SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 17:"Möchten Sie vielleicht ein Bier?"

Corona-Intensivstation in der München Klinik Schwabing, Schwabinger Krankenhaus

Symbolfoto aus der Intensivstation.

(Foto: Florian Peljak)

Eigentlich gibt es für frisch Operierte in der Kreisklinik Ebersberg keinen Alkohol. Manchmal aber ist er ein notwendiges Medikament.

Protokoll: Johanna Feckl

Manche Patienten, die nach einer Operation bei uns auf der Intensiv aus der Narkose aufwachen, werden komisch: Eine extreme Unruhe macht sich bei ihnen breit, sie werden kaltschweißend, der ganze Körper oder Teile davon wie die Hände zittern, sie sprechen unzusammenhängend und wirken orientierungslos. In solchen Fällen habe ich einen starken Verdacht, den ich mit einer einfachen Frage an den Patienten überprüfe: "Möchten Sie vielleicht ein Bier?"

Es ist eine Sache der Erfahrung, um zu erkennen, dass es sich um Entzugserscheinungen handelt. Nicht wenige Patienten wachen nach einer OP verwirrt bei uns auf. Das legt sich aber wieder. Die Entzugsfälle jedoch sind anders. Hier müssen wir aktiv entgegenwirken, denn im schlimmsten Falle kann es sonst tödlich enden.

Vor vielen Jahren etwa hatte ich einen Patienten, der schwerst alkoholkrank war. Leider dauerte es, bis wir dahinter kamen, weil er beim Narkosegespräch vor seiner OP falsche Angaben über seinen Konsum gemacht hatte. Er rutschte in ein schlimmes Delir aufgrund seines Entzugs. Wir hatten alles in unserer Macht stehende versucht, um ihn zu retten - neben der medikamentösen Behandlung orderten wir sogar Schnaps, um den Entzug zu unterbrechen. Aber es war zu spät: Der Mann starb.

Das ist freilich ein extremes Beispiel, in acht Jahren auf der Intensivstation habe ich nur einen solchen Fall erlebt. Trotzdem ist Alkohol in der Klinik ein unterschätztes Thema. Immer wieder verschleiern Patienten beim Narkosegespräch ihren wahren Konsum - wahrscheinlich, weil sie sich schämen oder ihnen nicht bewusst ist, wie wichtig absolut korrekte Angaben sind. Das hat zur Folge, dass Medikamente nicht optimal eingestellt werden, weil die Alkoholkrankheit eigentlich eine höhere Dosis notwendig macht. Bei einer OP kann das dazu führen, dass der Patient aufwacht - die Narkose ist zu schwach. Glücklicherweise gibt es Überwachungsinstrumente, sodass Anästhesisten so etwas gut verhindern können. Aber auch postoperative Medikamente schlagen oft nicht an, weil die verabreichte Menge einfach zu wenig ist. Eine zu hohe Dosis ist aber im Zweifel auch gefährlich - das kann schneller schief gehen als man denkt.

Es ist nicht so, dass bei uns auf der Station lauter Alkoholkranke herumtorkeln. Im Gegenteil: Einen Schwerstabhängigen haben wir vielleicht alle paar Monate einmal. Viel häufiger sind es ältere Männer zwischen 70 und 80, die es seit Jahren gewohnt sind, abends zwei Weißbier zu trinken. Bricht diese Regelmäßigkeit in der Klinik auf einmal weg, dann macht sich das bemerkbar - es braucht nicht gleich die Gewohnheit einer täglichen Flasche Whiskey, um Entzugserscheinungen zu entwickeln.

Wenn der Patient nun seine Halbe zu trinken bekommt - übrigens muss so etwas immer ärztlich angeordnet werden -, dann können wir zusehen, wie er sich mit jedem Schluck mehr entspannt. Erst dann kann sich der Körper von einer Operation erholen. Und deshalb ist der Patient ja eigentlich zu uns gekommen.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 27-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf_Station.

© SZ vom 30.08.2021/koei
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