Homosexualität in München:"Bedrohungen und Beschimpfungen gehören zum Alltag"

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Das Glockenbachviertel ist immer weniger ein Schutzraum für Schwule.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Am Freitag wurde ein 30-Jähriger im Glockenbachviertel wegen seiner Homosexualität beleidigt, bespuckt und angegriffen.
  • Das Glockenbachviertel habe sich in den letzten Jahren verändert, heißt es in der schwul-lesbischen Szene.
  • Bedrohungen und Beschimpfungen gehörten zum Alltag, tätliche Angriffe seien aber die Ausnahme.

Von Thomas Schmidt

Die schwul-lesbische Szene in München beklagt eine zunehmende Homophobie im Glockenbachviertel. Am vergangenen Freitag wurde der 30-jährige Gregor P. wegen seiner Homosexualität beleidigt, bespuckt und angegriffen. Ein unbekannter Täter zertrümmerte ihm einen Knochen im Gesicht. Nach vielen Jahren des Fortschritts nehme die Homophobie wieder zu, warnt Grünen-Stadtrat Dominik Krause. "Dass man als Schwuler in München angepöbelt wird, ist leider keine Seltenheit."

Gregor P. war Freitagnacht im Glockenbachviertel unterwegs, um mit Freunden seinen 30. Geburtstag zu feiern. Samstagfrüh gegen ein Uhr trafen er und seine zwei Begleiter an der Theklastraße zufällig auf drei Männer, die eine Regenbogenfahne auf dem Boden vor sich her traten. Conrad Breyer vom "Schwulen Kommunikations und Kulturzentrum" (Sub) berichtet, dass sie die Fahne dort abgerissen hatten, "sie pöbelten, schlugen gegen die Fensterscheibe".

Als Gregor P. wenig später auf die Männer traf, beschimpfte ihn einer sofort wegen seiner Homosexualität. Dann bespuckte ihn der Täter und schlug zu, berichtet der 30-Jährige. Er stürzte und prallte gegen einen Verteilerkasten, der Angreifer und dessen Kumpanen flüchteten.

Gregor P. wurde durch den Schlag schwer verletzt. Ein kleiner Knochen am Auge sei gebrochen und müsse durch ein Implantat ersetzt werden, erklärt er. Seine linke Gesichtshälfte sei wegen eines eingeklemmten Nervs noch immer taub, sein Auge sei ein Stück abgesackt. Womöglich trage er bleibende Schäden davon. Die vielen positiven Reaktionen auf Facebook und die Unterstützung durch die schwul-lesbische Szene seien aber "Balsam auf meiner Seele".

Das Glockenbachviertel habe sich in den vergangenen Jahren verändert, heißt es beim Sub. Viele neue Bars und Clubs hätten sich angesiedelt und zögen ein Publikum an, dass "bislang keine oder wenige Berührungspunkte mit sexuellen Minderheiten" hatte. "Homophobe Sprüche vor Lokalen, Beleidigungen auf der Straße, Anpöbeleien, Bedrohungen und Beschimpfungen gehören zum Alltag." Diesen Eindruck teilt auch Grünen-Stadtrat Krause, er spricht von einem "beunruhigendem Gefühl", das sich in der Szene breitmache.

Tätliche Angriffe seien zum Glück die Ausnahme, ein Warnsignal sei der Vorfall aber allemal. Das Publikum, das früher in der Kultfabrik am Ostbahnhof gefeiert habe, gehe nun teilweise im Glockenbachviertel aus. Einerseits sei diese Vielfalt positiv, der homosexuellen Szene sei aber auch ein geschützter Raum verloren gegangen. Krause wiederholt daher eine schon seit Jahren erhobene Forderung, dass die Polizei homophobe Straftaten als solche erfasst und in ihrer Statistik explizit benennt.

Viele Straftaten seien es nicht, berichtet die Polizei. Die Anzeigen im Bereich "Hasskriminalität aufgrund sexueller Orientierung" lägen im vergangenen und in diesem Jahr "jeweils im niedrigen einstelligen Bereich". Ob es sich dabei um Körperverletzungen oder Beleidigungen handle, konnte die Pressestelle nicht sagen.

"Ich traue mich jedenfalls nicht mehr, händchenhaltend durch das Glockenbachviertel zu gehen", sagt Gregor P. Viele Drag Queens seien vom Rad aufs Taxi umgestiegen, um Angriffen zu entgehen. "Ich bin kein Einzelfall", sagt P. Um gegen solche Übergriffe die Stimme zu erheben, wird an diesem Mittwoch ein Demonstrationszug durchs Viertel ziehen.

© SZ vom 16.05.2017/amm
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