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Landwirtschaft:Das grüne Wunder

Erntepressefahrt

Den Streifzug durchs Feld bei Piflitz machen (von links) Biobauer Andreas Amorth, Hermann Greif, Bepflanzungspräsident vom BBV, die bayerische Landschaftsministerin Michaela Kaniber, (hinter ihr Walter Heidl, Bauernpräsident) und Landwirt Josef Kari.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"Vor vier Wochen hätte ich noch gesagt, das wird eine Katastrophe!" Bei der diesjährigen Erntepressefahrt ziehen die Bauern im Landkreis eine unerwartet positive Bilanz. Lob kommt auch von der Landwirtschaftsministerin

Von Carla Behnke, Petershausen

Die Sonne brennt, die Dirndl und Lederhosen sitzen, und das Getreide steht, als würde es dafür bezahlt. Einmal im Jahr laden der Freistaat Bayern und der Bayerische Bauernverband (BBV) Vertreter der Presse in einen Landkreis ein, um einen Ausblick auf die Ernte zu geben, einige Wochen bevor sie eingefahren wird. Dieses Jahr ist die Wahl auf den Landkreis Dachau gefallen. Auf dem Hof der Familie Kari in Piflitz bei Petershausen beginnt die Rundfahrt auf zwei Höfe, die stellvertretend für den Landkreis und den Freistaat ihre Felder präsentieren.

Erntepressefahrt

Als Biobauer gehört Amorth im Landkreis noch einer Minderheit an.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Michaela Kaniber (CSU), ihres Zeichens Landwirtschaftsministerin, heißt auf dem Kari-Weizenfeld die Gäste willkommen. Sie freut sich über die guten Nachrichten. Der April war der kühlste seit 83 Jahren, dann hatte der Mai 22 Regentage. Und jetzt rechnet der Bayerische Bauernverband mit einer überdurchschnittlichen Ernte, trotz des launischen Wetters. "Unsere Landwirte müssen sich wahrlich nicht verstecken" erklärt sie. Stolz ist sie dabei auch darauf, dass diese volle Ernte den Bayern auch ein ganzes Stück Sicherheit verschafft. In der gesamten Coronazeit, trotz Hamsterkäufen und Grenzschließungen habe es nicht einmal Lebensmittelengpässe gegeben. Ein "kleines Ernährungswunder", sei es, das die Landwirtschaft vollbracht habe. Und das habe auch die Bevölkerung gemerkt; so ist die Direktvermarktung in der Coronazeit aufgeblüht. Größte Herausforderung ist, wie befürchtet, der Klimawandel. In Franken wurden teilweise mehrere tausend Hektar durch Hagel verwüstet, teils so stark, dass die Ernte völlig zerstört wurde. Andernorts waren überschwemmungsartige Regenfälle das Problem. Für den Staat sei es unmöglich, diese Schäden zu ersetzen, aber Hilfe zur Selbsthilfe sei durchaus möglich und notwendig, so Kaniber. Daher ist eine Mehrgefahrenversicherung für bayerische Landwirte in Planung, für die das Land künftig eine Förderung von 50 Millionen Euro vorsieht.

Erntepressefahrt

Die meisten Bauern produzieren im Landkreis noch konventionell.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der starke Regen war mit teilweise 40 bis 50 Litern Niederschlag in einer Nacht auch im Landkreis Dachau spürbar. Das habe aber zum Glück kaum zu größeren Schäden geführt, erzählt Simon Sedlmair, Kreisobmann des BBV für den Landkreis Dachau. Von Hagel und Überschwemmungen ist der Landkreis verschont geblieben, auch um Erosion musste man sich noch kein Sorgen machen. Um die Wintergerste schon: "Die Bauern hocken alle auf Kohlen, weil die überreif ist," erzählt er. Normalerweise wäre die Frucht, die sonst am frühesten geerntet wird, auch schon von den Feldern, aber noch brauche es dafür einige trockene, sonnige Tage. Ähnlich sieht es mit der Futterwirtschaft aus, wo der erste Schnitt "viel zu spät" erfolgte. Allerdings wachsen die Grünpflanzen inzwischen enorm nach. Generell hat sich die Vegetation wegen der Kälte im Frühjahr stark verzögert, mit dem vielen Regen hat sie aber aufgeholt. Vor allem beim Mais habe man einen starken Vegetationssprung beobachten können. "Vor vier Wochen hätte ich noch gesagt, das wird eine Katastrophe!" Der Kreisobmann geht zwar von Ernteverzögerungen von einigen Wochen aus, schätzt den Bestand aber als gut ein. Die Forstwirtschaft sieht er dieses Jahr sehr positiv, und die Kartoffeln stehen ebenfalls gut. Insgesamt rechnet Sedlmair mit einem "überdurchschnittlichen Ertrag, wenn die Witterung bei der Ernte passt".

Das gilt auch für den Kari-Hof. Walter Heidl, Chef des BBV, ist sichtlich stolz auf die Leistung der Landwirte; er spricht darüber, dass in Bayern die Hälfte der Landwirte auf 50 000 Hektar Agrarfläche Programme wie die zur Bewahrung der Kulturlandschaft umsetzten. "Der kooperative Klimaschutz funktioniert!" Auch die Regionalität ist für ihn ein wichtiges Thema. Die Landwirtschaft habe sich hier als "Multitalent" erwiesen. "Regionale Nahrungsmittel erzeugen, die Ketten organisieren, kurze Wege" garantieren - das sei alles nicht selbstverständlich. Außerdem seien die Betriebe auch maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass der Tourismus in Bayern so erfolgreich sei. Aber er macht auch auf Probleme aufmerksam, vor denen die Landwirte stehen. Die Stimmung sei schlecht, die Preise für Schweinefleisch sind trotz EM, Grillwetter und Ende des Lockdowns gesunken, und politische Rahmenbedingungen, vor allem zum Thema Tierwohl, gestalten sich schwierig. "Ja, höhere Standards, aber die wirtschaftliche Situation auf den Betrieben muss sehr wohl auch gesehen werden."

Erntepressefahrt

Schaut doch schon ganz gut aus: Andreas Amorth probiert sich in diesem Jahr erstmals im Anbau von Sojabohnen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Rundfahrt endet auf dem Biohof von Andreas Amorth und seiner Familie. Sie bauen unter anderem Dinkel, Hafer, Lein und Hanf an; das selbstgepresste Öl aus letzteren beiden wird ab Hof verkauft. Außerdem versucht Amorth sich in diesem Jahr zum ersten Mal an Sojabohnen. Bis jetzt sieht es gut aus: "Passt einfach gut rein", erklärt er mit einem Grinsen.

© SZ vom 16.07.2021
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