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Kultur in Bayern:Nebeldunst gegen Coronaviren

Vernebelung - !! Einmalige Verwendung !!

Eine Hauptrolle für die Schneekanone: Am Berliner Ensemble wurde das antivirale Vernebeln als Teil des Hygienekonzepts erprobt.

(Foto: Kathrin Höhne)

Kulturstätten wollen so schnell wie möglich wieder öffnen - nun ruhen die Hoffnungen der Betreiber auf einem Desinfektionsunternehmen in Oberding bei München.

Von Gerhard Matzig

Der "Luftkrieg" wird in Oberding zwischen Freiwilliger Feuerwehr, Biohofladen und Fußballplatz entschieden. Oberding ist eine Gemeinde bei München, die zwischen Eitting und Moosinning zu verorten ist. Und zwischen anderen staunenswerten Orten, die auf "ing" enden, also mutmaßlich Agilolfinger-Gründungen sind. In Oberding leben allerdings ein paar Tausend Menschen in der Gegenwart, die vom Krieg nichts wissen. Und es gibt die pazifistische Firma BPS (Bedo Production & Services). Auf dieser Firma, ein mittelständisches Unternehmen, das sich auch auf Lufthygiene versteht und eine Art allergikerfreundlicher Öko-Desinfektionsspezialist ist, ruhen die Hoffnungen der Kultur.

Denn im "Luftkrieg gegen Corona" am Berliner Ensemble (BE), so hat es die rhetorisch hochgerüstete Berliner Zeitung vor einigen Tagen formuliert, soll BPS endlich die Wende bringen. Insbesondere die Lufthoheit über den Brettern, die die Welt bedeuten, soll zurückerobert werden vom feindlichen Virus. Übrigens muss hoffentlich niemand, der so leichtfertig den "Luftkrieg" aufruft im Bemühen um eine, sagen wir, explosive Titelzeile, je an einem solchen Krieg teilnehmen. In Kriegen sterben Menschen wirklich. Der Tod auf der Bühne ist meistens eine Frage der Darstellung.

Ansonsten stimmt es aber: BPS ist offenkundig ganz gut in der Lage, das Virus niederzuringen und insbesondere dem darbenden Kulturbetrieb somit etwas wie Vertrauen in die Zukunft und in praktikable Hygienekonzepte zu geben. Das hat die Firma soeben am BE in einem Probebetrieb bewiesen. Seither ist die Szene, Kinos, Bibliotheken, Museen, Opern, Konzertsäle inklusive, fast schon infektiös optimistisch zu nennen. Unter dem berechtigten Titel "Geheimnisvolle Spiele im Nebel" schreibt die Zeit: "Am Berliner Ensemble experimentieren sie jetzt mit einer Art Schutz- und Heilnebel, den sie probeweise auf das Gestühl und die darin sitzenden Zuschauer niedergehen lassen. Dieser Nebel habe, so wird behauptet, die Gabe, im Sinken 99 Prozent aller im Raum schwebenden Viren und Übelpartikel mit sich zu Boden zu zwingen, wo sie keinen Schaden mehr anrichten."

"Manche Verschwörungstheoretiker glauben, dass wir den Stoff haben, den alle anderen wollen"

Rolf Hajek, der Sprecher der Firma in Oberding, hat spätestens seither keine ruhige Minute mehr. "Alle möglichen Kulturinstitutionen aus dem In- und Ausland, Theater, Museen oder auch Bibliotheken, rufen bei uns an. So etwas haben wir noch nicht erlebt." Klar, denn der Kulturbetrieb, dem die Begegnung von Menschen eingeschrieben ist in die DNS der Kunst, galt in pandemischen Zeiten zuletzt als No-go-Zone. Jetzt verspricht diese eine Firma, und es ist natürlich nicht die einzige, die etwas von Desinfektion versteht, in einem sympathischen bayerischen Kaff, aus der potenziellen Seuchenstätte namens Kultur erfolgreich eine virenfreie Zone zu machen. Es ist eigentlich die beste Meldung seit langer Zeit. Ingo Sawilla meint als Sprecher des Berliner Ensembles: "Manche Verschwörungstheoretiker glauben jetzt sogar, dass wir den Stoff haben, den alle anderen auch wollen, dass wir ihn aber nicht rausrücken." Er lacht am Telefon. Was Besseres kann man mit Verschwörungstheorien auch nicht machen. In Wahrheit ist das Vernebeln einfach ein Teil eines Hygienekonzepts. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Das verdammte Aerosol, also das Niesen, Husten oder auch Sprechen, das als bevorzugtes Virusvehikel dient unter Menschen, die nun mal niesen, husten oder sprechen, soll jedenfalls mit einem zwar künstlich, aber auch bio-natürlich erzeugten und maschinell angewendeten Gegen-Aerosol gebannt werden. Das ist bemerkenswert. In der Medizin würde man sagen: "Similia similibus curentur". Ähnliches ist durch Ähnliches zu heilen - das ist ja eigentlich die Grundlage der Homöopathie. In diesem Fall wird aber fast schon allopathisch zugeschlagen. Nämlich mit aller Macht der Desinfektion.

Das kann gelingen, auch wenn das, was man sich unter der BPS-Vernebelung mit einer Prise Theaterdonner so vorstellt, nicht ganz stimmt. Der "Schöpfungsnebel", korrekterweise könnte man vor allem Wasserstoffperoxid dazu sagen, geht nämlich nicht "auf die Zuschauer nieder". Schon gar nicht während einer Theateraufführung. Nicht mal am BE. Rolf Hajek sagt: "Das wurde in der Berichterstattung dramatisiert. Tatsächlich ist das Versprühen von unserem niedrig dosierten, gesundheitlich unbedenklichen Desinfektionsmittel etwas, was vielleicht ein- oder zweimal täglich erfolgt. Es ist ein ganz normaler Bestandteil eines Hygienekonzepts. Für kleinere Räume werden mobile Anlagen als Vernebler verwendet, die mit Ultraschall arbeiten. Bei größeren Räumen kommt auch Düsentechnik zum Einsatz." Wie man sich das vorstellen soll? "Wie eine Schneekanone, jedenfalls im Prinzip."

Aber, sagt Ingo Sawilla, "das geschieht natürlich vor und nach einer Aufführung. Die Zuschauer werden definitiv nicht eingenebelt." Die erste Aufführung am BE wird übrigens "Gott ist nicht schüchtern" sein. Premiere ist am 4. September. Bis dahin wird das BE gottlob zu schüchtern sein, um aus dem Theater ein 4-D-Kino oder ein Popkonzert zu machen.

Das Vernebeln hält 99 Prozent der im Raum befindlichen Bakterien und Viren in Schach

Wenn es irgendwo nebelt, dann auf der Bühne - nicht im Zuschauerraum. Zwar arbeitet auch der künstliche Nebel mit einem Aerosol, also mit flüssigen Schwebstoffen. Aber diese Schwebstoffe bestehen meist aus demineralisiertem Wasser und Glykogen. Das Gasgemisch kondensiert an der Luft. Auch möglich: Trockeneis, flüssiger Stickstoff ... die Geschichte künstlichen Nebels ist so alt wie das Theater selbst. Schon in der Frühzeit verwendeten die Griechen ein erhitztes "Ölgas". All das beschreibt die Kunst der Vernebelung auf der Bühne. Ganz anders wäre das desinfizierende Vernebeln mit der BPS-Technologie zu verstehen. Abgesehen davon, dass der Sprühnebel nur Teil eines umfassenderen Konzepts ist, das auch aus Abstandsregeln, Besuchermanagement, Maskenpflicht bis zum Platz oder Kontaktdatenerhebung besteht, wurde die Lufthygiene schon 2017 erfolgreich gegen den Virusstamm (Mers, Sars, Covid) getestet. Entwickelt wurde sie ursprünglich eigentlich für Krankenhäuser.

Vernebelung - !! Einmalige Verwendung !!

Die Nebelkanonen verwenden Wasserstoffperoxid, eine flüssige Verbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff.

(Foto: Kathrin Höhne)

So weiß man, dass das Vernebeln tatsächlich 99 Prozent der im Raum befindlichen Bakterien und Viren in Schach hält. Deshalb gibt es die Überlegung, mit baulichen Lufthygienekonzepten auch abseits der Kliniken zu arbeiten. Dort, wo viele Menschen zusammenkommen. In Verbindung mit der Haustechnik, die man nicht unbedingt den Experten vom Berliner Flughafen anvertrauen muss. Tatsächlich würden unsere Häuser damit noch technologischer - aber insbesondere Kulturstätten, Museen, Bibliotheken und Theater oder Konzertarchitekturen sind schon längst hochtechnologische Angelegenheiten. Viren, die pandemisch wirksam sind als Konsequenz einer globalisierten Gesellschaft, können auf diese Weise auch das Bauen der Zukunft verändern. Man wird sehen, ob man sich das wünschen soll.

Bis dahin muss man der Kulturnation Deutschland aber mindestens zugestehen, sich die gleichen Findigkeiten auszudenken, die zum Beispiel auch die Luftfahrt aufbietet. Die Lufthansa, die in ihren fliegenden Stapel- und Pferchmaschinen unbedingt auch die Mittelplätze verkaufen will, argumentiert mit Luftfiltern, die für eine "saubere Luft wie im OP-Saal" (ntv) sorgen würden.

Was im Flieger recht ist, muss im Theater, im Konzertsaal oder in der Bibliothek wenn nicht billig, so doch statthaft sein: das Bemühen um eine klare und nach Möglichkeit gesunde Luft - auch wenn die einen filtern, was das Zeug hält, und die anderen herumnebeln, als müsse man Hermann Hesses novembernieseliges Depri-Gedicht umdeuten: "Seltsam, im Nebel zu wandern! / Einsam ist jeder Busch und Stein, / Kein Baum sieht den andern, / Jeder ist allein." Weil wir aber nicht länger allein sein wollen, als die coronabedingten Büsche und Steine, die wieder Menschen sein wollen: Gebt uns ruhig unseren Nebel mit jeder Menge Wasserstoffperoxid.

Das gab es früher in jedem Haushalt. Wasserstoffperoxid (H₂O₂) ist eine flüssige Verbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff. Im Grunde: reinste Natur. Kommt im Regenwasser vor und findet sich im Schnee. In der Luft wird es aus atmosphärischem Ozon gebildet. Es wirkt desinfizierend und antibakteriell, außerdem oxidierend und bleichend. Die "Wasserstoffblondine" früherer Zeiten erinnert daran. Das ist keine schlechte Pointe für unsere ehrenwerten Kulturtempel.

© SZ vom 04.07.2020

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