Süddeutsche Zeitung

Immobilien:Warum Münchner auf alternative Wohnformen setzen

Genossenschaften und Baugemeinschaften versprechen günstiges und geselliges Wohnen. Aber wie lebt es sich dort im Alltag?

Von Anna Hoben

Ohne Genossenschaften wird es nicht gehen. Das ist die Botschaft, die in den vergangenen Jahren in nahezu jeder politischen Diskussion um ausreichend bezahlbaren Wohnraum in München ausgesandt wurde. Mitunter konnte, überspitzt gesagt, der Eindruck entstehen, als sei da ein neues Wundermittel entdeckt worden, als bedeuteten Genossenschaften für das Münchner Wohnungsproblem das, was das Penicillin einst für die Lungenentzündung bedeutete.

Tatsächlich sind in den letzten Jahren viele gemeinschaftsorientierte Wohnprojekte entstanden, genossenschaftliche, aber auch von privaten Baugemeinschaften und Vereinen initiierte. Seit 2014 steht die Beratungsstelle "Mitbauzentrale" im Auftrag der Stadt Menschen zur Seite, die selbst eine solche Initiative gründen oder sich einer anschließen wollen. Am Samstag koordinierte die Mitbauzentrale den "Tag der offenen Wohnprojekte", bei dem Interessierte sich über unterschiedliche Baukonzepte und den Alltag in einem Wohnprojekt informieren können.

Etwa fünf Prozent aller Wohnungen in München gehören Genossenschaften. Die meisten dieser rund 40 000 Wohnungen sind allerdings in den Händen von Alt-Genossenschaften, die heute hauptsächlich ihren Bestand verwalten und kaum neu bauen. Mit Wogeno, Wagnis und anderen sind in den letzten Jahrzehnten auch umtriebige neue Genossenschaften gegründet worden. Doch welche Bedeutung kommt dem gemeinschaftlichen Bauen und Wohnen tatsächlich zu?

"Neben den städtischen Wohnungsbaugesellschaften sind gerade auch Genossenschaften ein Garant für langfristig bezahlbare Wohnungen", sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). "Deshalb geben wir einen großen Anteil unserer städtischen Flächen an Genossenschaften." Sie dürfen auf mindestens 20 Prozent der Flächen bauen. Er habe sich einige Projekte selbst angesehen, so Reiter, und sei "begeistert, wie zukunftsfähig dort Wohnen gestaltet wird".

Dass Genossenschaften der "Königsweg" sind, findet Walter Zöller, planungspolitischer Sprecher der CSU-Fraktion im Stadtrat. "Wir müssen froh sein um jede Wohnung, die sie bauen." Das findet auch Michael Mattar (FDP), der Vorsitzende der Stadtratsfraktion von FDP, Piraten und Wählergruppe Hut. Allerdings müsse man realistisch bleiben: "Die Genossenschaften sind ein Baustein, aber sie lösen das Problem nicht." Also, das Problem im Großen. Im Kleinen lösen sie jede Menge Probleme, wie die drei folgenden Beispiele zeigen.

Die Wohnkünstler

Berg am Laim, Gewerbegebiet. Auf einem Schild am Eingang steht: "Streitfeld". Der Name, den die Künstlerkolonie sich gegeben hat, rührt von der Adresse der Immobilie her, Streitfeldstraße 33. Er beschreibt aber auch ziemlich pointiert, was hier vor sich geht. Nämlich, erstens, das Zusammentreffen von Künstlern verschiedener Sparten an diesem Ort, fortwährender Austausch, ein Streiten im besten Sinne. Und zweitens, die Münchner Herausforderung: Wie wollen, sollen, können wir in Zukunft wohnen? Auch diese Debatte ist ja, wenn man so will, ein Streitfeld.

Für freischaffende Künstler haben die Mietpreise in einer Stadt wie München eine existenzielle Bedeutung. Einige taten sich deshalb vor Jahren zusammen und gründeten erst einen Verein, dann eine Genossenschaft, die "Kunstwohnwerke". In Berg am Laim begannen sie, eine alte Textilfabrik samt Verwaltungsgebäude umzubauen, das heutige "Streitfeld".

Die Malerin Monika Reinhart ist seit 2009 Genossenschaftsmitglied; 2011 zog sie vom 19 000-Einwohner-Städtchen Mühldorf am Inn nach München, um endlich in einer Stadt zu leben, in der es eine Kunstszene gibt. 2012 bezog sie schließlich ihr Wohnatelier, einen 77 Quadratmeter großen, lichtdurchfluteten Raum.

Besuch im Homeoffice der Malerin. Blick nach links: Leinwände, die an Wänden lehnen. Blick nach rechts: Schreibtisch, Hochbett, Küchennische. Wohnen und Arbeiten sind untrennbar miteinander verbunden. Den kurzen Arbeitsweg hat Monika Reinhart sich nicht ganz billig erkauft: 1500 Euro Pflichtanteil, eine Art Mitgliedsbeitrag, zahlte sie an die Genossenschaft. Dazu kommen weitere Anteile von etwa 300 Euro pro Quadratmeter. Auch die Miete, sagt Reinhard, falle im Moment noch relativ hoch aus. "Dafür wird sie künftig konstant bleiben."

Rund 50 Designer, Maler, Fotografen, Musiker und Bildhauer arbeiten im "Streitfeld". Das Modell Wohnen und Arbeiten in einem Raum praktizieren nur vier von ihnen. Alle zusammen kümmern sie sich um die Grünflächen, organisieren Konzerte und Lesungen oder treffen sich im Gemeinschaftsraum. Wenn Monika Reinhart irgendwann ausziehen wollte, bekäme sie ihre Genossenschaftsanteile zurück.

Doch so schnell will sie nicht wieder weg.

Ein Dorfplatz mitten in Schwabing

Die Dorfgemeinschaft

Ortswechsel: ein Mehrfamilienhaus in Schwabing, nahe dem Olympiapark. Die Laube im Garten ist der Dorfplatz, hier trifft man sich, tauscht das Neueste aus, und manchmal schleppt einer spontan einen Grill heran. Daneben sind Beete angelegt, die Blumen verblühen gerade. Harke und Rechen gehören allen und lehnen im Schuppen an der Wand. Am Fenster eine Reihe Polaroid-Fotos vom allerersten Gemeinschaftsfest vor zehn Jahren. Eltern mit Kleinkindern, mittendrin Natalie Schaller, ihr Mann und die beiden Söhne, der Sechsjährige und der Achtjährige. Heute, zehn Jahre später, hat der eine schon sein Abitur in der Tasche. Irgendwann werden beide ausziehen, "und wir werden hier Rentner", sagt Natalie Schaller.

Das ist dann zwar doch noch eine Weile hin, aber ihr Satz bedeutet ja auch und vor allem etwas anderes: dass sie und ihr Mann den Platz gefunden haben, an dem sie alt werden wollen. Hier, in ihrer Vier-Zimmer-Wohnung in dem Haus am Ackermannbogen. Der Blick vom grünen Balkon Richtung Olympiapark, die Ruhe, die Hausgemeinschaft, die, so Natalie Schaller, "wie eine Dorfgemeinschaft" ist - sind wir hier etwa auf dem Land? Ach nein, dies ist ja Schwabing, mitten in der Stadt.

Am Anfang war es eine romantische Idee. Wäre es nicht schön, überlegten die Schallers, mit Freunden ein Haus zu bauen? Gemeinsame Kochabende, zusammen die Kinder aufwachsen sehen. Ganz so ist es nicht gekommen, stattdessen traten sie in eine Baugemeinschaft ein. Doch aus der zunächst fremden Zweckgemeinschaft wurde schon vor dem Einzug eine Nachbarschaft. "Beim Planen lernt man sich gut kennen, Wohnen ist ja etwas sehr Emotionales." Nach den Sitzungen gingen oft alle zusammen noch etwas trinken. Und finanziell gesehen blieb das Bauprojekt am Ende sogar unter der Kalkulation.

In den 27 Wohnungen leben heute vor allem Familien, aber auch Singles, Paare und ältere Menschen. Man kennt und hilft sich gegenseitig. Was sie gelernt hat in ihrer Baugemeinschaft, das gibt Natalie Schaller, die einst Architektur studiert hat, heute an andere weiter: als Projektleiterin in der Mitbauzentrale München.

Die Alleskönner

U 3 Richtung Fürstenried West, Ausstieg Forstenrieder Allee, noch wenige Schritte, dann ist man da. Roswitha Weber, 67, will erst mal hoch hinaus. Sie führt auf die Dachterrasse, und ja, nur von hier aus kann man das große Ganze überblicken. Links die Schule, rechts das Kinderhaus, unten das Wohnhaus. 70 Wohnungen mit Bewohnern aller Generationen, mit einer WG für Sehbehinderte und einer Jugendwohngemeinschaft. "Und dann ist da noch unser besonderes Energiekonzept", sagt Roswitha Weber, "ein Blockheizkraftwerk, Fotovoltaik, Pellets".

Seit anderthalb Jahren wohnt die kleine, flinke Frau in dem Ensemble, das die Freie Waldorfschule München Südwest und die Genossenschaft Wogeno zusammen errichtet haben. Davor hatte sie 40 Jahre in ein und derselben Wohnung auf der Schwanthalerhöhe gelebt - und irgendwann Angst bekommen: Was, wenn der Altbau verkauft würde und sie raus müsste aus ihrem Zuhause? In der Genossenschaft bezahlt sie nun zwar doppelt so viel Miete wie früher, zwölf Euro kalt. Aber hier kann ihr, erstens, nicht gekündigt werden. Zweitens wollte sie in ein Haus mit Lift. Und weil sie selbst keine Familie hat, beschloss sie drittens, das Leben mit Kindern nun doch noch auszuprobieren. Ab und zu passt sie nun auf die Nachbarstochter auf. Das macht beiden großen Spaß. Nur ordentliche Malstifte muss die Ersatz-Oma sich noch zulegen.

Roswitha Weber hat einiges gelernt in diesen vergangenen anderthalb Jahren. Dass es mühsam sein kann, in einer Gruppe Entscheidungen zu treffen. Über die Hausordnung wurde erst ein halbes Jahr diskutiert, irgendwann beschlossen die Bewohner einfach eine vorläufige. Sie hat auch gelernt, dass ihr das Stadtleben fehlt. Die Cafés, die Kneipen, die Läden. "Früher war ich in der Stadt, heute fahre ich in die Stadt." Und trotzdem will sie die neue Gemeinschaft nicht missen. Ihr Freund, der außerhalb Münchens wohnt, auch nicht. Irgendwie, sie lacht, komme er sie jetzt fast noch lieber besuchen als früher.

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Quelle:
SZ vom 24.09.2016/imei
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