Fremde Pflanzen Das Springkraut ist nicht mehr aufzuhalten

Naturschützer rupfen es nur noch aus, wenn seltene Pflanzen geschützt werden müssen. Imker freuen sich über den Neophyten.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Es blüht in den Amperauen, rosarot und meterhoch, am Ufer und an den Wassergräben im Schatten. Auch an der Glonn sprießt es mächtig, das Indische Springkraut, und verbreitet seinen markanten süß-säuerlichen Geruch. Im 19. Jahrhundert wurde die aus dem Himalaja stammende Art als Zierpflanze in Europa eingeführt. Inzwischen ist sie sehr aus der Mode gekommen, wuchert dafür umso wilder in der freien Natur. Immer wieder ziehen Naturschützer gegen das Kraut zu Felde, rupfen es in schweißtreibenden Aktionen aus, weil sie heimische Arten verdrängen. In diesem Jahr wächst das Springkraut wie verrückt, mancherorts schlägt es 20 Meter lange Schneisen in die Landschaft.

"Der Kampf gegen das Springkraut ist nicht mehr zu gewinnen", sagt der Kreisvorsitzende des Bunds Naturschutz, Roderich Zauscher. Das Ausrupfen: "völlig sinnlos". Der BN-Chef erklärt sich den Vormarsch des Krauts mit dem relativ regenreichen Sommer. Das komme dem Wachstum aller Pflanzen zugute - aber vor allem der einjährigen Pflanze, die es bei ausreichender Wasserversorgung in kürzester Zeit schafft, Wuchshöhen von mehr als zwei Metern zu erreichen.

Das Indische Springkraut mag es feucht, deswegen wuchert es in diesem Sommer besonders stark wie hier am Wasserlauf bei Mitterndorf.

(Foto: Toni Heigl)

Schaden und Nutzen zugleich

Trotz der dramatischen Verkrautung herrscht beim Bund Naturschutz keine Katastrophenstimmung. "In bestimmten Gebieten sehen wir im Springkraut schon ein Problem", sagt Zauscher, nämlich dort, wo seltene Pflanzen wachsen, die verdrängt werden könnten, zum Beispiel bestimmte Orchideenarten. In solchen Biotopen wird gnadenlos weitergerupft. Aber entlang der überdüngten Wassergräben rät der BN-Chef auch naturbewussten Spaziergängern, die Pflanze in Ruhe zu lassen. Sie haben nämlich auch einen Nutzen.

"Man muss es natürlich schon irgendwie in Schach halten", sagt Imkerin Sabine Huber, einerseits. Andererseits: "Für die einheimische Insektenwelt ist das Springkraut ein wahrer Segen." Auf ihrem Grundstück in Dachau kümmert sich die Naturschützerin um 24 Bienenvölker. Während des Sommers besuchen sie Obstblüten, Raps und Linden. Aber jetzt nimmt das Nahrungsangebot rapide ab. Das ist auch eine Folge der intensiven Landwirtschaft, blühende Felder oder wenigstens Randstreifen mit Blumen sind selten geworden.

BN-Kreisvorsitzender Roderich Zauscher beschränkt den Kampf gegen das Springkraut auf sensible Biotope.

(Foto: Jørgensen)

"Wir bräuchten mehr Kleewiesen"

Umso wichtiger ist das zuckerreiche Springkraut, das bis weit in den September hinein blüht. Auch die Goldrute - ebenfalls eine eingeschleppte Art - sei ein wichtiger Nektarlieferant, sagt Sabine Huber. Wenn die Natur den Bienen nicht genug Nahrung für den Winter liefert, müssen die Imker zufüttern. Und wenn sie das nicht tun, bricht unter den Bienen Krieg aus: Völker überfallen fremde Stöcke, rauben ihren Honig, schleppen Krankheiten ein oder Schädlinge wie die gefürchtete Varroamilbe. Dass Imkern auf einmal wieder im Trend liegt, hilft den dezimierten Beständen nur wenig. "Die meisten neuen Imker haben nur ein oder zwei Völker."

Sabine Huber hat zwei Dutzend. Ein Stamm befindet sich mitten in Dachau, ganz nah am Schlossgarten. Obstbäume, Frühblüher und Rosen, hier gibt es für die Bienen fast das ganze Jahr Nektar und Pollen in Hülle und Fülle und das in fantastischer Vielfalt. Die Stadt - im Vergleich zum Land schon fast ein Bienenparadies. Und natürlich machen die Blüten auch den Geschmack beim Honig aus. Aus dem säuerlichen Springkraut lässt sich wohl kaum Honig machen, den Menschen gerne essen. Aber das ist auch nicht notwendig: Er dient ja nur als Bienennahrung über den Winter.

Und was ist nun mit der Invasion des Springkrauts in Wald und Flur? Geht das immer so weiter? Der BN-Kreisvorsitzende glaubt, dass die Natur das Problem früher oder später selbst regeln wird. "Irgendwann wird sich auch hier ein Gleichgewicht einstellen." Bis dahin wuchert das Springkraut erst einmal weiter.