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Freisinger Kopf:"Die Notlagen haben sich verschärft"

Seit zwei Wochen ist Anja Bungartz-Pippig in der Geschäftsleitung der Caritas Freising beschäftigt. Mitarbeiter hat sie aufgrund der Pandemie bislang nur über Skype kennengelernt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Anja Bungartz-Pippig ist eine der beiden neuen Geschäftsführerinnen der Caritas. Sie übernimmt das Amt in einer schwierigen Zeit, denn die Corona-Krise trifft vor allem Menschen, die ohnehin schon Probleme haben.

Interview von Gudrun Regelein, Freising

Ihr Büro war schon eingerichtet, nur einige persönliche Fotos und Gemälde wolle sie noch aufhängen, sagt Anja Bungartz-Pippig. "Ansonsten konnte ich gleich durchstarten." Die 40-Jährige ist eine der beiden neuen Geschäftsführerinnen der Caritas-Zentren Freising und Erding. "Ich empfinde diese Tätigkeit als sinnstiftend", sagt sie im Gespräch mit der SZ Freising. Vor Ort Dienst am Menschen zu tun: Das war für sie die eigentliche Motivation, sich für diese Position zu bewerben.

SZ: Sie haben Ihre neue Aufgabe gerade zu Beginn des Teil-Lockdowns Anfang November übernommen. War das eine besondere Herausforderung?

Anja Bungartz-Pippig: Ja, das ist so. Ich bin jemand, der gerne den persönlichen Kontakt sucht. Das ist derzeit nicht so einfach. Das Kennenlernen der Mitarbeiter läuft häufig über Skype. Im kleinen Rahmen sind aber glücklicherweise noch Besuche möglich, vor Kurzem habe ich beispielsweise unsere Tagesstätte Courage kennengelernt. Die Antrittsgespräche mit unseren Partnern, wie Jugendamt, Jobcenter und den anderen Wohlfahrtsverbänden, haben zum Teil auch schon stattgefunden. Aber es ist alles etwas mühsamer, beziehungsweise muss ins Digitale verlegt werden.

Sie teilen sich die Geschäftsführung der beiden Zentren mit Barbara Gaab. Wie schaut dieses Modell aus?

Wir stehen am Anfang eines Prozesses der Neuausrichtung, aber beide Zentren werden erhalten bleiben. Sie stehen nun aber unter einer gemeinsamen Führung - und sollen dadurch enger zusammenwachsen. Fachlich haben wir uns die Bereiche aufgeteilt und sind übergreifend an beiden Standorten dafür zuständig. Ich bin beispielsweise für die Sozialen Dienste und für Leben im Alter verantwortlich. An jedem Standort gibt es eine federführende Ansprechpartnerin: Barbara Gaab für Erding, ich bin es für Freising.

Haben Sie es als Quereinsteigerin schwerer?

Also grundsätzlich sind mir die Arbeit der Caritas und die sozialen Themen ja nicht fremd, aber natürlich muss ich mich hier erst einmal in die einzelnen Fachgebiete einarbeiten. Ich muss Mitarbeiter und Ehrenamtliche kennenlernen und mit kommunalen Partnern und Kirchenvertretern Kontakte knüpfen.

Welche Folgen hat die Corona-Krise für die Caritas?

Alle unsere Fachbereiche sind betroffen. Die Notlagen haben sich verschärft. Das trifft besonders Menschen, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stehen. Beispielsweise Flüchtlinge, bei denen die Integration momentan kaum gelingt, Obdachlose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen, Senioren, die unter Einsamkeit leiden, und Menschen in finanziellen Notlagen. Die Problemlagen werden immer komplexer und die Ängste immer vielschichtiger.

Wie gehen Sie damit um?

Mein Eindruck ist, dass wir das ganz gut bewältigt haben. Wir waren und sind für diese Menschen da und Ansprechpartner, wenn sie Hilfe brauchen. Teilweise mussten wir unsere Angebote dafür auch kreativ umstellen und anpassen oder praktikable Alternativen finden. So kann man momentan in der "Etappe" zwar nicht mehr essen, dafür gibt es dort aber einen Lieferdienst. In der sozialen Beratung sind wir verstärkt auch in die digitale Beratung eingestiegen. Wo es ohne persönlichen Kontakt nicht geht, machen wir beispielsweise Spaziergänge oder haben im Sommer vielfach Treffen im Freien organisiert.

Sie haben aber bereits angekündigt, dass sich die Caritas zukünftig anders aufstellen muss. Wie wird das aussehen?

Wir sind nie am Ziel, wir werden uns permanent verändern müssen. Wir hatten die Flüchtlingskrise, momentan haben wir die Corona-Pandemie. Es gibt immer wieder neue Herausforderungen, auf die wir eingehen müssen. Und da stellt sich immer die Frage, wie wir unsere Angebote passgenau danach ausrichten können. Dabei dürfen wir aber nicht aus dem Auge verlieren, dass sich unsere Dienste und Einrichtungen refinanzieren müssen. Nicht zuletzt hat Corona unseren Handlungsspielraum, aber auch den der Kirche und der öffentlichen Hand eingeengt. Wir sitzen alle im gleichen Boot und müssen es gemeinsam mit unseren Partnern schaffen, gute Lösungen zu finden.

Welche könnten das sein?

Ich kann nach gerade einmal zwei Wochen zu konkreten Lösungen noch keine Aussage treffen. Ideen habe ich, aber die müssen erst einmal besprochen werden.

Sehen Sie in der Krise auch Positives?

Absolut. Für uns als sozialer Dienstleister ist die Pandemie eine riesige Herausforderung. Nahe am Nächsten zu sein: Das ist unser Leitmotiv. Das ist momentan physisch zwar nicht immer möglich, aber es geht dennoch. Wir haben neue Wege gefunden, in Kontakt zu treten und Hilfe zu leisten. Diese Zeit bietet uns aber auch die Chance zu reflektieren, was die wirklich wichtigen Dinge sind. Dankbar zu sein für das, was wir haben - und den Blick auf diejenigen zu richten, denen es nicht so gut geht.

© SZ vom 30.11.2020
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