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Interview zur Corona-Krise:"Die Pandemie ist für uns alle ein Stressfaktor"

Monika Mlnarschik IST Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin. Im Gespräch mit der SZ Freising berichtet die Oberärztin, wie die Corona-Pandemie ihren Arbeitsalltag verändert hat - und welche Auswirkungen diese auf ihre Patienten hat.

(Foto: Marco Einfeldt)

Monika Mlnarschik ist Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin am Klinikum Freising. Im Gespräch mit der SZ berichtet sie, welche Folgen die Corona-Krise für ihre Arbeit und psychisch kranke Menschen hat - jetzt und auch später.

Interview von Gudrun Regelein, Freising

Monika Mlnarschik empfängt den Besuch in ihrem Büro, einem großen, freundlichen Raum mit vielen Topfpflanzen und bunten Gemälden und Zeichnungen an der Wand. Einige davon sind von ihren Patienten der psychosomatischen Abteilung am Klinikum Freising, erzählt die Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin. Im Gespräch mit der SZ Freising berichtet die Oberärztin, wie die Corona-Pandemie ihren Arbeitsalltag verändert hat - und welche Auswirkungen diese auf ihre Patienten hat.

SZ: Frau Mlnarschik, hat die Corona-Pandemie auch für Ihre Arbeit Folgen?

Monika Mlnarschik: Ja, gerade während des ersten Lockdowns war das gravierend. Auch wir mussten im Frühjahr acht Wochen lang schließen. Grund war, dass alle Bettenkapazitäten für Covid-19-Patienten verfügbar sein sollten. Wir hatten damals nur ein paar Tage Zeit, um uns darauf vorzubereiten. Wir haben unsere Patienten vereinzelt in die psychiatrische Behandlung geschickt, die anderen haben wir mobilisiert, noch verfügbare ambulante Hilfen in Anspruch zu nehmen. Für uns war das insgesamt eine katastrophale Situation, das kam doch sehr überraschend. Für viele Patienten war es ganz schwierig, mit der Schließung umzugehen, für einige gab es auch keine adäquate Lösung. Wir möchten nicht, dass so etwas noch einmal passiert.

Wie reagierten Ihre Patienten?

Ganz unterschiedlich. Ein Teil konnte die eigenen Stabilisierungsmaßnahmen nutzen, der andere, größere Teil ist stärker in ein Loch gefallen. Und die meisten waren froh, als sie nach den acht Wochen wieder kommen konnten.

Ist mittlerweile wieder eine gewisse Normalität eingetreten?

Normalerweise haben wir insgesamt 33 Patienten, momentan sind es nur etwa zwei Drittel: 18 auf der Station und sechs in der Tagesklinik. Die Gesprächstherapien laufen normal - natürlich mit dem notwendigen Abstand und in der Gruppe mit Maske. Das Sportangebot aber wurde reduziert beziehungsweise angepasst. Das Bewegungsbad beispielsweise wurde geschlossen, im Gymnastikraum dürfen momentan nur noch vier Patienten gleichzeitig sein. Die Angebote der Kunsttherapie, wie das Malen, gibt es aber nach wie vor. Wir haben mehr Normalität als erwartet. Und zum Glück hatten wir noch keinen Covid-19-Fall. Wir haben aber auch sehr strenge Hygieneregeln und achten darauf, dass sie eingehalten werden.

Haben Sie seit dem Frühjahr mehr Anfragen?

Im Frühjahr, zu Beginn der Corona-Krise, war das tatsächlich so. Inzwischen hat es sich wieder eingependelt. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich die Anfragen, wenn der zweite Lockdown länger dauert, wieder erhöhen. Ich habe aber ehrlich gesagt die Befürchtung, dass mancher, der eigentlich eine Behandlung bräuchte, momentan Scheu hat, in das Krankenhaus zu kommen - aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus, die aber unbegründet ist.

Was macht die Corona-Krise mit psychisch erkrankten Menschen?

Die Pandemie ist für uns alle ein Stressfaktor. Das verstärkt Probleme, die schon da sind - so auch psychische Probleme. Es gibt Menschen, die diese früher einigermaßen kompensieren konnten und nun durch die Pandemie dekompensieren. Das bedeutet, dass sie die Belastungen nicht mehr ausgleichen können und sich ihre Symptome nun deutlich äußern. Dass eine psychische Störung durch die Pandemie entstanden wäre, ist bislang aber nicht bekannt.

Und was ist mit den Langzeitfolgen?

Es kann sein, dass sich psychische Erkrankungen zeitversetzt manifestieren oder sichtbar werden. Wir müssen abwarten, was da auf uns zukommt. Oft ist es so, dass erst in der Entspannung die Symptome kommen. Ich möchte die Pandemie ganz sicher nicht mit einem Krieg vergleichen, das kann man definitiv nicht. Es ist aber so, dass es in Krisen erst einmal darum geht, möglichst gut durch diese Zeit zu kommen, meistens sinkt die Symptomatik dann sogar - und wird erst später sichtbar. Das erklärt auch, weshalb wir momentan zahlenmäßig noch nichts merken.

Ist die durch den Lockdown erzwungene Isolation für psychisch Erkrankte besonders schlimm?

Während des ersten Lockdowns gab es unter unseren Patienten viele, die am Boden zerstört waren. Soziale Kontakte sind für diese Menschen besonders wichtig, Einsamkeit ist etwas ganz Schlimmes, die verstärkt psychische Krankheiten generell. Was uns im Frühjahr übrigens selber erstaunt hat: Die Angst vor einer Erkrankung an Covid-19 spielt nicht so eine große Rolle, das wurde kaum thematisiert. Sondern alle waren mehr oder weniger wegen unserer Schließung und der häuslichen Isolation erschüttert.

Haben Sie Tipps, wie man akute Krisen bewältigen kann?

Wir nennen das Ressourcenförderung. Das ist ein sehr wichtiger Baustein in der Therapie. Dabei geht es darum, sich bewusst zu machen, was einem gut tut und es in so einer Situation dann auch zu machen. Das kann beispielsweise Sport oder Bewegung an der frischen Luft sein. Das können aber auch andere Dinge sein, wie ein Musikinstrument zu spielen oder kreativ zu werden. Extremer Konsum von Genussmitteln ist dagegen keine Lösung.

Experten warnen davor, dass die Corona-Krise zu einer psychischen Gesundheitskrise werden könnte. Sehen Sie das auch so?

Wie gesagt ist das ein zeitversetzter Effekt. Noch kann man nicht absehen, was die Krise für Folgen haben wird. Noch haben wir keine Zahlen, das werden wir erst in fünf bis zehn Jahren sehen. Aber es ist sicher so, dass sich ein Grundproblem, das bereits besteht, sich jetzt noch einmal verschärft.

© SZ/nta
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