SZ-Adventskalender:"Es braucht bezahlbaren Wohnraum"

SZ-Adventskalender: Seit zehn Jahren Geschäftsführerin des Biss-Vereins: Karin Lohr in ihrem Büro.

Seit zehn Jahren Geschäftsführerin des Biss-Vereins: Karin Lohr in ihrem Büro.

(Foto: Florian Peljak)

Karin Lohr ist die Geschäftsführerin des Biss-Vereins und setzt sich für Menschen in sozialen Schwierigkeiten ein. Sie weiß, wie man ihnen hilft, auch bei schweren Schicksalsschlägen.

Interview von Berthold Neff

Vor mehr als 30 Jahren erschien die erste Nummer der Zeitschrift Biss (Bürger in sozialen Schwierigkeiten), die von Menschen verkauft wird, denen dieser Job einen festen Halt im Leben gibt. Viele von ihnen waren früher obdachlos. Karin Lohr ist seit zehn Jahren Geschäftsführerin des Vereins Biss. Im SZ-Gespräch berichtet die 62-jährige Soziologin, wie es der Verein schafft, Menschen nach einer oft schweren Lebenskrise eine neue Perspektive zu geben.

SZ: Frau Lohr, Sie sind fast täglich mit schweren Schicksalen konfrontiert, sehen Menschen, die zu Ihnen kommen, weil Sie auf Hilfe hoffen.

Karin Lohr: Unsere Erfahrung ist, dass Leute, die ihre Wohnung verlieren und obdachlos geworden sind, in der Regel mindestens eine schwere existenzielle Krise durchgemacht haben. Das kann eine Krankheit sein, ein Schlaganfall, ein schwerer Unfall, eine psychische Erkrankung, also etwas, das einen in den Grundfesten erschüttert. Das kann auch eine Trennungsgeschichte sein, wenn etwa der Vater die Familie verlässt und die Kinder bei der Mutter bleiben.

Eine solche Trennung hat bestimmt für alle schwere finanzielle Konsequenzen.

Sicher, wenn die Kinder bei der alleinerziehenden Mutter bleiben und ein Einkommen weggebrochen ist. Und der Partner, der ausgezogen ist, braucht natürlich auch eine Wohnung, damit die Kinder wenigstens zeitweise dort sein können.

Wenn das Geld nicht mehr reicht, kann es auch zur Zwangsräumung kommen.

Ja, wir hatten so einen Fall. Da hat der Ehemann erst kurz vor dem Räumungstermin vom Hausmeister erfahren, was ihm bevorsteht. Die Ehefrau hatte die entsprechenden Briefe einfach beiseite geräumt.

Konnten Sie helfen?

Der Mann war kein Verkäufer von uns, aber ein Unterstützer. Wir haben Hilfe angeboten, etwa bei der Kaution für eine andere Wohnung. Zum Glück war er fit genug, das selbst zu regeln. Beide waren aber in ihrer Existenz schwer erschüttert.

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass die erste Biss-Ausgabe erschienen ist. Wie viele Verkäufer gibt es derzeit?

Etwa 100, von denen sind 52 fest angestellt. 70 Prozent leben in einer Wohnung, 17 Prozent in einer Unterkunft oder im Wohnheim, 13 Prozent auf der Straße.

Was für Biografien bringen diese Menschen mit? Haben sie auf der Straße gelebt vorher?

Unsere langjährigen Verkäufer haben inzwischen, mit Unterstützung von Biss oder von Biss-Lesern, eine Wohnung gefunden. Die neuen Verkäufer fangen beim Punkt Null an. Sie sind entweder obdachlos und im Kälteschutzprogramm, oder sie wohnen prekär, zum Beispiel im Auto oder bei einem Bekannten auf der Couch. Wir haben einen Verkäufer, der aus der Slowakei stammt und bei der Caritas im Umland untergekommen ist, aber eine richtige Mietwohnung ist das nicht.

Was haben die Menschen erlebt, die zu Ihnen als Verkäufer stoßen?

Der Mathematikprofessor oder die Geigenvirtuosin, die abgestürzt sind und jetzt auf der Straße leben, ist eher selten. Es sind meistens Menschen, die ihr ganzes Leben lang Erfahrung mit Armut und Ausgrenzung gemacht haben. Oft sind sie einsam, haben keine Familie, keine Freunde. Da kann es schnell zu einem Absturz kommen.

Was müsste die Politik tun, um diesen Menschen zu helfen?

Es braucht bezahlbaren Wohnraum. Die Stadt muss weiterhin von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen, Genossenschaften müssen gefördert werden.

Die Finanzkrise auf allen Ebenen gefährdet nun gerade solche Projekte?

Ja, das ist eine große Gefahr. Man bräuchte eine konzertierte Aktion, um günstigen Wohnraum, etwa in Genossenschaften, zu sichern.

Sie sind jetzt seit zehn Jahren in diesem Amt. Was hat sich verändert in dieser Zeit?

Viele unserer Verkäufer kommen heute aus Südosteuropa, Bulgarien, Rumänien, Slowakei, Griechenland. Migrant zu sein war früher schon ein Armutsrisiko, aber nun hat es sich verschärft. Es sind oft Menschen dabei, die auf dem Bau hart gearbeitet haben und deren Körper nicht mehr mitmacht, sie sind einfach von all diesen Jahren erschöpft. Sie haben dazu beigetragen, dass unser Land von Wohlstand geprägt ist, aber sie profitieren nicht davon.

Sie haben oft nicht genug verdient, um etwas zurückzulegen für den Fall, dass ein Schicksalsschlag kommt?

Genau. Und sie haben es auch nicht geschafft, ihren Kindern eine Ausbildung zu sichern, die sie vor Armut bewahrt. Ich komme auch nicht aus einer Akademikerfamilie, sondern aus einer Münchner Gärtnerfamilie, ich war die erste von der ganzen Verwandtschaft, die Abitur gemacht hat. Aber ich musste eine Lehre als Hotelkauffrau machen und in diesem Metier arbeiten, um mir mein Studium zu verdienen.

Ist das heute immer noch so?

Das ist heute kaum mehr möglich. Viele Kinder glauben nicht mehr an den großen Wurf, daran, dass ihnen die Welt offensteht. Die soziale Ungleichheit ist größer geworden.

2015 kamen viele Flüchtlinge ins Land. Hat sich das auf ihre Klientel ausgewirkt?

Die Leute sind nicht zu uns gekommen, um Biss zu verkaufen. Wir hatten einen Verkäufer aus Syrien und einen aus Pakistan. Und zuletzt auch eine Familie aus der Ukraine, die wir unterstützen konnten.

Welche Herausforderungen sehen Sie auf den Verein zukommen?

Das Thema Wohnen wird uns nicht loslassen. Wir versuchen, Wohnungen anzumieten und sie unseren Verkäufern, die dann Untermieter sind, zur Verfügung zu stellen. Und wir haben unser Zukunftsstipendium, mit dem wir Jugendliche aus bildungsfernen Schichten unterstützen, zwei ganz tolle Stipendiatinnen haben wir derzeit.

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