Kino:Tränenreiche Nacht

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Kino: Er hielt an seinem Traum vom Film fest, ohne Rücksicht auf Eitelkeiten oder Verluste, ohne Fördergelder oder Fernsehbeteiligungen. Nun ist der Filmemacher Roland Reber gestorben.

Er hielt an seinem Traum vom Film fest, ohne Rücksicht auf Eitelkeiten oder Verluste, ohne Fördergelder oder Fernsehbeteiligungen. Nun ist der Filmemacher Roland Reber gestorben.

(Foto: Dieter Neidardt/wtp International)

Zum Tod des unabhängigen Autors, Regisseurs, Produzenten und Schauspielers Roland Reber, der mit seinem Landsberger Frauenkollektiv für wilde und sexuell aufgeladene Filme stand.

Von Josef Grübl

Um den Tod ging es bei ihm immer, wenngleich auch eher um den kleinen Tod. Der Orgasmus also, der französische "la petite mort", hatte einen festen Platz im Œu­v­re von Roland Reber. Der rauschbärtige Filmkommunarde aus Landsberg bezeichnete seine Werke oft als "fi(c)ktiv", er ließ Spermaliebhaberinnen Loblieder über die "Kraft im Saft" anstimmen, schickte ehemalige TV-Nonnen in SM-Studios oder Swingerclubs. Die sexuelle Befreiung der Frau ging bei ihm mit der Erleichterung des männlichen Genitals einher - und wer das sexistisch fand, staunte über das Frauenkollektiv, das Reber um sich geschart hatte.

Sie lebten und arbeiteten mit ihm, bei öffentlichen Auftritten verkleideten sie sich und verteilten penisförmige Fruchtgummis. Die Filme hießen "Engel mit schmutzigen Flügeln", "Der Geschmack von Leben" oder auch "Roland Rebers Todesrevue"; ihre Premieren erlebten sie bevorzugt bei den Hofer Filmtagen. Dann zogen sie in Mannschaftsstärke durch die Innenstadt der Frankenmetropole, mit Transparenten, Tröten oder trommelnden Hasen. Der Meister selbst, der schon seit Jahren im Rollstuhl saß und nach mehreren Schlaganfällen kaum noch sprechen konnte, trug Motorradkutte und wurde von den Frauen umhegt und gepflegt.

Begonnen hatte es für ihn am Theater, der gebürtige Pfälzer studierte in den Siebzigerjahren Schauspiel in Bochum, stand in Hamburg, Essen oder Zürich auf der Bühne. Er schrieb Theaterstücke, Drehbücher und Gedichte, zog durch die Welt, nach Mexiko, Indien oder Jamaica. Dort entstanden Bühnenproduktionen, aus seinem in den Achtzigerjahren gegründeten "Theater-Institut" (TI) ging das "Welt-Theater-Projekt" (WTP) hervor. Gleichzeitig drehte er Kurzfilme, um die Jahrtausendwende herum entstand die "WTP International Filmproduktion". Fortan drehte er Filme, als Autor, Regisseur, Produzent und Schauspieler. Unterstützt wurde er von langjährigen Weggefährtinnen wie Mira Gittner und Antje Nikola Mönning, von Ute Meisenheimer, Patricia Koch, Claire Plaut und Marina Anna Eich. Sie spielten, sangen und schrieben mit, kümmerten sich um Produktion, Presse oder Vertrieb.

Eine Mischung von Porno und Poesie, von Provokation, Politik und Philosophie

Man kann von den wilden und sexuell aufgeladenen Filmen dieses Landsberger Künstlerkollektivs halten, was man will, über die Mischung von Porno und Poesie, von Provokation, Politik und Philosophie schmunzeln. Roland Reber und seine Frauen hielten aber an ihrem Traum vom Film fest, ohne Rücksicht auf Eitelkeiten oder Verluste, ohne Fördergelder oder Fernsehbeteiligungen. Sie waren "Independent Filmmaker", selbst während des Lockdowns drehten sie satirische Corona-Videos. Zuletzt arbeitete Reber an einem Buch, auch neue Filme und Multimedia-Projekte sind in der Mache. Deren Veröffentlichung wird er aber nicht mehr miterleben: Am 11. September ist Roland Reber im Kreise seiner Lieben verstorben. "Der Narr starb in einer tränenreichen Nacht" schrieb er einmal, genauso sei es gekommen, bestätigen Rebers Frauen. Er wurde 68 Jahre alt.

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