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Filmfest-Absage:"Das war die richtige Entscheidung, so sehr es schmerzt"

Im neuen Autokino werden, anders als in anderen bayerischen Autokinos, Uraufführungen gezeigt.

(Foto: Marc Seibold)

An diesem Donnerstag wäre das Filmfest München eröffnet worden. Zwar fällt die 38. Ausgabe aus, doch die Veranstalter überraschen mit einem Plan für die Sommermonate.

Von Bernhard Blöchl

Filmfesteröffnung mit US-Star Jesse Eisenberg oder "Salome"-Premiere bei den Opernfestspielen? Eine Luxusfrage wie aus einer anderen Welt. Der 27. Juni 2019 war ein heißer Tag, in vielerlei Hinsicht. Fiebrig, im besseren Sinne. Im Bayerischen Hof, wo die Filmfest-Auftaktpartys über die Bühne gehen, machten sich Thomas Gottschalk und Katja Eichinger Gedanken über Eisenbergs soeben gezeigten Eröffnungsfilm "The Art Of Self-Defence". Etwa 1500 Gäste in Sommerkleidern und luftigen Anzügen trotzten der Hitze von mehr als 30 Grad. Im Blitzlichtgewitter posierten Stars und solche, die es werden mochten, sie feierten und tranken, dicht an dicht, den Schweiß der Glücklichen schwitzend.

Auf dieses "pure Adrenalin", wie Christoph Gröner seine Erinnerungen auf den Punkt bringt, müssen Veranstalter und Besucher in diesem Jahr verzichten. An diesem Donnerstag wäre das Filmfest München eröffnet worden, Deutschlands wichtigste Filmschau nach der Berlinale. Die noch recht junge Doppelspitze aus Gröner und Diana Iljine hätte in der 38. Ausgabe wieder Stars aus aller Welt an der Isar begrüßt (im Vorjahr wurden Antonio Banderas, Ralph Fiennes und Bong Joon Ho bejubelt), facettenreiches Kino von Berlin bis Tokio präsentiert und Fulminantes vom Festival in Cannes nach Deutschland geholt. 70 000 Besucher kamen 2019, vielleicht wären es 2020 mehr gewesen?

Hätte, wäre, könnte. Das Virus veränderte alles. Anfang April hatten Filmfest-Team sowie Gesellschafter und Partner einvernehmlich verkündet, dass das Festival ausfällt. Keine Verschiebung, keine Online-Edition (wie beim Dok-Fest), keine Miniaturausgabe. Obwohl ein Teil des Programms eingetütet war. "Dass es nicht anders geht, als das Filmfest München dieses Jahr abzusagen, bedrückt mich sehr", ließ Iljine mitteilen. Sie betonte auch: "Wir glauben an die Begegnung von Menschen, und dafür brauchen wir als Festival die Kinos."

Zweieinhalb Monate später, in einer Zeit, da Münchens Lichtspielhäuser langsam wieder öffnen, sagt Christoph Gröner: "Auch mit etwas Abstand betrachtet, war das die richtige Entscheidung. So sehr es schmerzt." Das Sommerfestival, das seine Kraft aus den Begegnungen an vielen Orten in der Stadt zieht, kann man sich mit Masken, Distanz und maximal 100 Leuten in den Kinosälen nicht vorstellen. Gröner formuliert das so: "Sommer, Sonne, München und bis zu 500 Leute bei den Premieren in echten Kinos, das ist das Filmfest!"

Das wird es in dieser Form erst wieder im Juni 2021 geben, zur nächsten Ausgabe. Frühestens. Bis dahin wird im Filmfest-Team geplant, die Kinoweltmärkte werden beobachtet und mit Regisseuren und Produzenten wird über eine eventuelle Verschiebung in die Ausgabe 2021 verhandelt (ein Grund, weshalb man über verpasste Inhalte 2020 nicht spricht). Aber nicht nur das. Wie kürzlich bekannt wurde, lässt sich das Filmfest in den kommenden Monaten auf ein Experiment ein.

Von 15. Juli an geht das "Filmfest München Pop-up" über die Bühne. "Das ist kein Ersatz, sondern etwas Neues", betont Christoph Gröner, der federführend an der Submarke arbeitet. Einmal pro Woche soll es ein Film-Event im neuen Pop-up-Autokino in Freimann oder im Open-Air-Kino am Olympiasee geben. Mit Stars auf der Bühne, vor 300 bis 500 Menschen, alles nach den geltenden Hygieneregeln. Sieben Aufführungen bis Ende August sind bestätigt, die eine oder andere Überraschung ist noch möglich. Ziel sei die Rückkehr zur Live-Erfahrung, sagt Gröner. Der Veranstaltungsreihe lägen viele interne Diskussionen sowie die Frage zugrunde: "Wo lässt sich Festivalatmosphäre herstellen?"

"Ein großes Hupkonzert mit Oldtimern": Zu Klaus Lemkes Werk soll es laut werden

Im Unterschied zu den zahlreichen bayerischen Autokinos, die junge und alte Kinofilme oder Klassiker zeigen, gibt es beim "Filmfest München Pop-up" Uraufführungen zu sehen. Ein Alleinstellungsmerkmal. "Wir bringen Filme auf die Welt", sagt der Künstlerische Leiter, Christoph Gröner, gerne. Nun verspricht er: "Das hier wird kein Wegspielen. Wir werden Events im Dienste der Filme machen." Dass die Szene durch die Krise arg gebeutelt ist, dürfte jedem klar sein. Logisch ist auch, dass es nicht die Arthouse- oder leisen Independent-Werke sein werden, die auf diese Weise groß herauskommen. "Wir konzentrieren uns auf die wilderen Noten des Filmfests, das Publikumswirksame, die abgefahreneren Programmpunkte."

Einiges steht bereits fest: Zum Auftakt stellt der Schauspieler Kida Khodr Ramadan ("4 Blocks") sein Solo-Regie-Debüt "In Berlin wächst kein Orangenbaum" im Autokino neben dem Zenith vor. Gezeigt wird auch Maggie Perens Zeitschleifen-Romanze "Hallo again" und der Science-Fiction-TV-Film "Exit" mit Friedrich Mücke über digitale Kopien von Menschen. Auch auf den Besuch von Bjarne Mädel ("Der Tatortreiniger") hoffen die Veranstalter. Der Publikumsliebling spielt in der Polizisten-Komödie "Faking Bullshit" mit, die ebenfalls über die große Leinwand flimmert.

Fest zugesagt hat bereits Klaus Lemke. Der Independent-Filmer aus Maxvorstadt präsentiert am 23. August seinen jüngsten Streich: "Ein Callgirl für Geister". "Ich erwarte nicht weniger als ein großes Hupkonzert mit Oldtimern", sagt Gröner. Ein Fanfest der eigenwilligen Art ist auch bei "Lord & Schlumpfi - der lange Weg nach Wacken" zu erwarten. Zur Premiere der Kinofassung der tollkühnen bayerischen Webserie dürften sich so einige Metal-Fans landauf, landab mobilisieren lassen. Ebenfalls fix: Im Open-Air-Kino am Olympiasee soll die zweite Staffel der beliebten München-Serie "Servus Baby" gezeigt werden.

Die Wehmut über das ausfallende Filmfest ist bei vielen Mitarbeitern zu spüren, gerade in diesen Tagen um die geplante Eröffnung herum. Das Experiment "Pop-up" ist da eine willkommene Ablenkung. "Wir wollen das unbedingt", sagt Christoph Gröner. Es sei eine schöne Sache, um "unsere Energie zu kanalisieren und den Filmschaffenden zu helfen".

© SZ vom 25.06.2020/amm
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