollten. Die ältere Generation ist gespalten: in die Onliner wie Waltraud Rensch und die Offliner, die sich mit digitaler Technik nicht beschäftigen wollen oder können. Die Corona-Pandemie verschärft diese Spaltung noch.

Lothar Stetz, der Direktor der Volkshochschule (VHS) Nord, erlebt einen wachsenden Teil der älteren Generation als besonders experimentierfreudig. "Die Nachfrage ist besonders hoch bei Handy- und Tablet-Kursen. Die Älteren haben diese Geräte für sich entdeckt, um mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben", schildert der VHS-Leiter seine Erfahrungen. Gerade in Zeiten der Kontaktbeschränkungen nutzten ältere Menschen vermehrt Messengerdienste wie Whatsapp oder Facetime und Skype zu Videotelefonaten als Mittel gegen die Einsamkeit. Doch der Volkshochschuldirektor räumt auch ein, dass diejenigen, die über keine entsprechende Technik verfügen und niemanden haben, der ihnen beim Umgang damit hilft, auf der Strecke blieben.

Helga Pelizäus, die als Privat-Dozentin an der Bundeswehr Universität in Neubiberg zu digitaler Technikentwicklung forscht und lehrt, benutzt dafür den Begriff "doppelte Exklusion". Viele Senioren seien in Corona-Zeiten zweifach ausgeschlossen: in der realen und der digitalen Welt. Der Ausschluss aus der digitalen Sphäre sei nicht ausschließlich ein Resultat der Corona-Pandemie, aber durch Kontaktbeschränkungen und fehlendes Know-how werde dieser Trend zunehmend verschärft. So können eben Enkel nicht einfach mal vorbeischauen, um der Oma beim Einrichten eines Accounts oder der Bedienung des Computers zu helfen. Betroffen seien vor allem ältere Menschen mit geringeren finanziellen Möglichkeiten oder geringerem Bildungshintergrund, denn diese nehmen meist nicht an Volkshochschulkursen teil.

"Es gibt aus meiner Sicht viel zu viele Offliner im sehr hohen Alter", meint die Privat-Dozentin. Der 8. Altersbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, an dem Pelizäus beteiligt war, fasst das in Zahlen zusammen: Im Alter zwischen 65 und 74 sind Deutsche noch zu etwa 71 Prozent online aktiv, bei den über 75-Jährigen sinkt der Anteil der Internet-Surfer auf 29 Prozent.

Die PC-Betreuung des Senioren-Clubs in Unterhaching hilft denjenigen, die sich im Alter mit digitaler Technik beschäftigen möchten oder müssen. Aufgrund der Corona-Pandemie ist das Projekt von der Arbeiterwohlfahrt allerdings weitestgehend heruntergefahren worden, denn aus Angst vor einer Infektion beanspruchen nur noch wenige der älteren Kunden Hilfe. Diejenigen, die noch beim PC-Kenner anrufen, seien ohnehin keine Neulinge, sondern würden sich schon seit Jahren mit dem Internet und digitaler Technik beschäftigen, schildert Waltraud Rensch.

Trotz Erfahrung trauen sich die meisten Älteren nicht, im Internet einfach drauf los zu klicken; Helfer müssen ihnen Schritt für Schritt aufschreiben, wie sie auf eine Internetseite kommen. Wenn sich diese nur minimal ändert, sind viele älteren Menschen schon überfordert, so Rensch' Erfahrung. Manche werden gar so abgeschreckt, dass sie sich gar nicht mit der Materie beschäftigen wollen.

Für Helga Pelizäus liegt das Problem nicht an der älteren Generation, sondern an der Entwicklung der Technik. Diese sei fast ausschließlich auf junge Menschen ausgerichtet. Das kann Waltraud Rensch aus eigener Erfahrung bestätigen: Oft vertippe sie sich auf Whatsapp, weil die Schrift so klein ist, dass sie diese selbst mit Brille nicht entziffern kann. Sie traut sich auch nicht, einen Anhang auf dem Smartphone zu öffnen, aus Angst etwas Wichtiges zu löschen. "Die Alten werden abgehängt, je komplizierter die Technik wird", sagt die Unterhachingerin.

Helga Pelizäus findet, dass dies allerdings kein Muss sei. "Ältere Menschen sind aus meiner Forschungserfahrung sehr bereit, sich mit den neuesten Medien zu beschäftigen, und zwar genau dann, wenn sie für sich einen sinnvollen Einsatz in ihrem Alltag erleben." Ein Erfolgsbeispiel für altersgerechte Technik sind die Senioren-Tablets von Media4Care, die das Pflegeheim "Haus am Wiesenweg" in Pullach nutzt. Damit können die Bewohner mit ihren Angehörigen telefonieren oder durch gedächtnisfördernde Spiele einer Demenzerkrankung vorbeugen.

Mit Begeisterung berichtet die Privat-Dozentin von ihrer Beteiligung an der Entwicklung eines Senioren-Fitnesstrackers, der intuitiv und einfach zu bedienen sein soll. Das Gerät soll mit einem Sturzsensor und einem GPS-Sensor ausgestattet werden, weil sich viele ältere Menschen aus Angst vorm Fallen nicht mehr aus der eigenen Haustür trauen. Der Tracker soll nicht nur im Notfall Hilfe alarmieren, er könnte auch dazu beitragen, dass alte Menschen ihre Scheu vor moderner Technik ablegen.

© SZ vom 30.01.2021
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