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Mannheimer-Studienzentrum Dachau:Referenten fürchten um ihre Existenz

Am Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau klären Freiberufler über den erstarkten Antisemitismus und Rechtsextremismus auf. In der Krise verdienen sie ohne Seminare jedoch kein Geld mehr. Zeitzeuge Abba Naor fordert nun vom Staat, sie zu unterstützten.

Abba Naor, 92, erzählt jungen Menschen in Bayern seit einem Vierteljahrhundert seine Geschichte. Er geht in Schulen und Universitäten und spricht darüber, wie ihn die Nazis deportierten und er als Jugendlicher das Ghetto Kaunas, mehrere Konzentrationslager und einen Todesmarsch kurz vor Kriegsende überlebte. Er hält die Erinnerung an die NS-Verbrechen und deren Opfer lebendig, damit so etwas wie der Holocaust nie wieder geschieht. "Ich weiß, wie wichtig die politische und historische Aufklärung der Jugendlichen ist", sagt er. "Das Nie-Wieder muss sich auch jetzt, in dieser schrecklichen Pandemie, als ernst gemeint erweisen."

Doch Abba Naor zweifelt daran, ob es den politischen Entscheidern im Freistaat wirklich so ernst ist mit der Aufklärung über den Nationalsozialismus. Denn Freiberufler, die im politischen Bildungsbereich arbeiten und genau das tun - junge Menschen über den Holocaust aufklären -, müssen wegen der Corona-Krise derzeit buchstäblich ums Überleben kämpfen. Viele fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. Am Max Mannheimer Studienzentrum (MMSZ) zum Beispiel leiten etwa 30 Referenten mehrtägige Seminare zur Geschichte und Nachgeschichte des Konzentrationslagers Dachau. Doch weil Schulen momentan keine Seminare buchen, sind den Freiberuflern Honorare weggebrochen, die fest einkalkuliert waren. Hinzukommt: Der staatliche Rettungsschirm für sogenannte Soloselbstständige greift bei ihnen nicht, weil viele Referenten etwa bei anderen Institutionen im Bildungsbereich geringfügig beschäftigt sind und formal nicht als Soloselbständige gelten. "Der Freistaat ist sich nicht darüber im Klaren, dass viele Menschen, die in der politischen Bildung tätig sind, hybridselbständig sind", sagt Nina Rabuza, eine Referentin am MMSZ. Sie promoviert derzeit im Fach Philosophie an der Freien Universität Berlin. Die Promotion finanziert sie über ein Stipendium. Am MMSZ hält sie nebenbei Seminare. Sie fordert: "Es braucht für diese Leute ganz dringend eine existenzsichernde Hilfe, die langfristig wirkt." Denn sie leisteten in einer Demokratie langfristig "systemrelevante" Arbeit.

S4-Tag

Grünen-Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel will sich für die Referenten im MMSZ einsetzen.

(Foto: Günther Reger)

Nicht nur die Referenten des MMSZ in Dachau sind betroffen. Bayernweit ist ein Großteil des gedenkpädagogischen Bildungsbereichs existenziell bedroht. Es gibt Befürchtungen, dass nach der Corona-Krise, wenn die Schulen wieder in den regulären Betrieb übergehen, niemand mehr übrig ist, der außerschulische Seminare leiten kann. Überhaupt rechnet niemand damit, dass die Bildungsprogramme noch in diesem Schuljahr angeboten werden können. Und das alles vor dem Hintergrund eines stärker werdenden Antisemitismus und Rechtsextremismus, der bis in die Mitte der Gesellschaft hineinreicht. Annette Seidel-Arpacı, Leiterin der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias), warnt gar, der Antisemitismus könne während der Corona-Krise durch die vermehrte Verbreitung von Verschwörungsmythen im Internet noch wirkmächtiger werden.

Hilferuf an die Politik

"Die Politik im Freistaat Bayern muss das MMSZ und andere Einrichtungen, die sich der Erinnerung und Aufklärung widmen, sowie seine Mitarbeiter durch die Corona-Krise tragen - zum Nutzen der ganzen Gesellschaft, deren Zukunft als offene und tolerante Gesellschaft von Rechts zunehmend bedroht ist", fordert Abba Naor. Er appelliert an die politisch Verantwortlichen im Freistaat, dem MMSZ und seinen freien Mitarbeitern in der Corona-Krise "jede erdenkliche Unterstützung zukommen" zu lassen. Diese würden im Gegensatz zu anderen freien Berufsgruppen vom Staat nicht unterstützt, sagt er und fragt: "Wie kann das sein?" Auch daran müsse sich die Politik mit ihren wiederholten Versprechen, gegen den Rechtsextremismus entschieden vorgehen zu wollen, messen lassen. "Die Pandemie ist eine sehr schlimme Angelegenheit, dennoch darf darüber nicht der Holocaust vergessen werden."

Die Referenten des MMSZ in Dachau schrieben zuletzt einen offenen Brief an die Einrichtung, in dem sie ihre Sorgen und Nöte darlegten. Es war ein Hilferuf. Doch eine erste Reaktion darauf war niederschmetternd für die Freiberufler. Haushaltsrechtlich sei leider nichts möglich, hieß es. Nun arbeitet man beim Bayerischen Jugendring (BJR), der die Geschäftsführung der zum MMSZ gehörenden Stiftung inne hat, an möglichen Lösungen in Form von begrenzt geltenden Werkverträgen. Wie genau diese aussehen sollen und wie viele Verträge überhaupt ausgeschrieben werden, verschweigt der Jugendring auf Nachfrage: "Die erarbeiteten Vorschläge müssen nun den zuständigen Stiftungsorganen des MMSZ zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt werden", teilt der BJR lediglich mit.

Gedenkfeier

Abba Naor fürchtet, Einrichtungen zur historisch-politischen Bildung könnten die Krise nicht überleben.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Teilnahme an den pädagogischen Programmen des Max-Mannheimer-Studienzentrums ist für Schulklassen kostenlos. Die Seminare werden von den Trägern der Stiftung Jugendgästehaus Dachau subventioniert. Diese sind der Freistaat Bayern, die Stadt Dachau und der Landkreis Dachau, wobei der Freistaat mit 60 Prozent den Löwenanteil trägt. Begrenzt geltende Werkverträge dürften jedenfalls kaum ausreichen, um die schon seit März eingetretenen und in den nächsten Monaten drohenden Einkommensverluste der Referenten zu kompensieren. "Die bestehenden Lösungsansätze können nun die drängendsten Härten abfedern, decken aber nur ein begrenztes Zeitfenster ab", heißt es in einer Stellungnahme der Referenten. "Die Einrichtungen und die freien Mitarbeiter brauchen von Seiten der Politik nun weitere Signale und Zugeständnisse, um auch gemeinnützige Tätigkeiten im außerschulischen Bildungsbereich abzusichern." Bisher fehlt ein solches Signal an den entscheidenden Stellen.

"Schüler gegen Antisemitismus impfen"

Gabriele Triebel will, dass sich das ändert. Sie sitzt für die Grünen im Landtag und ist Fraktionssprecherin für Bildung und Erinnerungskultur. Sie will sich nun für Freiberufler einsetzen, die im politischen Bildungsbereich tätig und bisher bei staatlichen Förderprogrammen leer ausgegangen sind. "Wir müssen schauen, dass wir diese wichtige Bildungsarbeit nach dem Lockdown in gleicher Qualität und Quantität erhalten können", sagt sie. Schließlich würden die Freiberufler eine für ein "friedvolles Miteinander" entscheidende Aufgabe leisten und "Schüler gegen das Virus Antisemitismus und Rechtsextremismus impfen". Triebel möchte das bayerische Förderprogramm für Soloselbstständige aufbrechen, damit auch die Freiberufler im politischen Bildungsbereich davon profitieren können. Eine andere Möglichkeit wäre ein Härtefallfonds speziell für diese Leute, sagt Triebel. Sie will nun direkt auf Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zugehen. "Ich hoffe, dass die Staatsregierung die Wichtigkeit erkennt", sagt sie.

Das hofft auch Abba Naor. 75 Jahre nach Kriegsende müssten Holocaust-Überlebende feststellen, "dass antisemitisches und rechtsradikales Gedankengut nicht nur an den Rändern der Gesellschaft, sondern auch in ihrer Mitte um sich greift", sagt er. Die gedenkstättenpädagogische Aufklärung über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen sei ein "wesentliches Element", um gegen diesen Rechtsruck in der Gesellschaft vorzugehen. Dabei würden Einrichtungen wie das MMSZ und deren Mitarbeiter eine "hervorragende und unverzichtbare Arbeit" leisten. "Wollen wir am Ende der Pandemie, ob nun in einem halben oder in eineinhalb Jahren, feststellen, dass solche Einrichtungen der historisch-politischen Bildung und Erziehung zusammengebrochen, dass ihre Mitarbeiter ins existenzielle Aus getrieben worden sind, weil für sie in der Krise kein Rettungsschirm aufgespannt wurde?" Abba Naor ist sich sicher, dass auch der Namensgeber des Max-Mannheimer-Studienzentrums, der Auschwitz-Überlebende Max Mannheimer, das nicht gewollt hätte.

© SZ vom 02.05.2020/gsl
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