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Cytotec in der Geburtshilfe:Schwangere und Mütter in München sind verunsichert

Hebammen-Studiengang im Nordosten

Die Berichterstattung über Cytotec habe sie und ihre Kolleginnen "sehr überrascht", sagt eine Münchner Hebamme (Symbolbild).

(Foto: dpa)
  • Cytotec wird in den Münchner Kliniken "seit Langem geburtseinleitend eingesetzt", heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme "großer geburtshilflicher Kliniken aus München und dem Umland".
  • Hebammen und Ärzte beobachteten nach den Medienberichten über den Einsatz des Medikaments in der Geburtshilfe "mit Sorge die dadurch verursachte starke Verunsicherung der Schwangeren", hieß es weiter.
  • Auch Mütter, die bereits vor längerer Zeit entbunden hätten, würden "nachträglich verängstigt".

Auch in München herrscht Verunsicherung über das Medikament Cytotec. Am Donnerstag veröffentlichte das Klinikum Dritter Orden eine gemeinsame Stellungnahme "großer geburtshilflicher Kliniken aus München und dem Umland" zu der Anwendung des Mittels mit dem Wirkstoff Misoprostol vom Hersteller Pfizer. Demnach wird Cytotec in den Münchner Kliniken "seit Langem geburtseinleitend eingesetzt". Nach Angaben des Pressesprechers des Dritten Ordens gelte die Stellungnahme auch für die städtischen Kliniken, die Unikliniken der LMU und TUM, die Rotkreuzklinik an der Taxisstraße sowie für die Einrichtungen in Rosenheim und Ebersberg.

Recherchen von Süddeutsche Zeitung und Bayerischer Rundfunk hatten Cytotec bei der Verabreichung zum Einleiten der Geburt in Zusammenhang mit schweren Komplikationen wie Hirnschäden beim Kind gestellt. Das Klinikum Dritter Orden in Nymphenburg hatte bereits am Mittwoch auf die Berichte reagiert. Auf der Homepage war zu lesen: "Um eine Verunsicherung unserer Gebärenden zu verhindern, haben wir, trotz sehr guter Erfahrungen, die Geburtseinleitung mit Cytotec aktuell gestoppt." Man erwarte eine offizielle Stellungnahme "der Fachgesellschaften". Ob es bei anderen großen Münchner Kliniken zu einem aktuellen Stopp der Anwendung von Cytotec bei der Geburtshilfe gekommen ist, war am Donnerstagabend nicht eindeutig zu klären.

In der Stellungnahme heißt es weiter, Hebammen und Ärzte beobachteten nach den Berichten "mit Sorge die dadurch verursachte starke Verunsicherung der Schwangeren". Auch Mütter, die bereits vor längerer Zeit entbunden hätten, würden "nachträglich verängstigt". In der Stellungnahme heißt es weiter: "Die wissenschaftliche Studienlage rechtfertigt den Einsatz geburtseinleitender Medikamente und Medizinprodukte für klar definierte Indikationen."

Cytotec ist ein Magenschutzmittel, das in Deutschland keine Zulassung für die Einleitung von Geburten hat. Im sogenannten "Off-Label-Use" wird es dennoch verwendet. Aufgrund der Therapiefreiheit ist dies Ärzten erlaubt, in der Geburtshilfe sei es "unverzichtbar", heißt es in der Stellungnahme des Dritten Ordens, weil nur wenige Präparate in der Schwangerschaft zugelassen seien. Die gravierenden Komplikationen seien "äußerst selten" und zudem ein direkter Zusammenhang mit dem Wirkstoff "nicht bewiesen".

Die Berichterstattung über Cytotec habe sie und ihre Kolleginnen "sehr überrascht", sagt Jessica Kreuz, eine erfahrene Münchner Hebamme. Aus ihrer 15-jährigen Berufspraxis kenne sie das Mittel sehr gut. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass es an fast jeder Klinik verwendet wird", sagt Kreuz. Man habe in der Praxis mit dem Mittel bessere Erfahrungen als mit anderen Präparaten gemacht. Das Vertrauen in die Geburtshilfe sei durch die Berichte "ganz schön erschüttert" worden, beklagt Kreuz: "Hut ab für alle Kolleginnen, die jetzt die große Verunsicherung und die Ängste der Mütter abfangen müssen." Sie selbst würde, wenn es medizinisch notwendig ist, das Mittel ebenfalls nehmen.

Cytotec wurde von Pfizer 2006 vom deutschen Markt genommen. Möglicherweise habe sich das Medikament nicht rentiert, mutmaßt Kreuz. Ein zugelassenes Vaginalgel zur Geburtseinleitung vom selben Hersteller sei für erheblich mehr Geld im Verkauf, liste aber ähnliche Nebenwirkungen auf.

© SZ vom 14.02.2020/amm
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