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Kirchenaustritte:"Wir haben die Hütte voll"

Auch in Erding kommen immer weniger Menschen in die Kirche. In der evangelisch-lutherischen Pfarrkirche in Hallbergmoos sieht das anders aus.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Zahl der Menschen in Bayern, die ihrer Kirche den Rücken zukehren, ist 2018 dramatisch gestiegen. Deswegen suchen vielerorts Pfarrer und Pfarrerinnen nach Wegen, Kirche attraktiver zu gestalten.

Für die Kirchen ist 2018 kein gutes Jahr gewesen. Nicht nur bayernweit ist die Zahl der Kirchenaustritte deutlich gestiegen, auch in Erding. So verließen laut der Erzdiözese München und Freising im Landkreis 783 Menschen die katholische Kirche. Das sind knapp 180 Austritte mehr als noch 2017, eine Steigerung um gut 27 Prozent. Bei der evangelisch-lutherischen Kirche fällt Erding in das Gebiet des Dekanats Freising. Dieses verzeichnete im Jahr 2018 617 Kirchenaustritte. Im Vergleich zu 2017 eine Steigerung um 22 Prozent. Eine moderne Pfarrerin aus dem Nachbarlandkreis Freising scheint allerdings ein Mittel gegen den Schwund an Kirchengängern gefunden zu haben.

Vor Ort in Erding ist der Trend der vielen Kirchenaustritte dagegen angekommen: Jan-Christoph Vogler, Pfarrer der katholischen Kirche Mariä Verkündigung in Altenerding, verzeichnete 2018 mehr Austritte als noch im Jahr zuvor. Dies sieht er auch der medialen Öffentlichkeit geschuldet. Schreckliche Geschichten wie der Missbrauchsskandal seien nun im öffentlichen Bewusstsein angekommen, sagt er. Weitere Gründe für Kirchenaustritte sieht er in einer zunehmenden Entfremdung vom Glauben und der Glaubenspraxis. Dann käme noch die Kirchensteuer hinzu und da würden viele inzwischen sagen: "Das ist es mir nicht wert." Doch konkrete Maßnahmen gegen die Austritte kann Pfarrer Vogler nicht anbieten. "Ich kann Glauben nicht machen", sagt er. "Glaube ist ein Geschenk Gottes. Ich kann nur Brücken bauen. Durch gute Gottesdienste oder Hilfsangebote."

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Eine Möglichkeit, Austritte zu begrenzen, sieht Bettina Göbner, Redakteurin der Pressestelle der Erzdiözese München und Freising darin, aktuelle gesellschaftliche Themen aufzugreifen. "Man muss bereit sein, Tabus zu brechen", sagt sie, "und mit der Gesellschaft in Kontakt kommen." So müsse es möglich sein, über das Zölibat oder Frauen im Priesterberuf zu diskutieren. Davon hält Pfarrer Vogler allerdings wenig und bezeichnet dies als eine "Nebelkerze". Schließlich würde es all das in der evangelischen Kirche geben, und der liefen die Gläubigen ebenfalls davon.

Christoph Keller, Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Erding, sieht in den Kirchenaustritten einen "Trend in der Gesellschaft, dass die Menschen immer mehr schauen, wie sie selbst klarkommen - außerhalb der Gemeinschaft." So müsse man versuchen, Menschen mit vielfältigen, neuen Möglichkeiten zu erreichen. Dazu zählen in seiner Kirche unter anderem ein Jugendcafé, Jugendfreizeiten und freiere Gottesdiensten mit Themenschwerpunkt, Band und Gruppendiskussion. Auch einen Zwergengottesdienst für Familien mit kleinen Kindern gibt es. "Wir machen unsere Dinge und wir machen sie gut und gerne. Das spricht die Menschen an", sagt er. Negativ in die Zukunft schauen mag er also nicht und fügt hinzu: "Außerdem dürfen wir als Christen ja auch auf den Geist vertrauen, dass es positiv weitergeht."

"Wann kann man schon acht Prozent Steuern sparen?"

Von sehr positiven Erfahrungen berichtet Juliane Fischer, die evangelisch-lutherische Pfarrerin in Hallbergmoos ist. Wie Erding gehört die Gemeinde ebenfalls zum Dekanat Freising. "Wir in Hallbergmoos haben die Hütte voll", sagt sie lachend. Und das scheint nicht ohne Grund zu sein, berichtet sie doch von einem Programm, das sich der aktuellen Gesellschaft angepasst hat. Bei Kirchenaustritten ist es ihr wichtig zu betonen: "Ich verurteile das nicht." Auch Menschen, die einen Kirchenaustritt als Steuersparmodell vollziehen, kann sie verstehen. "Wann kann man schon acht Prozent Steuern sparen?" Dennoch sagt sie den Menschen: "Ihr könnt trotzdem in den Gottesdienst kommen, die Tür steht offen." So erzählt Fischer von vielen Menschen, die aktiv am Kirchenleben teilnehmen, dennoch aber nicht der Kirche beigetreten sind und Beiträge zahlen. Für sie gestaltet sich das als eine neue Form der Mitgliedschaft. Nach dem Konzept: Vor Ort spende ich Zeit und Geld, aber ich trete nicht dem großen Verein bei.

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Auch darüber hinaus hat Fischer eine Kirche geschaffen, die dem Menschen entgegenkommt. "Wir haben moderne Gottesdienste, die erst um 11 Uhr stattfinden", sagt sie. Das gäbe den Menschen Zeit zum Ausschlafen, zum gemeinsamen Frühstück. In den Gottesdiensten selbst würden moderne, englische Lieder gesungen, vorgetragen von einem Gospelchor, der die Menschen zum Mitsingen animiere. "Ich predige auch nicht den offiziellen vorgegebenen Predigttext", sagt Fischer. "Ich halte einen Themengottesdienst, der sich mit einer existenziellen Lebensfrage beschäftigt. Und ich versuche eine Glaubensantwort darauf zu finden mit zwei oder drei prägenden Bibelstellen."

Bei den Themen Taufe, Trauung und Beerdigung begegnet Juliane Fischer vielen, die nur am Rand mit der Kirche zu tun haben und denen diese drei Ereignisse in einem kirchlichen Rahmen dennoch wichtig sind. "Auch da versuche ich alles aufzubieten, was mir an Möglichkeiten gegeben ist", sagt sie. "Und das kommt extrem gut an." Sie erzählt von Taufen in der Isar, von Hochzeiten am Tegernsee oder im Biergarten.

Anderen Gemeinden möchte sie Mut machen solche Schritte zu gehen. "Es ist die Zeit, Dinge auszuprobieren, Sachen zu wagen, da zu sein für die Menschen", sagt sie.

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Daniela Schneider ist Kirchenmusikerin und Chorleiterin in der bayerischen Provinz. Ihr geht es nicht nur um den Glauben. Sie will den Menschen helfen.   Von Rudolf Neumaier