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Max Mannheimer Studienzentrum Dachau:Hilfe für das Stiefkind der Politik

Displaced Persons

Das Haus ist seit Monaten leer, die freiberuflichen Referenten haben viel Geld verloren.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Abgeordnete von CSU, Grünen und SPD helfen Freiberuflern am Max Mannheimer Studienzentrum in der Corona-Krise. Der Staat soll ihre Einnahmeverluste kompensieren, befristete Werkverträge lindern die Not nur.

Das Max Mannheimer Studienzentrum in Dachau (MMSZ) hat Werkverträge an einen Teil seiner freiberuflichen Referenten vergeben, damit diese ihre Einkommensverluste durch die Corona-Krise zumindest ein wenig kompensieren können. Das hat der Bayerische Jugendring (BJR) mitgeteilt, der die Geschäftsführung der zum MMSZ gehörenden Stiftung innehat. Demnach will die Bildungseinrichtung Materialien für die Studienseminare überarbeiten und teilweise digitalisieren. Referenten, die einen Werkvertrag erhalten haben, sollen bestehende Konzepte überarbeiten und neue Bildungsmodule entwickeln. Geplant ist unter anderem, diese Materialien auf einer internetbasierten Lernplattform des MMSZ einzustellen und "so einem breiten Interessentenkreis zur Verfügung zu stellen", so der BJR.

Die Werkverträge sind befristet, sie gelten teilweise bis Mitte September. Nicht alle der etwa 30 Referenten am MMSZ haben sich um einen Vertrag beworben. Doch die Anzahl der Verträge war auch begrenzt. Insgesamt hat man laut der pädagogischen Leiterin Felizitas Raith 26 Verträge vergeben, von denen einzelne Referenten auch mehrere bekommen haben. Mit den Einnahmen durch die Werkverträge können die Freiberufler ihre finanzielle Not kurzfristig lindern. Doch was ist, wenn die Verträge in wenigen Monaten auslaufen? Wie geht es dann weiter? Diese Fragen stellen sich die Referenten. "Wir freuen uns, dass wir Verträge bekommen haben", sagt Viola Bögeholz, die freiberuflich am MMSZ arbeitet. "Doch die Werkverträge gelten nur bis Herbst." Wichtig sei den Referenten eine langfristige Perspektive und dass sie auch darüber hinaus ihre Arbeit fortführen können. "Wir würden mit den zuständigen Institutionen gerne über die Zukunft sprechen und neue Formate kreieren."

Ähnlich äußert sich Bernhard Schoßig. Er kennt das MMSZ gut. Ende der Neunzigerjahre war er der erste pädagogische Leiter des Jugendgästehauses Dachau, das 2010 in Max Mannheimer Studienzentrum umbenannt wurde. Er ist über die Nöte der Referenten in der Krise bestens informiert. "Werkverträge stellen sicherlich in der gegenwärtigen Situation eine begrüßenswerte Hilfe und schnelle Unterstützung für einige Referenten dar, die über Monate hinweg keine Einnahmen hatten", sagt er. Allerdings kämen die Verträge nur einem Teil des Teams zugute. Zudem findet Schoßig: "Die Grundsatzfrage einer angemessenen Finanzierung der coronabedingten Ausfälle wird damit nicht gelöst."

Die Freiberufler leiten am MMSZ eigentlich mehrtägige Seminare zur Geschichte des Konzentrationslagers Dachau und klären Jugendliche über Antisemitismus auf. Doch weil Schulen wegen der Corona-Pandemie seit Monaten keine Seminare buchen, sind den Freiberuflern Honorare weggebrochen, die fest einkalkuliert waren. Laut BJR fallen bis zum Schuljahresende 63 geplante ein- und mehrtägige Studienseminare aus. Einige Referenten kämpfen finanziell ums Überleben.

Das MMSZ ist nur ein Bespiel für ein strukturelles Problem, das es schon vor der Corona-Krise gab: Ausgerechnet in Deutschland findet ein großer Teil der Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus außerhalb der Schulen statt. Die gedenkstättenpädagogische Arbeit wird vielerorts von Freiberuflern geleistet, die sich in prekären Arbeitsverhältnissen befinden und kaum mehr als den Mindestlohn verdienen. Schon vor der Pandemie hatten sie es schwer, finanziell über die Runden zu kommen. Jetzt hat sich ihre Situation noch einmal verschärft. Manche müssen sich als letzten Ausweg andere Jobs suchen. Die Krise trifft auch Freiberufler anderer Einrichtungen wie das NS-Dokumentationszentrum in München.

Auf staatliche Hilfe hoffen viele vergeblich. Gerade Menschen, die in der politischen Bildung arbeiten, fallen nicht unter den staatlichen Rettungsschirm für sogenannte Soloselbstständige, weil sie oftmals bei anderen Bildungseinrichtungen geringfügig beschäftigt sind und formal nicht als Soloselbstständige gelten. Manche befürchten, dass nach der Corona-Krise, wenn die Schulen wieder regulär unterrichten, niemand mehr übrig ist, der außerschulische Seminare leiten kann. Schoßig sagt: "Die Politiker beschließen derzeit Soforthilfen und massive Unterstützungen für alle möglichen Bereiche. Doch gerade das kleine, aber durchaus wichtige Feld der außerschulischen Bildung und Gedenkstättenarbeit haben sie ebenso wie die zuständigen Ministerien überhaupt nicht auf dem Schirm."

Bernhard Schoßig, früherer pädagogischer Leiter des Mannheimer Studienzentrums, sieht den Freistaat in der Pflicht.

(Foto: Toni Heigl)

In Bayern setzen sich inzwischen Landespolitiker verschiedener Parteien für die Referenten am MMSZ ein. Der Dachauer Abgeordnete Bernhard Seidenath (CSU) beschäftigt sich seit Wochen mit dem Thema und ist mit den Referenten in Kontakt, wie er sagt. Da diese derzeit nicht vom staatlichen Rettungsschirm für Soloselbstständige profitierten, brauche es andere Lösungen. "Momentan ist da sehr viel im Fluss." Seidenath ist an mehreren Stellen aktiv. Er will prüfen, ob das Kultus- oder das Wissenschaftsministerium den Freiberuflern helfen kann. Zudem hofft er, dass sie Unterstützung aus einem neuen staatlichen Förderprogramm erhalten. Die bayerische Staatsregierung hat vor kurzem im Kabinett einen mit 30 Millionen Euro ausgestatteten Rettungsschirm für Volkshochschulen und Erwachsenenbildungseinrichtungen beschlossen. Seidenath glaubt, dass auch die Referenten des MMSZ darunter kommen könnten. Doch noch fehlen endgültige Entscheidungen. Seidenath hofft, dass der Betrieb am MMSZ baldmöglichst wieder aufgenommen werden kann. Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) teilte kürzlich mit, dass Einrichtungen wie Volkshochschulen wieder öffnen können. Sie müssten aber die vorgeschriebenen Hygieneregeln einhalten. "Das muss auch für das Mannheimer Studienzentrum gelten", so Seidenath.

Auch die Landtagsfraktion der Grünen drängt auf eine langfristige Lösung des Problems. Die Abgeordnete Gabriele Triebel fordert seit Wochen, das bayerische Förderprogramm für Soloselbstständige aufzubrechen, damit auch die Freiberufler in der politischen Bildung davon profitieren können. Zuletzt schrieb sie Ministerpräsident Markus Söder und Sozialministerin Carolina Trautner (beide CSU) einen Brief, in dem sie die Staatsregierung zum Handeln auffordert. Triebel begrüßt, dass die MMSZ-Referenten nun Werkverträge erhalten haben. "Die erste Not ist gelindert", sagt sie. "Aber das ist nur eine kurzfristige Lösung für drei Monate. Ab September muss eine neue Lösung her." Dafür müssten sich alle Beteiligten am MMSZ an einen Tisch setzen und gemeinsam überlegen, wie eine inhaltliche und qualitative Arbeit der Referenten fortgesetzt werden könne.

Auch die SPD macht Druck. "Die historische und politische Bildungsarbeit in Dachau muss trotz Corona fortgeführt werden können. Dazu gehören natürlich auch finanzielle Hilfen für die Referenten", sagt der Landtagsabgeordnete Florian von Brunn. Er sieht Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) in der Pflicht. Dieser habe "Scheuklappen" auf, sagt von Brunn. Aiwanger wolle nur Selbständige fördern, die laufende Betriebskosten nachweisen könnten, also zum Beispiel Räume angemietet hätten. Das schließe aber viele Soloselbstständige aus und sei "zutiefst ungerecht". Aiwanger seien die damit verbundenen verheerenden Folgen für die Betroffenen und die politische Bildungsarbeit "nicht bewusst oder sogar egal".

Auch von Brunn sieht ein strukturelles Problem im politischen Bildungsbereich, für das es seiner Meinung nach eine langfristige Lösung braucht: "Je länger die coronabedingten Einschränkungen bei der politischen Bildungsarbeit dauern, desto dringender brauchen wir eine Lösung und staatliche Unterstützung für die freiberuflichen Referenten. Sonst brechen uns diese wichtigen Strukturen weg", sagt er. Die politische Bildung sei ohnehin unterfinanziert. "Gerade vor dem Hintergrund, dass die AfD und andere rechtsradikale Rattenfänger versuchen, die Corona-Krise auszunutzen, muss der Freistaat jetzt in Demokratie und die Aufklärung über die NS-Vergangenheit investieren."

© SZ vom 09.06.2020
Schüler in der KZ-Gedenkstätte Dachau, 2015

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