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Immobilien:Jeder dritte Münchner wohnt allein

Gefährlicher Boom am Häusermarkt? - Warnung vor der großen Blase

Mit seinem hohen Anteil an Ein-Personen-Haushalten liegt München im bundesdeutschen Trend.

(Foto: dpa)

Dass sie alle Singles sind, heißt das nicht zwangsläufig. Die Hochburgen der Alleinlebenden sind - wenig überraschend - in den zentralen Bezirken zu finden.

Von Anna Hoben

Wenn man nach Hause kommt, kann man seine Tasche einfach in die Ecke pfeffern, und keiner meckert. Es gibt keinen Zoff, weil man selber morgens zum Start in den Tag gerne Radionachrichten hört, der Partner oder Mitbewohner aber Gute-Laune-Musik in Disco-Lautstärke. Herr über die Fernbedienung ist man sowieso. Und wenn man in Ruhe ein Buch lesen will, bleibt der Fernseher eben aus. Wer alleine wohnt, kann tun und lassen, was er will.

"My home is my castle", mein Zuhause ist meine Burg. Als der englische Jurist und Politiker Edward Coke vor ungefähr 400 Jahren in leicht abgewandelter Form diesen Spruch prägte, dachte er noch an das Recht, den eigenen Besitz gegen Diebe, Räuber und Angreifer zu verteidigen, notfalls auch mit Waffengewalt. Heute ist der Satz Allgemeingut; mit Selbstverteidigung assoziieren wir ihn jedoch eher nicht, vielmehr mit dem Heiligtum Privatsphäre. Was in den eigenen vier Wänden passiert, so wird der Spruch heute interpretiert, geht niemanden etwas an. Und wo könnte mehr Privatsphäre sein als in Wohnungen, in denen Leute alleine leben?

In München machten diese Wohnungen, in der Statistik Ein-Personen-Haushalte genannt, Ende vergangenen Jahres mehr als die Hälfte aller Privathaushalte aus: 54,8 Prozent. Etwa jeder dritte Münchner lebt demnach allein. Dass sie alle Singles sind, heißt das nicht zwangsläufig. Denn mitgezählt werden natürlich auch diejenigen, deren Partner eine eigene Wohnung hat. Die Statistik beruht auf Daten des Einwohnermeldeamtes und bezieht sich auf die Bevölkerung mit Hauptwohnsitz in München. Einzelpersonen in Heimen sind nicht berücksichtigt.

Die Hochburgen der Alleinlebenden sind, wenig überraschend, die zentralen Bezirke Maxvorstadt, Altstadt-Lehel und Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. Was das verfügbare Einkommen betrifft, befindet sich laut einer aktuellen Umfrage der Stadt etwas mehr als die Hälfte der Menschen in Ein-Personen-Haushalten in der "unteren Mitte" (51 Prozent). Knapp ein Viertel (23 Prozent) gilt als arm. Jeder fünfte Alleinlebende hat ein Einkommen zur Verfügung, das der "oberen Mitte" entspricht. Und sechs Prozent der Ein-Personen-Haushalte gelten als reich.

Mit seinem hohen Anteil an Ein-Personen-Haushalten liegt München im bundesdeutschen Trend. Im Jahr 2015 lebten in 41,5 Prozent aller Haushalte in Deutschland Menschen allein. Die meisten Kleinhaushalte gibt es in den Großstädten. 2011 erhob der Mikrozensus, in welchen Städten es den höchsten Anteil an Alleinlebenden gab. Hannover, Berlin, Leipzig, München: Diese Städte, in dieser Reihenfolge, führten die Statistik an.

Individualität spielt eine immer größere Rolle

Alleinleben, das Modell der Zukunft? Das Statistische Bundesamt prophezeit, dass der Anteil der Ein-Personen-Haushalte weiter steigen wird. Gleichzeitig, so die Prognose, wird so die durchschnittliche Haushaltsgröße in Deutschland weiter schrumpfen: von 1,76 Personen im Jahr 2009 auf 1,67 Personen im Jahr 2030.

Als Gründe für diese Entwicklung nennen die Experten eine Kombination aus gesellschaftlichen und demografischen Faktoren. Individualität spielt eine immer größere Rolle. Die Menschen heiraten nicht mehr so oft, und wenn doch, lassen sie sich später häufig wieder scheiden. Paare heiraten später, zudem bekommen sie später - und weniger - Kinder. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung, und die Gesamtbevölkerung wird immer älter.

Und in München? Hier gebe es noch einige Besonderheiten in der demografischen Entwicklung zu berücksichtigen, schreibt das städtische Planungsreferat in seiner Haushaltsprognose 2014 bis 2030. Die starke Zuwanderung, eine vergleichsweise junge Bevölkerungsstruktur und jährliche Geburtenüberschüsse, also dass mehr Menschen geboren werden als sterben: All das wirkt sich aus. Während Ein-Personen-Haushalte zur Jahrtausendwende 53,8 Prozent ausmachten, werden es laut einer Berechnung der Landeshauptstadt im Jahr 2030 schon 56,2 Prozent sein.

Die Wahrscheinlichkeit, allein zu leben, ist demnach vor allem für 20- bis 29-Jährige sehr hoch - nicht jeder Student oder Berufsanfänger will in einer WG wohnen. Danach sinkt die Aussicht bei beiden Geschlechtern, wobei der Rückgang bei Frauen schneller und stärker ausfällt. Eine auffällige Steigerung gibt es bei ihnen nochmals ab 80 Jahren, was mit ihrer höheren Lebenserwartung zu tun hat.

© SZ vom 21.09.2016/kbl
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