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Illegales Autorennen:"Reiner Zufall, dass nicht mehr passiert ist"

Auto

Drei Angeklagte stehen nach einem illegalen Autorennen im Landkreis Dachau vor Gericht.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Nach einem illegalen Autorennen auf der A 8 bei Dachau verlieren die drei Teilnehmer ihre Jobs. Das Amtsgericht verurteilt sie nun noch zu harten Strafen. Im Landkreis gibt es immer wieder Probleme mit Rasern.

Von Thomas Radlmaier

Das Rennen startet um kurz vor vier an einem Samstagnachmittag. Zwei Mercedes und ein BMW heizen bei Langwied auf die A8 in Richtung Stuttgart. Die Fahrer, 27, 28 und 37 Jahre alt, drücken die Gaspedale durch. Noch beim Auffahren auf die Autobahn verliert einer von ihnen fast die Kontrolle über seine Karre. Er ist viel zu schnell dran, kracht beinahe in ein anderes Fahrzeug und muss auf die Hauptspur ausweichen. Die drei Männer rasen mit ihren Autos bis zur Ausfahrt Odelzhausen. Von dort brettern sie zurück in Richtung München bis zur Anschlussstelle Dachau/Fürstenfeldbruck.

Die Tachonadeln stehen weit über den erlaubten 120 Kilometern pro Stunde. Die drei Raser überholen sich gegenseitig, ziehen rechts oder links aneinander vorbei. Sie nehmen keine Rücksicht auf andere. Sie fahren zu dicht auf, drängeln, geben anderen Autofahrern andauernd Lichthupen. Als sie die Tankstelle an der B471 in Geiselbullach erreichen, ist das Rennen vorbei. Doch gewonnen hat keiner bei dieser Wahnsinnsaktion.

Elf Monate sind seitdem vergangen. Jetzt sitzen die drei Männer auf der Anklagebank im Amtsgericht Dachau. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen veranstaltet zu haben. Es sei reiner Zufall, dass nicht mehr passiert sei, sagt die Staatsanwältin. Durch die Fahrweise seien andere Verkehrsteilnehmer erheblich gefährdet gewesen. Die drei Angeklagten räumen die Vorwürfe ein. Sie bekommen jeweils eine empfindliche Geldstrafe und Fahrverbote.

Dieses illegale Autorennen ist kein Einzelfall. Immer wieder kommt es im Landkreis Dachau vor, dass sich meist junge Menschen mit ihren meist viel zu hoch motorisierten Schlitten auf der Straße messen. Erst Ende Oktober lieferten sich zwei Autofahrer ein Duell auf der A8 in Richtung Stuttgart. Sie rasten zwischen dem Dreieck Eschenried und der Ausfahrt Dachau/Fürstenfeldbruck über alle drei Fahrstreifen. Beamten der Bereitschaftspolizei Königsbrunn nahmen mit ihren Einsatzfahrzeugen die Verfolgung auf.

Die Polizisten beobachteten, dass das eine Auto das andere überholte und dabei so schnitt, dass alle nachfolgenden Fahrzeuge stark abbremsen mussten. Über mehrere hundert Meter hinderten sich die beiden Fahrer durch Abbremsen und Beschleunigen gegenseitig am Überholen oder Fahrstreifenwechsel, und das mitten im dichten Wochenendverkehr. Die Polizisten konnten zu einem Auto aufschließen und stoppen. Der andere Fahrer flüchtete unerkannt.

Auch die Stadt Dachau hat ein Raser-Problem. Seit Jahren treffen sich auf dem Schlossplatz junge Erwachsene, um dort mit ihren aufgemotzten Schlitten zu posen. Sie fahren regelmäßig weit nach 23 Uhr mit ihren getunten Autos das Kopfsteinpflaster der Kloster- und Schloßstraße rauf und runter und bringen so die etwa 150 Anwohner um ihren Schlaf. Vom Schlossplatz aus starten sie mit ihren Karossen illegale Straßenrennen nach München. Die Poller auf Höhe der Hexengasse, welche die Stadt im vergangenen Jahr in der Straße einbauen ließ, erweisen sich als wirkungslos, da die Raser diese mit einem Trick umgehen. Auch verstärkte Kontrollen der Polizei schrecken die Poser nicht ab.

Im Oktober 2017 wurden illegale Autorennen von einer Ordnungswidrigkeit zur Straftat hochgestuft. Seitdem kann schon die Teilnahme an solchen Rennen mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden. Zuvor gab es nur Geldbußen. Ein neuer Paragraf im Strafgesetzbuch sieht zudem bis zu zehn Jahre Gefängnis vor, wenn durch ein "verbotenes Kraftfahrzeugrennen" der Tod eines anderen Menschen verursacht wird. Erst Mitte Oktober kam eine Frau bei einem mutmaßlich illegalen Autorennen auf der A66 in Hessen ums Leben. Beim Überholen mit Tempo 200 soll einer der Beteiligten die Kontrolle über seinen PS-starken Wagen verloren haben, gegen die Mittelleitplanke gerast und dann mit einem unbeteiligten Auto kollidiert sein. Die Wagen fingen sofort Feuer. Die Frau konnte nicht mehr gerettet werden.

"Ich hatte seit dem Führerscheinentzug Existenzängste"

Bei dem Straßenrennen, das sich die drei Männer Ende November 2019 auf der A8 zwischen Langwied und Odelzhausen liefern, kommt glücklicherweise niemand zu Schaden. Zufällig bemerken Polizisten einen der drei Raser, als dieser an der Anschlussstelle Odelzhausen mit hoher Geschwindigkeit wieder auf die Autobahn fährt. An der Tankstelle an der B471 in Geiselbullach, die den Verkehrspolizisten als sogenannter "Tuning-Treff" bekannt ist, stellen Beamte die drei Männer. Sie müssen ihre Führerscheine abgeben. Die zwei Mercedes und den BMW zieht die Polizei ein und verfrachtet die Autos zu einer Verwahrstelle.

Jetzt, elf Monate später, müssen sich die Männer wegen des illegalen Rennens verantworten. Die Angeklagten bereuen den Tag, der das Leben jedes einzelnen ziemlich durcheinandergebracht hat. Sie haben durch den Verlust des Führerscheins auch ihre Jobs verloren. Die beiden Jüngeren verdienen ihr Geld eigentlich damit, dass sie sich dabei filmen, wie sie Autos reparieren, und die Videos auf Youtube hochladen. Dort haben sie mehr als 200 000 Abonnenten. Doch da sie nun seit fast einem Jahr nicht mehr Autofahren dürfen, können sie keine Sponsorenverträge mehr abschließen. Einer von ihnen hat davor zudem als TV-Moderator für eine Autosendung gearbeitet. Auch das könne er seitdem nicht mehr machen, sagt er vor Gericht. "Ich habe elf Monate lang viel darüber nachgedacht."

Auch sein Freund und Geschäftspartner spricht von einem "Denkzettel", den er bekommen habe. Der Ältere der drei Angeklagten arbeitet eigentlich als Fahrer für einen landwirtschaftlichen Betrieb. Er leidet seit dem Vorfall nach eigenen Angaben unter gesundheitlichen Problemen. "Das hat mich mitgenommen. Ich hatte seit dem Führerscheinentzug Existenzängste."

Da die drei Angeklagten vollumfänglich gestehen, geht es an diesem Tag vor Gericht nur um die Frage, wie sie zu bestrafen sind. Richter Lukas Neubeck verurteilt sie jeweils zu empfindlichen Geldstrafen im vierstelligen Bereich. Sie erhalten ein sechsmonatiges Fahrverbot. Zudem bekommen sie ihre Autos nicht zurück. Neubeck sagt zu den Angeklagten, sie seien nicht der "klassische Fall", wie man sich Teilnehmer eines illegalen Autorennens eigentlich vorstelle.

© SZ vom 03.11.2020/lfr
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