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Immobilien:Ein Dorfplatz mitten in Schwabing

Natalie Schaller wohnt am Ackermannbogen beim Olympiapark. Sie empfindet ihre Hausgemeinschaft als "Dorfgemeinschaft".

(Foto: Robert Haas)

Die Dorfgemeinschaft

Ortswechsel: ein Mehrfamilienhaus in Schwabing, nahe dem Olympiapark. Die Laube im Garten ist der Dorfplatz, hier trifft man sich, tauscht das Neueste aus, und manchmal schleppt einer spontan einen Grill heran. Daneben sind Beete angelegt, die Blumen verblühen gerade. Harke und Rechen gehören allen und lehnen im Schuppen an der Wand. Am Fenster eine Reihe Polaroid-Fotos vom allerersten Gemeinschaftsfest vor zehn Jahren. Eltern mit Kleinkindern, mittendrin Natalie Schaller, ihr Mann und die beiden Söhne, der Sechsjährige und der Achtjährige. Heute, zehn Jahre später, hat der eine schon sein Abitur in der Tasche. Irgendwann werden beide ausziehen, "und wir werden hier Rentner", sagt Natalie Schaller.

Das ist dann zwar doch noch eine Weile hin, aber ihr Satz bedeutet ja auch und vor allem etwas anderes: dass sie und ihr Mann den Platz gefunden haben, an dem sie alt werden wollen. Hier, in ihrer Vier-Zimmer-Wohnung in dem Haus am Ackermannbogen. Der Blick vom grünen Balkon Richtung Olympiapark, die Ruhe, die Hausgemeinschaft, die, so Natalie Schaller, "wie eine Dorfgemeinschaft" ist - sind wir hier etwa auf dem Land? Ach nein, dies ist ja Schwabing, mitten in der Stadt.

Am Anfang war es eine romantische Idee. Wäre es nicht schön, überlegten die Schallers, mit Freunden ein Haus zu bauen? Gemeinsame Kochabende, zusammen die Kinder aufwachsen sehen. Ganz so ist es nicht gekommen, stattdessen traten sie in eine Baugemeinschaft ein. Doch aus der zunächst fremden Zweckgemeinschaft wurde schon vor dem Einzug eine Nachbarschaft. "Beim Planen lernt man sich gut kennen, Wohnen ist ja etwas sehr Emotionales." Nach den Sitzungen gingen oft alle zusammen noch etwas trinken. Und finanziell gesehen blieb das Bauprojekt am Ende sogar unter der Kalkulation.

In den 27 Wohnungen leben heute vor allem Familien, aber auch Singles, Paare und ältere Menschen. Man kennt und hilft sich gegenseitig. Was sie gelernt hat in ihrer Baugemeinschaft, das gibt Natalie Schaller, die einst Architektur studiert hat, heute an andere weiter: als Projektleiterin in der Mitbauzentrale München.

Die Alleskönner

Roswitha Weber steht auf der Dachterrasse in Forstenried. Sie wohnt in einem Genossenschaftshaus.

(Foto: Catherina Hess)

U 3 Richtung Fürstenried West, Ausstieg Forstenrieder Allee, noch wenige Schritte, dann ist man da. Roswitha Weber, 67, will erst mal hoch hinaus. Sie führt auf die Dachterrasse, und ja, nur von hier aus kann man das große Ganze überblicken. Links die Schule, rechts das Kinderhaus, unten das Wohnhaus. 70 Wohnungen mit Bewohnern aller Generationen, mit einer WG für Sehbehinderte und einer Jugendwohngemeinschaft. "Und dann ist da noch unser besonderes Energiekonzept", sagt Roswitha Weber, "ein Blockheizkraftwerk, Fotovoltaik, Pellets".

Seit anderthalb Jahren wohnt die kleine, flinke Frau in dem Ensemble, das die Freie Waldorfschule München Südwest und die Genossenschaft Wogeno zusammen errichtet haben. Davor hatte sie 40 Jahre in ein und derselben Wohnung auf der Schwanthalerhöhe gelebt - und irgendwann Angst bekommen: Was, wenn der Altbau verkauft würde und sie raus müsste aus ihrem Zuhause? In der Genossenschaft bezahlt sie nun zwar doppelt so viel Miete wie früher, zwölf Euro kalt. Aber hier kann ihr, erstens, nicht gekündigt werden. Zweitens wollte sie in ein Haus mit Lift. Und weil sie selbst keine Familie hat, beschloss sie drittens, das Leben mit Kindern nun doch noch auszuprobieren. Ab und zu passt sie nun auf die Nachbarstochter auf. Das macht beiden großen Spaß. Nur ordentliche Malstifte muss die Ersatz-Oma sich noch zulegen.

Roswitha Weber hat einiges gelernt in diesen vergangenen anderthalb Jahren. Dass es mühsam sein kann, in einer Gruppe Entscheidungen zu treffen. Über die Hausordnung wurde erst ein halbes Jahr diskutiert, irgendwann beschlossen die Bewohner einfach eine vorläufige. Sie hat auch gelernt, dass ihr das Stadtleben fehlt. Die Cafés, die Kneipen, die Läden. "Früher war ich in der Stadt, heute fahre ich in die Stadt." Und trotzdem will sie die neue Gemeinschaft nicht missen. Ihr Freund, der außerhalb Münchens wohnt, auch nicht. Irgendwie, sie lacht, komme er sie jetzt fast noch lieber besuchen als früher.

© SZ vom 24.09.2016/imei
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