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Veranstaltungen in Corona-Zeiten:"Ich brauche die Anwesenheit der anderen"

Coronavirus - Konzerthaus Dortmund

Alles leer: Ein Konzerthaus in Dortmund in Zeiten von Corona.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Messen vor leeren Kirchenbänken, Konzerte per Videoübertragung, Talkshows ohne Publikum. Was es bedeutet, ohne die Präsenz der anderen auskommen zu müssen. Und was hilft.

Um die Verbreitung des Coronavirus einzuschränken, finden derzeit Veranstaltungen häufig ohne Publikum statt und werden stattdessen im Netz übertragen. Das bedeutet: Messen vor leeren Kirchenbänken, Vorlesungen ohne Studenten, Konzerte ohne Zuhörer. Menschen, die es gewohnt waren, etwas in der Öffentlichkeit zu präsentierten, tun das neuerdings in einer Art luftleerem Raum. Sie müssen dabei auf das verzichten, was sie zuletzt am meisten motivierte: Applaus und Jubel, aber auch die unmittelbare Anwesenheit einer Menge und deren Feedback. Ein Gespräch mit dem Sozialpsychologen Professor Hans-Peter Erb von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg über die motivierende Macht körperlicher Präsenz. Und warum man diese nicht mit Kontrolle verwechseln sollte.

SZ: Wie schwer wäre es für Sie, in einem leeren Hörsaal über, sagen wir, kognitive Dissonanz zu referieren - mit einer Videokamera als einziger Zeugin?

Hans-Peter Erb: Ich würde das nicht mögen, eine Online-Vorlesung ohne Rückmeldung aus dem Publikum. Die Motivation wäre extrem niedrig. Ich schaue den Leuten gern in die Augen, um zu erkennen, ob sie mir folgen oder ein Beispiel nicht gut gewählt war. Ich brauche die Anwesenheit der anderen.

Sie meinen, es macht weniger Spaß - oder sprechen Sie wirklich von "brauchen"?

Das eine bedingt das andere. Das Herunterplappern von Inhalten, die ich in- und auswendig kenne, ohne Zuhörer, ohne Rückfragen, ist nicht intrinsisch motivierend. Es macht keinen Spaß. Das senkt die Motivation und schlägt sich auf die Leistung, die Vorlesung wird dadurch schlechter. So wie es für einen Schauspieler frustrierend sein kann, wenn der Applaus fehlt - oder für den Fußballer, der vor leeren Rängen spielt.

Warum braucht der Mensch die Anwesenheit anderer, um gut zu sein?

Der Mensch ist das sozialste Wesen schlechthin. Er definiert sich über seine Peergroup, er liebt Gruppenmitgliedschaften und ist stolz, wenn sein Verein gewinnt. Das Selbstkonzept, die Vorstellung davon, wer man ist, erklärt sich über soziale Vergleiche: Wo stehe ich, wo stehen die anderen - die Antwort auf diese Fragen sind unverzichtbar für die eigene Identität. Laufen Sie mal im Krankenhaus durch die Gänge: Wem es schlecht geht, der findet immer noch einen, dem es schlechter geht.

Hans-Peter Erb

Hans-Peter Erb, seit 2007 Professor für Sozialpsychologie an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg.

(Foto: privat)

Was tun, wenn man niemanden findet?

Die Menschen suchen sich einen Ersatz. Kinder erfinden einen unsichtbaren Freund. Eine Witwe spricht vielleicht mit ihrem verstorbenen Mann, obwohl er seit Jahren tot ist. Andere suchen die Interaktion in den sozialen Medien. Dahinter steht immer das gleiche Motiv - man will wissen: Was würde der oder diejenige dazu sagen, wäre er oder sie stolz auf mich?

So wie der Pfarrer in der Lombardei, der die Fotos von seinen Gemeindemitgliedern ausgedruckt und an die Kirchenbänke geklebt hat?

Ja, das ist einerseits ein Ersatz, andererseits ist es förderlich für die Qualität der Video-Messe: Die pure Anwesenheit anderer kann die eigene Leistung verbessern.

Können Sie das erklären?

Für alles, was wir tun, gibt es ein optimales Erregungsniveau, das je nach Schwierigkeit der Aufgabe variiert: Fällt mir etwas leicht, performe ich vor Publikum besser. Ein brillanter Pianist spielt am besten vor einem großen Publikum. Was mir jedoch schwer fällt, mache ich schlechter. Wenn ich als unmusikalischer Mensch den Flohwalzer spiele, und dann guckt mir noch einer zu, wird es noch schlimmer. Ein Informatiker, der ein für ihn komplexes Programm schreibt, sitzt am besten alleine in seinem Büro. Wenn etwas schwierig ist, profitieren wir vom Alleinsein.

Weil es uns nervös macht, wenn wir uns beobachtet oder überwacht fühlen?

Das hat nichts mit Überwachung zu tun. Allein die Präsenz von Personen genügt - selbst wenn sie ihre Augen verbunden hätten. Das funktioniert übrigens auch mit Tieren, obwohl sie sicher nicht die Leistung "überwachen". Das liegt daran, dass ein Lebewesen in gewisser Weise "unberechenbar" ist und sich so das Erregungsniveau erhöht.

Würden Applaus, Gemurmel und Fangesänge vom Band dem Pianisten oder dem Profikicker helfen?

Ich würde sagen: ja. Die Anwesenheit, selbst wenn sie künstlich durch eine Geräuschkulisse hergestellt wird, dürfte eine unterstützende Wirkung haben. Untersuchungen zu Lachkonserven zeigen, dass vorgespieltes Lachen die Zuschauer vor dem Fernseher zum Lachen animiert. Weil unser Gehirn sozial verschaltet ist, werden die Witze in dem Moment für witziger gehalten. Früher gab es Claqueure, die sich unters Publikum mischten - hat auch funktioniert.

Dieser Einfluss von Präsenz auf die Leistung, betrifft das auch die Leute, die derzeit im Homeoffice arbeiten?

Hier muss man unterscheiden zwischen intrinsisch und extrinsisch motivierter Arbeit - ob der Anreiz also aus einem selbst oder von außen erfolgt. Bei lediglich extrinsisch motivierten Tätigkeiten wird die Leistung schnell abfallen. Wer etwa am Fließband alleine Stifte aussortiert oder zuhause Prospekte falzt, dem wird es bald ziemlich egal sein, ob er das gut macht oder nicht. Dieses Defizit lässt sich für die Arbeit zuhause in einem funktionierenden Team leichter kompensieren. Die gemeinsame Arbeit an einem Projekt und die Erkenntnis, dass man etwas beiträgt zu einer Gruppenleistung, kann auch intrinsisch motivieren.

Welche Rolle spielt dabei der Aspekt der Kontrolle?

Im Homeoffice ist Feedback für die Motivation besonders wichtig, damit der Einzelne weiß, dass er gesehen wird. Hier greift die soziale Kontrolle - in einem guten Team verhalten sich sowieso alle maximal sozial. Wer sich abseilt oder nur einen schwachen Beitrag leistet, wird entsprechend geächtet und verliert an Status. Anders ist es mit der Kontrolle von oben: Wenn der Chef die Mitarbeiter ständig ermahnt und überwacht, ist das eher kontraproduktiv. Dann funktionieren die Leute nur noch, damit sie nicht entlassen werden. Sie arbeiten also für die Kontrolle - so wie manche Kinder für Lob malen, nicht, weil sie Spaß daran haben. Das klappt vielleicht am Fließband, aber nicht in kreativen Berufen.

© SZ/zip
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