Corona-Regeln:"Die Menschen werden aggressiver"

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Coronavirus  - Sachsen verschärft Schutzmaßnahmen

Bei Kulturveranstaltungen gilt nun die 2G-Regel.

(Foto: dpa)

Die Ampel steht von Dienstag an auf Rot: Was die Verschärfung der Maßnahmen für Heime, Schulen, Unis, Kultur und Gastronomie bedeutet.

Von diesem Dienstag an steht die Corona-Ampel auf Rot - der höchsten Warnstufe. Damit gelten deutlich schärfere Regeln bei der Pandemie-Bekämpfung: etwa 2G in Fitnessstudios, Theatern oder Kinos, 3G-plus beim Friseur und in der Gastronomie. Die FFP2-Maske wird wieder in nahezu allen Bereichen - außer den Schulen - zum Standard, am Arbeitsplatz kommt die 3G-Regel. Wie reagieren die Menschen auf die neuen Verschärfungen? Welche Einschränkungen im alltäglichen und öffentlichen leben sind zu erwarten? Die SZ hat nachgefragt.

Andrang in der Arztpraxis

Alexandra Westermeier, Hausärztin aus Planegg: Wir merken schon, dass bei uns in der Praxis der Aufwand steigt, ganz Allgemein weil wir neben dem Impfen ja auch den ganz normalen Betrieb stemmen müssen. Und es kommen jetzt auch die Grippeimpfungen dazu, da ist die Nachfrage groß und wir haben an manchen Nachmittagen 20 bis 30 davon. Es kommen auch wieder verstärkt Erstimpfungen gegen das Coronavirus dazu, davon hatten wir lange Zeit gar keine mehr. Und natürlich werden es jetzt auch immer mehr Booster-Impfungen bei den Über-70-Jährigen. Sollten jetzt auch noch die Jüngeren dazu kommen, glaube ich nicht, dass die Hausärzte den Aufwand alleine stemmen können. Dann würde ich mir schon wünschen, dass zumindest für eine paar Monate wieder die drei geschlossenen Impfzentren aufmachen.

In dieser Saison kein Problem

Corona-Regeln: Hannah Stegmayer sieht als Leiterin des Bürgerhauses Pullach zunächst keine Probleme bei der Umsetzung der neuen Vorgaben. Sorgen bereitet ihr die Planung der neuen Spielzeit.

Hannah Stegmayer sieht als Leiterin des Bürgerhauses Pullach zunächst keine Probleme bei der Umsetzung der neuen Vorgaben. Sorgen bereitet ihr die Planung der neuen Spielzeit.

(Foto: Claus Schunk)

Hannah Stegmayer, Leiterin des Bürgerhauses Pullach: Bei uns konnte man bisher ja Schnelltests vor Veranstaltungen machen, aber das waren nur ganz wenige, die das genutzt haben. Die meisten unserer Besucher sind geimpft oder genesen. Dass das mit den Schnelltests jetzt wegfällt, ist insofern für uns eher eine Erleichterung. Generell sind die meisten Bürgerhäuser, etwa die in der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen, für 3G-Regeln gewesen. Bei einem älteren Publikum ist 3G plus oder 2G kein großes Problem, bei einem jüngeren schon. 3G plus oder 2G, das ist kein großer Unterschied. Einen PCR-Test hätte bei uns wohl eh niemand gemacht, der wäre ja teurer als unsere Tickets. Bei uns wird sich also erst mal nichts Gravierendes ändern, wir bieten unsere Veranstaltungen weiter mit Abstandsregeln und ohne Maskenpflicht am Platz an - was gut ankommt. Problematisch wird es allerdings, wenn der Abo-Vorverkauf für die nächste Saison im Dezember beginnt: Da weißt du dann nicht, wie du planen sollst.

Wieder mehr Online-Seminare

Ulrich Meyer, Pressesprecher der TU mit Campus in Garching: Für die Teilnahme an Lehrveranstaltungen gilt nach den staatlichen Vorgaben die 3G-Regel. Wir führen deshalb weiterhin Präsenzveranstaltungen durch und kontrollieren die Einhaltung der Regel stichprobenartig. Das funktioniert erfreulich gut: Die ganz überwiegende Mehrheit unserer Studierenden hält sich sehr gut daran, wohlwissend, dass man sonst möglicherweise zur Online-Lehre zurückkehren müsste. Die Studierenden wollen einfach möglichst viel Präsenz. Solange es keine neuen Regelungen und Einschränkungen gibt, werden wir den Präsenzbetrieb aufrechterhalten.

Heinrich Jung, Studiendekan der Fakultät für Biologie der LMU in Martinsried: Wir setzen bei unseren Lehrveranstaltungen weiterhin auf eine Mischung. Angesichts der hohen Fallzahlen gibt es vermehrt Online-Angebote. Praktika finden größtenteils in Präsenz statt, wie auch einzelne Veranstaltungen - allerdings in kleinen Gruppen, es gibt keine großen Vorlesungen mit Hunderten Teilnehmern. Wir hatten gehofft, mit großen Schritten Richtung mehr Präsenz zu gehen, das machen wir vorerst nicht. Wir verbieten aber auch keinem Dozenten, sein Seminar in Präsenz durchzuführen. Viele nutzen Hybridveranstaltungen.

Schade ums Skilager

Markus Fauth, Rektor der Mittelschule Haar: Für unsere Schüler ist die Verschärfung der Corona-Regeln kein Problem. Sie haben die Masken auf. Sie haben im September und Oktober schon zur Sicherheit die Masken getragen. Wir haben schon genug Klassen gehabt, in denen es Corona-Fälle gegeben hat. Die Lehrer haben sowieso mit Maske unterrichtet. Hart ist aber, dass wir jetzt das Skilager haben absagen müssen. Das ist eine so wichtige Erfahrung, bei der Schüler der sechsten bis zur zehnten Klasse gemeinsam etwas unternehmen. Aber bei der Inzidenz im Landkreis Traunstein und auch in Österreich ist das nicht machbar. Wir müssen unbedingt schaffen, die Schulen weiter offen zu halten. Wir können gesellschaftlich nicht mehr abfangen, was passiert, wenn die Kinder wieder zu Hause sind. Es sind viele Fälle aufgeploppt mit Auffälligkeiten im Sozialverhalten und Kindern, die Ängste entwickeln.

Mit Verstößen ist zu rechnen

Corona-Regeln: Der Ottobrunner Polizeichef Armin Ganserer hat beobachtet, dass die Akzeptanz der Regelungen durch die Bevölkerung im Verlauf der Pandemie deutlich gesunken ist.

Der Ottobrunner Polizeichef Armin Ganserer hat beobachtet, dass die Akzeptanz der Regelungen durch die Bevölkerung im Verlauf der Pandemie deutlich gesunken ist.

(Foto: Claus Schunk)

Armin Ganserer, Leiter der Polizeiinspektion in Ottobrunn: Intern hat sich für uns kaum etwas geändert, außer dass wir wieder FFP2-Masken tragen müssen, was wir natürlich tun. Seit die verschärften Regeln gelten, hatten wir in unserem Gebiet noch keinen Einsatz, weil Bürger wegen möglicher Verstöße angerufen haben. Wir haben auch keine extra Streife eingesetzt. Die neuen Vorschriften gelten aber auch erst seit Sonntag. Ich denke schon, dass wir wieder mit Verstößen rechnen müssen, weil die Allgemeinheit nicht mehr so hinter den Maßnahmen steht wie am Anfang der Pandemie. Man merkt auch, dass die Menschen aggressiver miteinander umgehen. Das macht unsere Polizeiarbeit nicht unbedingt leichter.

Stornierungen im Lokal

Rudolf Schall, Wirt des Landgasthofs Brunnthal: Es ist einfach eine Katastrophe. Schon als es kälter geworden ist und die Außengastronomie zurückgegangen ist, wurden die Gäste deutlich weniger. Offenbar sind doch einige noch nicht geimpft. Jetzt gilt bei uns 3G plus. Damit müsste man eigentlich sicher sein. Aber viele Leute sind auch verunsichert. Besonders trifft es unseren Veranstaltungsbereich im Saal. Eine große Vertretertagung einer Bank wurde abgesagt, auch eine Weihnachtsfeier wurde storniert. Dazu kommt, dass wir Probleme haben, Personal zu finden, und draufzahlen, wenn wir über externe Dienstleister Personal engagieren und wieder abbestellen. Ich bin stinksauer auf die Politik, die keine klare Linie fährt. Obwohl zwei Drittel der Menschen geimpft sind, haben wir höhere Inzidenzen als vor einem Jahr. Ich frage mich, ob es nicht besser wäre, es so zu machen wie in England oder Schweden. Jeder hat ein Impfangebot bekommen. Warum kann man die Leute nicht einfach in ihr eigenes Risiko laufen lassen?

Hygiene im Heim

Gisela Hüttis, Leiterin des KWA Stifts Brunneck in Ottobrunn: Seit zwei Jahren kriegen wir von der Politik keine klaren Handlungsanweisungen. Was soll ich also ändern? Bei uns im Haus sind bis auf eine Bewohnerin und zwei Mitarbeiterinnen alle geimpft, viele zum dritten Mal. Wir achten umfassend auf Hygiene. Vor diesem Hintergrund zu verlangen, dass vollständig geimpfte Menschen ständig getestet werden müssen, verstehe ich nicht. Wer soll das machen? Das belastet unsere Pflegekräfte zusätzlich. Ich habe gut geschulte Fachkräfte. Muss jemand von denen trotz Impfung 14-Tage in Corona-Quarantäne und kann sich nicht raus testen, muss das restliche Team sogar auf Urlaub verzichten. Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen ist nötig.

Mit PCR-Test zum Training

Stephan Lindemann, Abteilungsleiter Handball beim TSV Neubiberg-Ottobrunn: Bei uns gilt seit dem 20. Oktober sowieso schon die 3G-plus-Regelung. Wir nehmen jetzt nur minimale Anpassungen vor. Gerade stimme ich mit anderen Abteilungsleitern ab, wie wir Tests machen müssen. Wir nutzen Sporthallen in Neubiberg, Ottobrunn und Höhenkirchen-Siegertsbrunn, die jeweils eigene Bestimmungen haben. Daher haben wir unsere Regelungen maximal hart getroffen, um auch weitere Sportstätten unkompliziert nutzen zu können. Änderungen wird es für die ab 15-Jährigen geben, die theoretisch nicht mehr schulpflichtig sind. Sie müssen jetzt immer einen Schüler- oder Impfausweis oder PCR-Testnachweis vor Trainingsbeginn vorlegen.

Mehr Ängste, mehr Anfragen

Katrin Jaeger, Leiterin Koordination und Verwaltung beim Hospizkreis Ottobrunn: Eigentlich bleibt alles so wie bisher auch. Wir haben als systemrelevante Einrichtung Sterbende und ihre Zugehörigen die ganze Zeit begleitet. Der überwiegende Teil unserer ehrenamtlichen Hospizbegleiter ist geimpft, viele schon zum dritten Mal. Wir schützen uns, sie und die Betreuten durch Einhalten aller Hygieneregeln. Selbstverständlich richten wir uns individuell nach den Vorgaben der einzelnen Seniorenheime und informieren unsere Begleiter entsprechend. Seit der Pandemie hat die Zahl der Anfragen zugenommen, die psychosoziale Unterstützung der Angehörigen nimmt einen großen Raum ein, weil Corona zusätzliche Ängste mitbringt. Die Menschen haben einen hohen Redebedarf und brauchen Präsenz und Begleitung.

Überstunden im Amt

Thomas Stockerl, Geschäftsleiter im Rathaus Unterschleißheim: Ganz eingestellt war Kontaktverfolgung nie. Aber jetzt wird die Arbeit, die das Landratsamt an die Kommunen delegiert hat, wieder mehr, auch am Wochenende, und die Überstunden nehmen zu. Sobald das Gesundheitsamt einen Infizierten meldet, geht es darum, diesen möglichst schnell zu erreichen und zu erfragen, mit wem er Kontakt hatte. Wenn es telefonisch nicht gelingt, dann auch per E-Mail. Es kommt vor, dass jemand direkt hinfährt, wenn sonst gar nichts funktioniert. So können Infektionsketten durchbrochen werden. Im Sommer gab es auch Tage ohne Fall. Jetzt sind die städtischen Mitarbeiter und das vom Landratsamt abgestellte Personal wieder gut beschäftigt. Wenn notwendig, greifen wir auf externe Mitarbeiter zurück.

Stockerl Unterschleißheim

Der Unterschleißheimer Rathaus-Geschäftsleiter Thomas Stockerl erwartet, dass die Kontaktverfolgung die Stadtverwaltung wieder stark beschäftigen wird.

(Foto: Privat)
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