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Psychotherapeutin zur Corona-Krise:"Jeder  hat momentan auf irgendeine Weise Angst"

Sandra Avinyo

Die Freisinger Psychotherapeutin Sandra Avinyó rät, soziale Kontakte zu pflegen - und spazieren zu gehen.

(Foto: Heike Pohla/oh)

Die Freisinger Psychotherapeutin Sandra Avinyó hält die gegenwärtigen Ausgangsbeschränkungen für richtig, weil sie auch ein Gefühl der Sicherheit vermitteln können. Sorgen macht sie sich um Menschen, die keinen Partner und kaum soziale Kontakte haben.

Sandra Avinyó ist psychologische Psychotherapeutin und hat sich unter anderem auf Panik- und Angsterkrankungen sowie Depressionen spezialisiert. In ihrer Praxis in Freising ist derzeit nicht viel los: Wegen der Corona-Pandemie hält Avinyó alle Therapiestunden in Form von Videositzungen ab. Im Gespräch erklärt sie mögliche psychische Folgen der Ausgangsbeschränkungen und gibt Tipps, was hilft.

SZ: Wie bewerten Sie die Ausgangsbeschränkungen in Bayern aus psychologischer Sicht?

Sandra Avinyó: Ich bin der Meinung, dass sie richtig und wichtig sind. Und ich glaube auch, dass die Maßnahme auf psychologischer Ebene zu einem Gefühl der Sicherheit führt. Aber es kann natürlich auch negative Folgen geben. Zum Beispiel bei Personen, die alleine wohnen - da ist Einsamkeit sowieso ein Thema. Wer die Tendenz hat, Angst oder Depressionen zu haben, bei dem kann das stärker werden. In dem Fall versuche ich, individuelle Lösungen zu finden: Wen könnten die Patienten kontaktieren, wie Kontakte aktivieren? Sie wollen oft keine Last für den anderen sein, durch die Ausgangsbeschränkungen wird das noch schwieriger. Ich versuche, ihnen klarzumachen, dass die anderen Menschen entscheiden können, ob sie den Kontakt wollen oder nicht.

Merken Sie eine solche Verstärkung bei vielen Patienten oder sind das Einzelfälle?

Ich würde sagen, jeder in der Gesellschaft hat momentan auf irgendeine Art und Weise Angst. In unterschiedlichem Ausmaß: In einer Bandbreite von Unsicherheit bis hin zu Panik, bedingt durch die Ungewissheit. Bei meinen Patienten, aber auch im privaten Umfeld habe ich das Gefühl, dass sich die meisten von ihnen einigermaßen sicher fühlen. Schwierig ist es aber bei Menschen, die zum Beispiel an Waschzwängen leiden. Normalerweise geht es darum, das, was Sicherheit gibt, gerade nicht zu machen. Aber jetzt ist das etwas anderes: Es ist kein irrealer Gedanke, sich anzustecken, es muss jetzt gemacht werden - nur eben im richtigen Maß.

Haben Sie viele neue Patienten, seit das Coronavirus in Deutschland präsent ist?

Direkt wegen Corona bisher nicht so viele. Aber jetzt hat die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns uns Psychotherapeuten gefragt, ob wir bereit sind, ein paar Patienten für Videositzungen aufzunehmen, weil es so viel Nachfrage gibt. Dazu habe ich mich bereit erklärt.

In China werden jetzt die psychologischen Folgen der Ausgangssperre bekannt, die war dort allerdings deutlich strenger als bei uns. Können Sie ein paar mögliche Folgen nennen?

Vorstellbar ist die Isolation: Wenn jemand alleine ist, keinen Partner hat und keine sozialen Kontakte, da mache ich mir wirklich Sorgen. Isolation ist eine der ältesten Foltermethoden - und sie ist sehr effektiv. Es gibt auch viele Menschen, die nicht wissen wie es weitergeht und existenzielle Ängste bekommen. Auch Schlafstörungen können zu den psychologischen Auswirkungen zählen. Und: Es könnte zum Problem werden, wenn Gefühle hochkommen, es aber keine Ressourcen gibt, damit umzugehen und man anfängt, schädliche Strategien anzuwenden: zum Beispiel Alkohol zu trinken. Ein Unterschied zu China ist, dass die Regierung in Deutschland zumindest vermittelt: Wir sind da, und es gibt Ressourcen. Sonst wäre die Unsicherheit noch größer. Ich sage meinen Patienten auch immer: Hören Sie nur auf verlässliche Quellen. Es gibt viele Quellen, die verunsichern.

Haben Sie noch andere Tipps für die aktuelle Lage, auch für Menschen, die bisher keine Probleme mit Angststörungen hatten?

Man sollte versuchen, die sozialen Kontakte zu pflegen, zum Beispiel über Videokonferenzen. Das macht schon einen großen Unterschied. Dabei kann es förderlich sein, über die eigenen Gefühle zu sprechen, gleichzeitig aber auch andere Themen zu finden als Corona. Ansonsten, insofern das mit den Beschränkungen möglich ist: rausgehen, spazieren gehen. Und trotzdem eine Struktur im Tag schaffen, aufstehen, sich etwas vornehmen: Warum nicht Workout machen oder Yoga. Das, was immer gut getan hat, sollte man weitermachen.

In Spanien und Italien dürfen die Leute gar nicht mehr spazieren gehen. Ist es aus psychologischer Sicht wichtig, dass das in Deutschland möglich ist?

Ich finde es schon schön, die Möglichkeit zu haben rauszugehen. Und sicher tut das gut. Aber ich komme aus Spanien und meine Kontakte dort schaffen es auch. Sie haben natürlich auch Angst, aber es ist ihnen klar, das muss einfach gemacht werden. Außerdem kann es auch ein positives Gefühl geben, weil man selbst dazu beiträgt, die Situation zu verbessern. Ich kann dabei natürlich nur über meine eigenen Kontakte sprechen. Aber es berührt mich total, wie viele Menschen bereit sind zu verzichten.

In Freising haben einige Geschäfte noch offen. Hilft es, bummeln zu gehen?

Es ist jetzt so wichtig wie nie zuvor, lokale Geschäfte zu unterstützen und ich finde es toll, dass viele Geschäfte einen Lieferservice anbieten. Aber ich persönlich finde bummeln nicht so vernünftig. Die Grenzen sind schwierig zu ziehen. Und es können so auch bei anderen Aggressionen ausgelöst werden: Wenn einer Angst hat und das sehr streng sieht, sagt, ich reiße mich zusammen und beschränke mich auf das Minimale - und sieht dann andere, die das lockerer nehmen. Das sehe ich auch bei manchen meiner Patienten: Die sind wahnsinnig sauer, wenn sich andere nicht daran halten. Außerdem geht es beim Spaziergang aus psychologischer Sicht darum, zu sich selbst zu kommen - im Gegensatz zum Bummeln.

© SZ vom 30.03.2020/nta

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