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Demokratieerziehung:Die Stiefkinder der Bildungspolitik

Es sind Freiberufler, die maßgeblich dazu beigetragen haben, den historischen Schwur  "Nie wieder" nach dem Holocaust zu halten.

Diese Krise rückt Missstände ins Licht, die schon vor der Corona-Pandemie da waren. Marktlogik bestimmt seit Jahren das Gesundheitssystem. Eine Lehre aus der Krise: Die Privatisierungen in diesem systemrelevanten Bereich müssen aufhören, der Staat muss mehr investieren. Mit dem Gesundheitswesen ist es in Deutschland wie mit der politischen Bildungsarbeit. Vor allem Freiberufler mit prekären Arbeitsverhältnissen klären Jugendliche an gedenkstättenpädagogischen Einrichtungen über die Schoah und die NS-Geschichte auf. Die Bezahlung spiegelt jedoch nicht den Wert ihrer systemrelevanten Arbeit wider. Ein strukturelles Problem, das der Staat endlich angehen muss.

Viele Referenten verdienen weniger als den Mindestlohn, sie können sich weder für ihre Rente etwas zurücklegen noch sich für einen Krankheitsfall absichern. Dabei sind sie es, die nachfolgende Generationen gegen das Virus des Antisemitismus und Rechtsextremismus impfen. Nicht das ritualisierte Gedenken an Jahrestagen ist entscheidend. Sondern die Freiberufler leisten die eigentliche Erinnerungsarbeit, damit der Holocaust wirklich "Nie wieder" geschieht. Das "Nie wieder" ist deutsche Staatsräson. Wenn ausgerechnet in Deutschland die Demokratieerziehung und Aufklärung über den Massenmord an Juden keine systemrelevante Tätigkeit ist, wo dann?

Dass politische Bildung systemrelevant ist, zeigt die Corona-Krise. Die Lücken im geschichtlichen Wissen lassen sich in allen Gesellschaftsschichten beobachten. Sie zeigen sich derzeit fast täglich auf den "Hygiene-Demos". Antisemitismus und Rechtsextremismus haben in der Corona-Krise starken Zulauf bekommen. Doch schon vor Corona hat antisemitisches und rechtsextremes Gedankengut in bürgerlichen Milieus verfangen. Es ist bezeichnend, dass es die Krise braucht, damit das Sozialministerium ein Präventionsprojekt gegen Antisemitismus ankündigt. Doch die bloße Ankündigung reicht nicht aus. Dabei könnte das Sozialministerium konkret helfen. Das Max Mannheimer Studienzentrum befindet sich in seiner Trägerschaft. Das Ministerium könnte die freiberuflichen Referenten unterstützen, damit diese die Krise überstehen und danach ihre Arbeit wieder aufnehmen können. Das wäre eine echte Prävention gegen Antisemitismus.

© SZ vom 16.05.2020
Schüler in der KZ-Gedenkstätte Dachau, 2015

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Verschwörungsmythen rund um Corona werfen ein Schlaglicht auf die Defizite in der politischen Bildung. Doch ausgerechnet jene Referenten, die wichtige Aufklärungsarbeit leisten, müssen um ihre Existenz bangen.

Von Thomas Radlmaier

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